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       # taz.de -- Politische Kunst über Iran: Utopisch, um Verzeihung zu bitten
       
       > Bonbonrosa und unerschrocken: Im Osnabrücker Ausstellungsraum Hase29
       > streuen Gegenwartskünstler:innen aus dem Iran Salz in politische
       > Wunden.
       
   IMG Bild: Blick in die Ausstellung: Parastou Forouhars scheinbar süße Luftballons und Nazanin Nooris „Verzeihung“-Schriftzug im Hintergrund
       
       Wer die Ausstellung „Widerstand“ des Osnabrücker Kunstraums Hase29 betritt,
       stößt, nur wenige Schritte hinter dem Eingang, auf ein rosapinkes
       Seidentuch. Es liegt, wie schwerelos aus der Luft herabgesunken, auf dem
       Boden, in fragilem Faltenwurf. Auf ihm steht, in Farsi, in Persisch: „Ein
       Künstler, der kein Farsi spricht, ist kein Künstler.“
       
       Die paradoxe Absurdität dieser Installation: Die deutsch-iranische
       Künstlerin Anahita Razmi, von der sie stammt, spricht diese Sprache selbst
       nicht. Ist die Kunst vor uns also gar keine? Razmis Tuch, zur zusätzlichen
       Verfremdung in China produziert, dient als Mittel zur Frage: Was definiert
       mich als Mensch, als Künstlerin? In meinen Augen, in denen der
       Gesellschaft? Wie erlange ich Selbstwirksamkeit?
       
       Ein starker und visuell doch so sanfter Auftakt ist das für eine der
       politischsten, ethisch mahnendsten Kunstschauen, die in Osnabrück dieses
       Jahr zu sehen sind. Ihr Untertitel „Von feinen Rissen und tiefen
       Erschütterungen“ signalisiert: Die vier Künstlerinnen der Schau, neben
       Razmi sind es Homa Emami, [1][Parastou Forouhar] und Nazanin Noori, jede
       mit Iran-Exil-Hintergrund, versetzen uns, so feinnervig wie schockhaft, in
       eine Welt der Fremdbestimmung, der es entgegenzutreten gilt.
       
       Es geht ihnen allen um Menschen- und Freiheitsrechte, um innere wie äußere
       Rebellion, um Identität, um die Hoffnung auf Wandel. Das ist subtil. Das
       ist produktiv verstörend. Und düster. Wie Forouhars Installation „I
       Surrender“ aus schwebenden Helium-Ballons. Auf den ersten Blick scheinen
       die rosa-weiß gemusterten Ballons kindhaft-harmlos, auf den zweiten sieht
       man, dass auf ihnen Szenen von Fesselung und Folter abgedruckt sind.
       
       ## Kettenhemd aus Frauenhaar
       
       Auch düster, obwohl auf den ersten Blick ebenso leichthändig: Homa Emamis
       feministische „Rüstung des Widerstands“. Es ist ein Kettenhemd. Seine
       hauchdünnen, betont weiten Ringe sind aus dem [2][Haar vieler Frauen
       geknüpft]. Das lässt an die Proteste nach dem Tod der Kurdin Jina Mahsa
       Amini denken, die 2022 in Teheran durch Polizeigewalt starb. Frauen
       schnitten sich damals das Haar ab, aus Wut auf das übermächtige, repressive
       System in Iran. Wenn es Schutz gibt, signalisiert uns Emamis Nicht-Panzer,
       dann nur durch den Verbund der vermeintlich Wehrlosen.
       
       Die gesamte Rückwand nimmt Nazanin Nooris Installation „The Party Of God.
       Well Did We Live“ ein. Ein Faltenvorhang aus islamgrüner Lastwagenplane,
       davor mit persischen, in Gelb getönten Schriftzügen das Wort „Verzeihung“.
       Das spielt farblich auf das Logo der Hisbollah im Libanon an, die
       schiitische Miliz wurde maßgeblich durch Iran gegründet und radikalisiert.
       Eine Hisbollah, die um Verzeihung bittet? Utopisch, ließe sich denken. Aber
       was wäre unsere Welt ohne Utopien? Was das gleichzeitig meint: Iran müsste
       um Verzeihung bitten, für die Entstehung der Hisbollah und das Anheizen der
       Konflikte in Nahost.
       
       Die Schau ist keine Reaktion auf den derzeitigen Krieg im Persischen Golf,
       auf die in Iran blutig niedergeschlagenen Proteste Ende 2025/Anfang 2026;
       die Planung für sie hat weit früher begonnen. Aber je brisanter die
       politische Lage, desto konfliktträchtiger ist auch die Ausstellung. Das
       macht Schutzmaßnahmen nötig: „Wir müssen mit Aktionen von Unterstützern des
       derzeitigen Regimes im Iran rechnen, auch von oppositionellen
       Monarchisten“, sagt Julian Lautenbach, Künstlerischer Leiter der Hase29:
       „Da ist auch Gewalt nicht auszuschließen.“
       
       Denn auch ein von allen hier versammelten Künstler:innen erhoffter
       Neuanfang in Iran ist konfliktreich. Darauf macht Noori in ihrem
       sarkastischen Acrylglasschild „Sunset“ aufmerksam. Das sieht aus wie eine
       Firmenbeschriftung. „Pizza Pahlavi“ steht darauf, vor einer Sonnenscheibe.
       Pizza, statt Macht? Exilant Reza Pahlavi, der älteste Sohn des letzten
       Schahs, der in Iran gerade seine Sonne aufgehen hofft, wird das nicht
       freuen. Gut so.
       
       30 Jun 2026
       
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