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       # taz.de -- Ägyptischer Megastar Abdel-Wahab: Die Frau und der Vormund
       
       > Sherine Abdel-Wahab ist einer der größten Popstars der arabischen Welt.
       > Ihr Aufstieg, Absturz und Fremdbestimmung erinnert an den Fall Britney
       > Spears.
       
   IMG Bild: Sherine Abdel-Wahab bei der Eröffnung des Sidon International Festival 2017 in Saida, Libanon
       
       Fast jeder in der arabischen Welt kennt Sherine Abdel-Wahab. Bekannt wurde
       die ägyptische Sängerin, die alle bei ihrem Vornamen nennen, in den frühen
       nuller Jahren, als ihre Single [1][„Ah ya Leil“] in allen Musikcharts der
       arabischen Welt ganz oben platziert war. Ihr Song [2][„Sabry Alil“] ist
       aktuell ein TikTok-Hit.
       
       Der Sound von Sherine ist deutlich von westlicher elektronischer Popmusik
       beeinflusst. Doch, was den Gesang angeht, basieren ihre Songs eindeutig in
       der ägyptischen Sing-Tradition. Die charakteristische melismatische Form
       des Gesangs wird kombiniert mit einer tiefen und emotional direkten
       Ansprache in ihren Songtexten. Sherines Texte handeln oft von Herzschmerz,
       Sehnsucht und Versöhnung – wegen solcher Themen verlieh man ihr den Status
       einer „Königin der Gefühle“. Böse Zungen behaupten zwar, dass es ihr an
       einem eigenständigen Stil beim Songwriting fehlt und ihre Musik vor allem
       durch die emotionale Ebene angetrieben wird.
       
       Aber: Ihr Repertoire steht fest in der Tradition der balladesken
       ägyptischen Liedeslieder. Und dabei zählen nun mal die intime Geständnisse
       und der expressive Gesangsstil mehr als technische Vollkommenheit oder
       musikalische Komplexität. Die meisten Songs sind im ägyptischen Arabisch
       gesungen. Dabei hat Sherrine inzwischen einen erkennbaren zeitgenössischen
       Sound angenommen, der mit der allgemeinen Entwicklung des Arabpop Schritt
       hält, digital produziert und medienaffin inszeniert wird.
       
       Bei aller Professionalisierung, fußt ihre künstlerische Identität immer
       noch auf einer glaubwürdigen Offenheit – Sherines Songs klingen weniger
       nach Glamour und künstlerischer Raffinesse und eher nach Bekenntnis. Daraus
       wird ersichtlich, dass Sherine nicht nur ein Star ist – sondern auch eine
       Künstlerin mit einem gewissen gesellschaftlichen Freimut. Und damit steht
       sie auf verschiedene Arten im Rampenlicht.
       
       ## Immer wieder kritisiert sie den Staat
       
       Geboren im Armenviertel Al-Qala’a in Kairo wirkt Sherines Geschichte
       zunächst wie ein Art Märchen: Ihre Grundschullehrerin überzeugte die
       Eltern, sie dem Dirigenten des Kairoer Orchesters vorstellen zu dürfen. Der
       mochte ihre Stimme, nahm sie als Mitglied seines Chors auf. Danach wirkte
       sie in erfolgreichen Duetten mit prominenten Sängern mit, veröffentlichte
       später eigene Hit-Singles, gefolgt von acht Soloalben.
       
       Wie in allen Märchen folgte auf den Erfolg aber Ärger. Und im Image des
       Vorzeigestars traten Risse auf. Im März 2019 wurde Sherine beschuldigt, den
       ägyptischen Staat gedemütigt zu haben. Ein Fan hatte ihr zugerufen: Sie
       solle das Lied „Mashrebtesh Men Nilha?“ ([3][Hast du nicht aus dem Nil
       getrunken?]) singen. Sie antwortete: Das Wasser werde „Bilharziose
       bescheren; trink lieber Evian.“ Die Folge: Ein Urteil über sechs Monate
       Gefängnis wegen Beileidigung des Staates und der Verbreitung von Fake News.
       
       Später spielte sie während eines Festivals in Bahrain auf den Vorfall an,
       indem sie sagte: „Ich kann hier sagen, was ich will, anders als in
       Ägypten“. Ein bekannter ägyptischer Anwalt verklagte Sherine dann erneut
       wegen Beleidigung des Staates.
       
       Allein durch diese Vorfälle lässt sie sich in der ägyptischen Gesellschaft
       als labile, unkontrollierbare Frau darstellen. Ein Bild, das sich dadurch
       untermauern lässt, dass sie – Skandal – zweimal verheiratet war. Zunächst
       mit dem Komponisten Mohamed Moustafa, mit dem sie zwei Kinder hat und von
       dem sie sich 2012 scheiden ließ. Im Jahr 2018 heiratete die Sängerin
       erneut, diesmal den ägyptischen Sänger Husam Habib, selbst ein Star. Die
       Ehe erregte viel Aufmerksamkeit, 2021 ließen sie sich scheiden.
       
       Das Boulevard lässt sie nicht in Ruhe
       
       Arabische Boulevardzeitungen schrieben ihr nach der Trennung die Aussage
       zu: „Ich bin jetzt frei“. [4][Im Dezember 2021 erschien sie nach einer
       Pause wieder auf der Bildfläche], mit rasiertem Kopf und mehr Gewicht. Und
       sagte, sie habe sich die Haare abgeschnitten, um sich selbst zu bestrafen –
       für all das Leid, das sie sich wegen ihrer Liebe zu Habib zugefügt habe.
       
       Doch das Paar heiratete 2022 erneut. Kurz nachdem Sherine in den sozialen
       Medien gepostet hatte, dass sie und ihr Ex-Mann sich versöhnt hätten, wurde
       berichtet, dass sie in eine psychiatrische Klinik verlegt worden sei. Es
       gab Vorwürfe, sie sei von ihrem eigenen Bruder körperlich misshandelt
       worden. Ihr Bruder erklärte wiederum, er habe seine Schwester aufgrund
       ihres Drogenkonsums zusammen mit ihrem Ehemann in eine Reha-Einrichtung
       eingewiesen. Angeblich, um sie vor ihm zu retten. Wieder ein Skandal.
       
       Dass Frauen von den Männern in ihrem Leben kontrolliert werden ist gerade
       in arabischen Gesellschaften weit verbreitet. Frauen sind Tochter eines
       Mannes, Schwester eines Mannes, dann Ehefrau eines Mannes und schließlich –
       vielleicht – Mutter eines Mannes.
       
       Das Ägyptische Zentrum für Frauenrechte warnt etwa: Die Geschichte Sherines
       sei die vieler ägyptischer Frauen, „denen das Recht verwehrt wird, sich
       innerhalb der patriarchalischen Familienstruktur selbst zu vertreten“. Das
       Zentrum forderte Schutzmaßnahmen, um Sherines Rechte, sowohl als Patientin
       als auch als Frau zu schützen.
       
       ## Die Ähnlichkeit zum Fall Spears ist frappierend
       
       Im vergangenen Januar wurde Sherine erneut das Ziel von Tratsch: Zunächst
       gab es Behauptungen, sie liege in einer Klinik, später wurde berichtet, sie
       lebe nun unter der Aufsicht ihrer Familienangehörigen. „Ich habe das
       Gefühl, dass Sherine langsam verschwindet. Ich weiß nichts über sie – mit
       wem sie zusammen ist, wie es um ihre Gesundheit steht oder wie ihr soziales
       Leben aussieht“, sagte TV-Persönlichkeit Amro Adib damals. Und forderte die
       Ägypterinnen und Ägypter auf: „Helft mir, gemeinsam mit mir nach Sherine zu
       suchen.“
       
       Die Ähnlichkeiten zwischen Sherines Fall und dem der US-amerikanischen
       Sängerin Britney Spears sind unübersehbar. Vielleicht davon inspiriert
       überschwemmten damals Sherines besorgte Fans das Internet mit dem Hashtag
       „#Where_Is_Sherine“.
       
       Nun ist sie zurück: Mit zwei Singles und TV-Interviews – in denen sie
       erklärte, sie habe sich erholt. Von etwas, das sie als „die Szene in
       Titanic“ beschrieb, „in der Kate Winslet auf einem Holzbrett liegt, während
       das Wasser gefriert und sie fast am Rande des Todes steht“.
       
       Sherines Geschichte ist kein Einzelfall: Popkultur ist voller Diven, die
       unter Gewalt litten. Und das insbesondere in Gesellschaften, in denen das
       Leiden von Frauen üblicherweise als „Privatsache, in die man sich nicht
       einmischen sollte“ betrachtet wird. Gesellschaften, die von ihren Frauen –
       und gerade denen im Rampenlicht – erwarten, dass wie makellos und
       wohlerzogene Puppen sind.
       
       Die Gewalt gegen sie eskaliert manchmal bis zum Mord – wie im Fall der
       tunesischen Sängerin Thikra, die 2003 von ihrem Ehemann in ihrer Kairoer
       Wohnung getötet wurde. Oder der libanesischen Sängerin Susan Tamim, die
       2008 mit deutlichen Spuren von Gewalt an ihrem Körper in ihrer Wohnung in
       Dubai tot aufgefunden wurde.
       
       Doch heute, auch dank der sozialen Medien, bekommen ihre Schicksale mehr
       Aufmerksamkeit. Und die Fans sind wachsam. Online werden emotionale
       Interviews, plötzliches Verschwinden, seltsame Instagram-Posts, Handgesten
       oder kryptische Bildunterschriften diskutiert, vermeintliche Hilferufe
       daraus abgeleitet.
       
       Geschichten wie die von Sherine und anderen bekannten Frauen in Not
       spiegeln die Gesellschaft. Und wenn sie und ihre Fans immer mehr ihre
       Geschichte für sich reklamieren, wächst daraus Bewusstein. Und vielleicht
       eine Veränderung der Gesellschaft.
       
       20 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.youtube.com/watch?v=lCaX2-MK_D8&list=RDlCaX2-MK_D8&start_radio=1
   DIR [2] https://www.youtube.com/watch?v=cs_ZAIrzUio
   DIR [3] https://www.youtube.com/watch?v=Ctfo7PtGYb8&list=RDCtfo7PtGYb8&start_radio=1
   DIR [4] https://x.com/EgyptTodayMag/status/1469418149707718663?s=20
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Janan Basoul
       
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