# taz.de -- 3-Stunden-Dokumentarfilm „Das Kino“: Wofür Kino im Leben gut ist
> In Bernhard Sallmanns Dokumentarfilm „Das Kino“ sprechen elf Spezialisten
> über Filme und Kino. Ein vielstimmiges Plädoyer für ein lebendiges Genre.
IMG Bild: Ein Gesicht, ein schwarzer Hintergrund, vielleicht eine Zigarette, mehr braucht es nicht: Alexander Horwath in „Das Kino“
Bernhard Sallmanns Dokumentarfilm „Das Kino“ ist [1][Metakino.] Wenn man
den Film im Kino sieht, sieht man elf Cinephile aus dem deutschsprachigen
Raum über etwas reden, das sie und der Regisseur Kino nennen. Schon was das
ist, worüber sie da reden, ist zwischen den elf Positionen umstritten: das
technische Arrangement, der architektonische „Spannungsraum“, wie Michael
Baute sagt, zwischen Projektion von hinten auf die Leinwand und den Sitzen,
die frontal darauf ausgelegt sind – oder die Filmgeschichte in ihrer meist
eher imaginären Gesamtheit.
Sallmann und Kameramann Martin Wolff zeigen die elf Befragten nüchtern als
Talking Heads hintereinander vor schwarzem Hintergrund. Dieses
Bildarrangement macht zunächst den Eindruck, eher zu einer Installation zu
gehören, lenkt jedoch durchaus erfolgreich die Aufmerksamkeit auf das
Gesagte.
Zu Beginn skizziert der niederländische Filmemacher Dylan de Jong seinen
Weg durch die Exzesse der Cinephilie, von vier bis sechs Filmen täglich –
von der Vorstellung, die Filmgeschichten der Welt in sich aufsaugen zu
müssen, hin zu einer wählerischen Haltung beim Filmesehen im Kino und
daheim. Für die Erfahrung von Kontinuität im Kinoraum formuliert der
Berliner Autor und Filmdozent Michael Baute das Konzept der Leinwand als
Zeitspeicher: „Das neue Bild überschreibt nicht nur die vorherigen Bilder
des gleichen Films, sondern auch all die Bilder der Filme zuvor.“
Bautes Bild trifft die Balance zwischen zeitlicher Vergänglichkeit und
Einschreibung in Kontinuitäten von Filmgeschichte, die Kino ausmacht, recht
gut. Ohnehin finden sich im Segment mit Baute ein paar der schönsten
Überlegungen in Sallmanns Film zu Kino und Raum in der Stadt. Sie sind
verbunden mit Bautes Kinosozialisation in einem Bielefelder Kino an einer
vierspurigen Straße, von der die Geräusche in den Zuschauerraum
abstrahlten.
Recht schnell stellt sich der Eindruck ein, dass jede_r der elf Befragten
eigentlich über das redet, was er_sie will: Der erste Film, an den man sich
erinnert, die Kinosozialisation, Vorlieben, Kinoraum, Corona. Die Freiheit
der Assoziationsräume erschwert die Bezüge untereinander und einen
geteilten Gegenstand „Kino“ dann doch erheblich.
## Geschichte der Berliner Kinosubkultur
Andererseits schenken sie auch die schönsten Beiträge, wie eben den von
Michael Baute oder den von Barbara Suhren, Mitbegründerin und
Mitbetreiberin des [2][Kreuzberger fsk-Kinos]. Suhren skizziert eine kurze
Geschichte der Berliner Kinosubkultur der 1980er Jahre zwischen
Hausbesetzerkinos und dem Vorläufer des fsks ab 1988 in der Wiener Straße,
mit einem Herbert-Achternbusch-Saal und einem Steven-Spielberg-Saal.
Als Kinobetreiberin reflektiert Suhren die Veränderungen der Kino- und
Verleihlandschaften und endet bei der schönen Beschreibung, wofür Kino im
Leben und in der Gesellschaft gut ist. Es sei, so Suhren, „ein Angebot, wie
man schauen kann, wie man Sachen begreifen kann und damit auch alles andere
vielleicht anders anschauen kann danach.“
Kurz vor Schluss formuliert Regina Schlagnitweit, die zusammen mit
Alexander Horwath über Jahre das [3][Österreichische Filmmuseum] geprägt
hat, einen schönen Gedanken gegen allen Kulturpessimismus und das Unken
über ein Ende des Kinos. Schlagnitweit stellt die Potenzialität leerer
Kinositze in modernen Multiplex-Kinos der Erfahrung gegenüber, vor
Jahrzehnten unverrichteter Dinge weggeschickt zu werden, weil sich nicht
genug Zuschauer_innen eingefunden hatten, um eine Vorführung lohnend
erscheinen zu lassen. Im Wortwechsel mit Alexander Horwath kulminiert diese
Vision von einer Zukunft des Kinos in dem Satz: „Die Potenzialität, dass
eine Menge Ärsche kommen könnten, um diese Sitze zu füllen, ist ein
Versprechen. Es kann jederzeit wieder umschlagen.“
Ein wiederkehrendes Thema ist, dass andere Medien für viele eigentlich
wichtiger waren in der Sozialisation, aber teilweise auch in der Gegenwart
der Befragten. Literatur wird genannt, Musik und bisweilen werden
Wechselwirkungen beschrieben. Dass Sallmanns Film über die elf Gespräche
eine Laufzeit von knapp dreieinhalb Stunden anhäuft, fordert einem als
Zuschauer_in einen gewissen Einsatz ab.
Wenn man sich in den Film hineinwagt, wird man jedoch schon nach wenigen
Minuten einräumen müssen, dass kürzere Gespräche nichts gebracht hätten.
Aber es zeigt sich auch in diesem Film und im Sprechen über Kino wieder
einmal, dass es deutliche Unterschiede gibt zwischen Menschen, die Kino
machen (die über Menschen und Zuschauer_innen reden), und Menschen, die
Filme machen (die über hübsche, prägende Filme reden).
Diese und andere Verwerfungslinien hätte man sich etwas stärker
herausgearbeitet gewünscht. Sei es durch die Fragen, die Sallmann
weitgehend herausschneidet, sei es durch eine fokussiertere Auswahl der
Gesprächspartner_innen. Eines kann man Sallmanns Film aber nicht
absprechen: Er ist Dokument einer noch immer gegen alle Widerstände
lebendigen Kinokultur.
15 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Fabian Tietke
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