# taz.de -- Tagebuch aus Lettland: Nicht einmal zur Beerdigung meines Vaters konnte ich reisen
> Das belarussische Regime spricht viel von Familienwerten. Aber es
> unterdrückt auch Kinder und Eltern – weil sie Verwandte von
> Oppositionellen sind.
IMG Bild: Beerdigung in Minsk (Archivbild von 2016)
Vor drei Jahren starb mein Vater. Völlig unerwartet. Nur sechs Wochen vor
seinem 50. Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt lebte ich bereits seit mehreren
Jahren als politischer Flüchtling [1][im Exil] in der lettischen Hauptstadt
Riga und konnte deshalb nicht zu seiner Beerdigung fahren. In all den
[2][Jahren der erzwungenen Emigration] war nichts schlimmer als dieser
Moment.
Ich erinnere mich noch genau an die Nacht, in der mir klar wurde, dass ich
professionelle Hilfe brauche.
Ich lag im Bett und schmiedete einen Plan: heimlich nach Belarus
zurückkehren, ganz in Schwarz gekleidet, mit Kapuze und dunkler
Sonnenbrille zur Beerdigung gehen und anschließend wieder unbemerkt über
die Grenze nach Lettland gelangen.
An diesem Plan machte mir nur eine Sache Angst: die Vorstellung, dass mich
jemand aus meiner Familie auf dem Friedhof erkennen könnte. Dann würden die
Sicherheitskräfte, die ich mir bereits zwischen den Grabsteinen vorstellte,
zuschlagen. Aus der Beerdigung meines Vaters würde ein absurdes Theater
werden – mit einer Verhaftung als Schlussakt.
Am nächsten Morgen rief ich eine Psychiaterin an.
## Angst um die Angehörigen
In den fünfeinhalb Jahren meines [3][Exils] habe ich viele ähnliche
Geschichten erlebt. Menschen, die vor Schmerz kaum noch klar denken konnten
und bereit waren, Dinge zu tun, die irrational und gefährlich waren. Fast
immer ging es dabei um Angehörige, die in Belarus geblieben waren. Und wir
sprechen hier von [4][Menschen, die in Freiheit] leben. Von Menschen, die
Freundinnen und Freunde haben, ein [5][soziales Umfeld], das sie auffängt,
und die Möglichkeit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Mehr noch:
Wir können uns sogar aussuchen, zu welchem Arzt oder welcher Therapeutin
wir gehen. Doch auch unter diesen Bedingungen bleibt die Trennung von den
Menschen, die man liebt, für viele die schwerste Belastung des Exils.
Menschen, die eine solche Nachricht hinter Gittern erreicht, haben all das
nicht. Im besten Fall gibt es Mitgefangene, die Trost spenden. Doch die
Möglichkeiten, einem Menschen in einer Gefängniszelle wirklich zu helfen,
sind äußerst begrenzt.
Das Lukaschenko-Regime zerstört weiterhin Leben und Familien – während
dieselben Funktionäre öffentlich über die Bedeutung von Familienwerten
sprechen. In ihrer Realität bedeutet „Familienpolitik“ allerdings etwas
anderes: Eine politische Gefangene wie Natalja Lewaja wird erst dann
freigelassen, wenn ihre Schwangerschaft bereits weit fortgeschritten ist –
obwohl sie nie hätte im Gefängnis sitzen dürfen. Ein älterer politischer
Gefangener wie Ryhor Kastusjou kommt erst frei, nachdem bei ihm Krebs
diagnostiziert wurde. Und der Oppositionspolitiker Mikalai Statkewitsch
durfte erst nach Hause zurückkehren, nachdem er sich einer erzwungenen
Ausweisung widersetzt hatte, anschließend im Gefängnissystem verschwand und
erst wieder auftauchte, als er nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus
eingeliefert wurde.
Der Journalist Aliaksandr Ivulin bat das Gericht, bei der Urteilsfindung zu
berücksichtigen, dass er als politischer Gefangener seine betagten Eltern
und seinen schwer behinderten Bruder nicht mehr unterstützen könne. Dennoch
wurde er zu zwei Jahren Strafkolonie verurteilt.
## Eine Politik der Zerstörung familiärer Bindungen
Als die ehemalige Journalistin Larysa Shchyrakova verhaftet wurde, brachte
der Staat ihren 15-jährigen Sohn in ein Heim. Dessen Vater lebte zu diesem
Zeitpunkt im Ausland, und die Behörden weigerten sich, den Jugendlichen bei
anderen Verwandten unterzubringen.
Solche Fälle zeigen, wie weit die Repressionen des Regimes reichen. Sie
treffen nicht nur die politischen Gefangenen selbst, sondern auch ihre
Familien, ihre Kinder und Angehörigen. Die Zerstörung familiärer Bindungen
ist längst zu einem festen Bestandteil des Systems geworden. Seit Jahren
können sich belarussische Männer und Frauen aufgrund politischer
Repressionen nicht mit ihren Angehörigen treffen. Eltern werden für ihre
Kinder bestraft.
Und Kinder für ihre Eltern. Eduard Babariko befindet sich nach wie vor im
Gefängnis, nur weil sein Vater im Jahr 2020 um das Präsidentenamt in
Belarus kämpfen wollte. Tatjana Franzkevich, die Mutter des politischen
Gefangenen Alexander Franzkevich, wurde festgenommen, als sie ihm ein Paket
ins Gefängnis brachte. Sie war in Begleitung ihrer Schwester Natalja
Lobatsevich, der Mutter des ehemaligen politischen Gefangenen Ilja
Lobatsevich. Natalia wurde ebenfalls festgenommen. Derzeit befinden sich
beide Frauen in einer Strafkolonie, angeblich wegen Unterstützung
extremistischer Aktivitäten.
Ich könnte noch lange die Namen von Menschen aufzählen, deren Familien
durch das Lukaschenko-Regime zerstört wurden. Diejenigen, die belarussische
Familien systematisch zerstören, sind nicht irgendwelche äußeren Feinde. Es
sind die belarussischen Behörden selbst.
Ich rief wieder eine Psychiaterin an.
[6][Nasta Zakharevich] ist belarussische Journalistin und lebt im Exil in
Lettland. Sie war Teilnehmerin eines [7][Osteuropa-Workshops der taz Panter
Stiftung].
Aus dem Russischen von [8][Tigran Petrosyan.]
Durch Spenden an die [9][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
12 Jun 2026
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## AUTOREN
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