URI: 
       # taz.de -- Debütfilm „Truly Naked“: Sex und Unbehagen
       
       > Für „Truly Naked“ inszeniert Muriel d’Ansembourg eine
       > Coming-of-Age-Geschichte in der Pornobranche – und stellt dabei auch
       > beunruhigende Fragen.
       
   IMG Bild: Alec (Caolán O'Gorman) und Lizzie (Alessa Savage) bei der Arbeit in „Truly Naked“
       
       Pornografie ist eines der am stärksten konsumierten Medienprodukte der
       Gegenwart und zugleich eines der am wenigsten offen diskutierten. Wie
       ungleich Frauen und Männer daran partizipieren, zeigt eine oft zitierte
       Studie des Psychotherapeuten Rudolf Stark: Während rund 80 Prozent der
       befragten Männer regelmäßig Pornos schauen, gilt das nur für jede dritte
       Frau.
       
       Die Gründe für diese Differenz sind sicherlich vielfältig. Dass sie auch
       mit den Bildern selbst zu tun haben, liegt allerdings nahe: Zahlreiche
       Inhaltsanalysen zeigen, dass verbale wie physische Erniedrigungen von
       Frauen im Mainstream-Porno keineswegs Randerscheinungen sind, sondern zum
       Standardrepertoire gehören.
       
       Was solche Bildwelten mit Vorstellungen von Intimität, Sex und vor allem
       der Liebe anstellen, gehört zu den Fragen, die Muriel d’Ansembourg in ihrem
       Spielfilmdebüt aufgreift – allerdings ohne eine didaktische Abhandlung über
       die gesellschaftlichen Folgen von Pornografie sein zu wollen. Dafür ist
       allein schon das Setting dieser ungewöhnlichen Coming-of-Age-Erzählung zu
       abseitig.
       
       ## Nach Schulschluss
       
       Im Zentrum von „Truly Naked“ steht der junge Alec (Caolán O’Gorman), der
       noch zur Schule geht, aber nach Unterrichtsschluss hinter die Kamera tritt,
       um die Pornofilme seines Vaters Dylan (Andrew Howard) zu drehen. So extrem
       diese Familienkonstellation klingt, so wenig Interesse zeigt „Truly Naked“
       allerdings an billiger Provokation.
       
       Das liegt auch daran, dass d’Ansembourg spürbar an den Widersprüchen ihrer
       Figuren interessiert ist. So hadert Alec zwar durchaus mit dem Beruf seines
       Vaters, bewegt sich aber dennoch mit beunruhigender Selbstverständlichkeit
       zwischen Schule und Set, wo er mit nüchterner Professionalität agiert. Der
       Teenager kennt die Erwartungen der Konsumenten, denkt in Einstellungen und
       Verwertbarkeit – und wirkt dabei abgeklärter als die Erwachsenen.
       
       Als durch seine Mitschülerin Nina (Safiya Benaddi) eine andere Form von
       Nähe in sein Leben tritt, gerät diese fragile Balance ins Wanken. In den
       tastenden Annäherungen der beiden Jugendlichen zeigt „Truly Naked“ präzise,
       wie sehr Alecs Blick bereits von pornografischen Mustern geprägt ist:
       Intimität erscheint ihm als etwas, das gesteuert und performt werden muss –
       nicht als etwas, das sich entwickelt. Spannend ist, wie D’Ansembourg diese
       Prägung durch dominante Männlichkeitsbilder sichtbar macht, in Gesten,
       Blicken und Unsicherheiten.
       
       ## Vater-Sohn-Konflikt am Set
       
       Durch Ninas Denkanstöße stellt sich Alec plötzlich Fragen, denen er zuvor
       ausgewichen ist, und so geraten er und sein Vater zunehmend aneinander. Die
       Fronten verhärten sich, als Alec dessen Auftreten am Set, seine Sprache und
       seinen Umgang mit Darstellerinnen kritisiert.
       
       Ausgerechnet in der Psychologisierung des Vaters überzeugt „Truly Naked“
       später aber leider nicht mehr. Zunächst als ambivalent und durchaus
       zugewandt gezeichnet, agiert Dylan plötzlich immer rücksichtsloser am Set.
       Dass er von seinen Darstellerinnen zunehmend extreme Grenzüberschreitungen
       verlangt, kann man als Kommentar auf die Eskalationslogik einer Branche
       lesen, die von Klicks und Kicks abhängig ist, es wurde zuvor aber nicht
       glaubhaft in der Figur angelegt.
       
       Umso bedauerlicher ist, dass „Truly Naked“ in diesem Zuge auch seine
       filmische Zurückhaltung aufgibt. Spätestens der Einsatz eines lebenden
       Oktopusses markiert einen Bruch mit der bis dahin bemerkenswert
       kontrollierten Inszenierung, und wirkt wie ein kalkulierter Schockeffekt.
       
       Doch ausgerechnet dort, wo „Truly Naked“ irritiert, erzeugt der Film ein
       Unbehagen, das nachwirkt. Denn wenn weibliche Unterordnung zum visuellen
       Grundrauschen von Mainstream-Pornos gehört, stellt sich weiterhin eine
       Frage, die kaum eine beruhigende Antwort zulässt: Warum eigentlich?
       
       15 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Arabella Wintermayr
       
       ## TAGS
       
   DIR Spielfilm
   DIR Debütfilm
   DIR sex-positiv
   DIR Pornofilm
   DIR Prostitution
   DIR Debütfilm
   DIR Pornografie
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Dokumentarfilmerin über SM-Studios: „Es sollte für diese Arbeit eine Ausbildung geben“
       
       „Sehr geehrte Herrin“: Die Filmemacherin Karola Pfaffinger zeigt bei der
       Dokumentarfilmwoche Hamburg ihren Abschlussfilm über ein SM-Bordell.
       
   DIR Spielfilmdebüt „Little Trouble Girls“: Alle Sinne auf Empfang gestellt
       
       In ihrem Debütfilm „Little Trouble Girls“ erzählt die Regisseurin Urška
       Djukić vom sexuellen Erwachen einer Teenagerin. Dazu wählt sie einen sehr
       eigenen Weg.
       
   DIR Dokumentarfilmdebüt „Pornfluencer“: Er verteilt seine Gene
       
       Joscha Bongards Dokumentarfilm „Pornfluencer“ erzählt von einem jungen
       deutschen Paar, das von Amateurpornos lebt. Sie drehen jeden Tag ein Video.