# taz.de -- Dokumentarfilm „Why We Play“: Das Knirschen des Schiffsrumpfs vor dem Bruch
> Thorsten Schüttes Dokumentarfilm „Why We Play“ blickt hinter die Kulissen
> des Ensemble Modern – und auf die Entstehung zeitgenössischer Musik.
IMG Bild: Aufführung als Prozess in „Ensemble Modern – Why We Play“
Eine Musikerin streicht mit der Rückseite ihres Bogens über die Saite ihre
Viola. Ein Kratzgeräusch hallt durch den Raum. Ein Saxofonist bläst in sein
Instrument und erzeugt dabei keinen Ton, nur ein leises sonores Rauschen.
Wie ein künstlicher Wind, der so in der Natur nie vorkommen würde, dafür
ist der Klang zu präzise.
Jetzt setzen die übrigen Streicher ein. Sie verdichten die einzelnen
Geräusche zu einem Klanggebilde, das an das Knirschen eines Schiffsrumpfs
erinnert, lange bevor er bricht, als an das, was die meisten Menschen Musik
nennen würden.
Die besten Momente von „Why We Play“ sind jene, in denen sich dieser Musik
beim Entstehen zusehen lässt. [1][Thorsten Schütte]s Dokumentarfilm
begleitet die Musiker*innen des Ensemble Modern durch Proben,
Diskussionen und Aufführungen. Das 1980 in Frankfurt gegründete Ensemble
gilt als eines der weltweit wichtigsten für zeitgenössische Musik.
Anders als viele Ensembles versteht es sich nicht bloß als Interpret,
sondern als Partner der Komponist*innen, deren Werke oft gemeinsam
entstehen. Im Fokus steht hier nicht der Mythos, sondern die Arbeit eines
Ensembles, das mit Komponisten wie Steve Reich oder [2][György Ligeti]
zusammengearbeitet hat: das Suchen nach einem Klang, das Ringen um eine
Interpretation, die Frage, warum ein Geräusch so und nicht anders entstehen
muss.
## Neue Musik verhält sich zum Pop wie Lyrik zu Belletristik
Der Film begegnet diesem lustvollen Abnerden mit Sympathie. Fast nebenbei
zerlegt der Film dabei einige der hartnäckigsten Vorurteile über Neue
Musik. Sie sei bloß etwas für Leute, die freiwillig die Bedienungsanleitung
ihres Geschirrspülers lesen. Viele begegnen Neuer Musik ähnlich wie Lyrik:
mit Abwehr. Zu groß scheint die Gefahr, etwas nicht zu verstehen.
Doch ein Kratzen auf einer Saite oder ein Luftgeräusch im Saxofon können
dieselbe Funktion erfüllen wie die Melodie in einem Popsong. Nur geht es
nicht darum, etwas Bekanntes wiederzuerkennen. Klänge repräsentieren oft
nichts, sie sind ihr eigener Gegenstand.
Neue Musik verhält sich zu Popmusik oft wie ein Gedicht zum Roman: Sie
erzählt selten Geschichten im klassischen Sinn. Stattdessen handelt sie von
Zuständen, Atmosphären und Gefühlen, die sich nicht direkt einordnen
lassen.
Vielleicht sagt ein Musiker deshalb, um gut zu spielen, müsse er Teil der
Musik werden. Sie erschließt sich weniger über Bedeutung als über
Aufmerksamkeit. Wer sich auf sie einlässt, entdeckt, wie unterschiedlich
die Welten des Ensembles sind. Mal erinnert sie an Noise oder Metal, mal an
spätromantische Stücke – bemerkenswert, wie brav und versicherungstauglich
diese inmitten all der anderen Klänge wirken.
## Alles ganz angenehm unaufgeregt
Der Regisseur begegnet dieser Vielfalt angenehm unaufgeregt. Schütte
vertraut darauf, dass Menschen, die zwanzig Minuten über ein einzelnes
Geräusch diskutieren, interessant genug sind. Anders als viele Musik-Dokus
der letzten Jahre verzichtet er darauf, jede Probe zum Schlüsselmoment zu
verklären. Die Kamera beobachtet geduldig, der Ton scheint wie das
Orchester jedes Rascheln und jeden Zuruf ernst zu nehmen.
[3][Die Vielfalt des Gehörten] spiegelt sich nicht immer in der
Dramaturgie. Bis zum Schluss wechseln die Szenen zwischen Proben und
Talking Heads. Manche Gedanken sind redundant. Ja, die Musiker*innen
haben unterschiedliche Persönlichkeiten, ja, sie arbeiten dennoch gemeinsam
auf ein Ziel hin. Das ließe sich ebenso über die lokale Müllabfuhr oder
jedes Start-up sagen. Gerade die unterschiedlichen Persönlichkeiten der
Ensemble-Mitglieder hätten Anlass für mehr Reibung geboten, als der Film
letztlich zeigt.
Wenn einige Ältere von den Anfängen in den 1980er Jahren erzählen,
schleicht sich gelegentlich ein leichter Fraktus-Vibe ein – jene fiktive
Band aus der gleichnamigen Mockumentary, deren Mitglieder ihre eigene
Bedeutung zwischen Größenwahn und Nostalgie rekonstruieren. Doch gemessen
an der wirklichen Relevanz des Ensembles wirken die wenigen Momente der
Selbstmythologisierung erstaunlich bescheiden.
## Man will die Gegenwart
In einem Punkt sind sich alle Mitglieder einig: Sie wollen nicht stehen
bleiben, sie wollen die Gegenwart. Gespielt werden Werke lebender
Komponist*innen wie Brigitta Muntendorf, die das Ensemble für eines
ihrer Stücke in Perücken steckt und die Grenzen zwischen Konzert und
Theater verwischt, ebenso wie Kompositionen von Kagel, Stockhausen und
anderen Pionieren der Neuen Musik.
Was einst als radikaler Aufbruch begann, besitzt heute selbst eine
Geschichte. Anders als die meisten Orchester arbeitet das Ensemble Modern
ohne Chefdirigenten oder künstlerische Leitung. Entscheidungen werden
kollektiv getroffen. Die demokratische Struktur ist kein Verwaltungsdetail,
sondern ästhetische Konsequenz.
Es sind Menschen, die bereit sind, immer wieder unbekanntes Terrain zu
betreten. Klingt banal. Für ein Ensemble, das seit fast 50 Jahren neue
Musik spielt, ist es die radikalste Haltung überhaupt.
12 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Philipp Rhensius
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