# taz.de -- Hamburgs Alter Elbtunnel: Hübsche Ausblicke unter der Elbe
> Hamburgs erster Elbtunnel von 1911 ist fertig saniert. Die Reliefs sind
> beim Spazieren durch die Röhre sehenswert. Und Autos? Kommen weiterhin
> nicht durch.
IMG Bild: Unter Wasser schaut man im Alten Elbtunnel auf Wassertiere
Ist es rührend oder zynisch, sich vorzustellen, wie Tausende Werftarbeiter
frühmorgens durch den Alten Elbtunnel in Hamburg laufen – vorbei an fein
glasierten Reliefbändern und Fliesen mit Wassertieren: Fischen, Seesternen,
Hummern? Die Arbeiter haben zehn bis zwölf Stunden schmieden und nieten vor
sich, aber dafür wenigstens einen hübschen Arbeitsweg.
Der 1911 fertiggestellte Tunnel unter der Norderelbe war eine technische
Meisterleistung seiner Zeit, ein funktionales Bauwerk, auf dessen
Gestaltung seine Erbauer viel Mühe verwandten. Entsprechend aufwendig war
die kürzlich abgeschlossene denkmalgerechte Sanierung. Jetzt sind wieder
beide Röhren des 426,5 Meter langen Bauwerks zwischen den
St.-Pauli-Landungsbrücken und der gegenüberliegenden Elbinsel Steinwerder
begeh- und befahrbar.
## Säulenportal wie in Rom
Schon der Einstieg ist ein Erlebnis. Man durchschreitet ein Säulenportal,
das dem Pantheon in Rom nachgebildet ist, zeitgenössische Spötter
allerdings an ein Mausoleum erinnerte. Danach geht es weiter wie im
Bergwerk: In Lastenaufzügen geht es hinab auf die 23 Meter tiefer gelegene
Tunnelsohle. Vier Aufzüge fahren nebeneinander. Alle könnten locker ein
Auto tragen, aber der Kfz-Verkehr in dem Tunnel ist 2019 eingestellt
worden.
Die Fahrstühle sind in einen runden Schacht eingebaut, der so groß ist,
dass sich darin ohne Weiteres Frisbee spielen ließe. Besonderen
geometrischen Reiz verleihen ihm zwei gegenläufige Treppenanlagen. Sie
wurden für den Notfall angelegt. Von den Treppen aus wird aber das
besondere Raumgefühl dieses Abgrunds erfahrbar, und die hier ebenfalls
vorhandenen Wandreliefs sind dazu einen Blick wert.
Geschaffen hat sie der Künstler Hermann Perl: Reliefs zum Auftrag, Bau und
Durchstich des Tunnels. Auch die am Bau beteiligten Herren der
Hafenverwaltung, der einst renommierten und inzwischen verschwundenen
Baufirma Philipp Holzmann sowie den Architekten Otto Wöhlecke hat Perl in
keramischen Reliefs verewigt.
Der Stolz der Herren war nicht unberechtigt. Für Unterwassertunnel gab es
nur wenige Vorbilder, und die Baustelle musste unter Druck gesetzt werden,
damit nicht Wasser, Sand oder Schlick eindringen konnten. Gearbeitet wurde
in einer Schildvortriebsmaschine: einer riesigen Dose, an deren Spitze
heutzutage ein Schneidrad läuft, damals jedoch Arbeiter von Hand die Erde
abgruben. Am hinteren Ende der Maschine versteiften Arbeiter die Tunnelwand
mit Eisenringen aus mehreren Segmenten, sogenannten Tübbings. Diese wurden
miteinander vernietet und die Zwischenräume mit Blei abgedichtet.
Um den Druck aufrechtzuerhalten, wurde zum Ausgang hin eine Betonwand mit
Schleusen errichtet. Verließen die Leute die Baustelle, ereilte sie die
damals noch wenig erforschte Taucherkrankheit. Hunderte erkrankten zum Teil
schwer. Zwei Arbeiter und ein Ingenieur starben daran. Um dem Problem
beizukommen, stellte die Stadt einen erfahrenen Experten als
„Pressluftarzt“ an: den Neurologen Arthur Bernstein, der zusammen mit
seiner Frau Olga Adele die Überwachung und Behandlung der
Baustellenmitarbeiter übernahm. Bernstein verlängerte die
Ausschleusungszeiten und richtete auch eine Druckluftkammer für Kranke ein,
um sie behandeln zu können.
## Ein Ort mit toller Akustik
Heute nutzen den Tunnel zum einen Touristen, zum anderen Radfahrer und
Fußgänger, die im Hafen arbeiten oder die südlich der Elbe gelegenen
Stadtteile erreichen wollen. Zwischen den großen Fahrstühlen steht ein
Aufseher, der sie von Hand bedient und zugleich die Besucherströme lenkt:
Radler nach links, Touristen nach rechts. Dazu gehören auch Schulklassen,
die gerne mal die Akustik ausprobieren.
Der Fahrstuhlaufseher trägt über seiner Uniform eine lange Jacke, denn hier
unten ist es gleichbleibend kühl. Er flirtet mit den Touristinnen und
erzählt ein bisschen: von Filmen, die hier schon gedreht wurden, von Udo
Lindenberg, der zum Fotoshooting hier war, und von Leuten, die sich die
Felgen kaputt gefahren haben, als noch Autos durch den Tunnel durften.
Beim Gang durch die Röhren wird klar, dass sie bis ins Detail ästhetisch
ausgearbeitet wurden. Das reicht von den Lampen bis hin zu so etwas
Technischem wie der Information über das Gefälle, die per Extrakachel in
die Wand eingelassen ist. Sei es Humor, sei es Realismus: Unter den
erwähnten bläulichen Kacheln mit Wassertieren finden sich auch Ratten, die
sich um einen weggeworfenen Stiefel scharen.
Auch ein Ausstieg auf der anderen Seite lohnt sich. Hier gibt es einen
Aussichtspunkt, von dem aus das ganze Innenstadtpanorama überschaut werden
kann. Auf der Infotafel zur Orientierung fehlen zwar die Elbphilharmonie
und ein paar Hochhäuser, die in jüngerer Zeit hinzugekommen sind. Dafür
gibt es Eis und Bier.
15 Jun 2026
## AUTOREN
DIR Gernot Knödler
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