# taz.de -- Vandalismus in der Kunst: Gebannte Bewegung in der Stadt
> Kunst ohne Erlaubnis? Der Kunstverein Hannover definiert in der
> Ausstellung „Under the Milky Way“ abstrakte Malerei um – und findet sie
> auf der Straße.
IMG Bild: Abstrakt gepinkelt: Rocco und seine Brüder, „THE HOODHOUND“, 2026. Ausstellungsansicht „Under the Milky Way“
Es knallt und kracht im Kunstverein Hannover – akustisch wie auch visuell.
Die Werke, die dort gezeigt werden, haben eine gewisse Sprengkraft. Denn
verhandelt wird unser Verständnis von der abstrakten Malerei. Und
vielleicht wird sogar ein ähnliches Andersdenken gefordert wie 1915 in
Sankt Petersburg, [1][als Kasimir Malewitsch in der futuristischen
Ausstellung] „0,10“ eine absolute Gegenstandslosigkeit mit einem „Schwarzen
Quadrat“ erfasste.
Kein Quadrat, sondern Silvesterraketen sind es im Jahr 2026. Veli Silver
(*1983 Bosnien-Herzegowina) zündete sie bei einer heimlichen Malperformance
in den Räumen des Kunstvereins, während er eine Leinwand mit großen,
expressiven Gesten bemalte. Sie wird von einem Roboterhund getragen, wie
ihn auch die Deutsche Bahn seit 2024 verwendet, um illegaler
Zugbemaler*innen habhaft zu werden.
Im Hannoverschen Kunstverein hat der vom Kollektiv „Rocco und seine Brüder“
entwickelte Hund jedoch die Seiten gewechselt: Eigenmächtig besprüht er die
Wände des Ausstellungsraums beziehungsweise verrichtet dort, je nach
Interpretation, sein farbiges Geschäft.
Gesprengt wird beim hier gehandelten Verständnis von einer abstrakten
Malerei auch der Rahmen, wenn sich die Farbe, wie bei Hams Klemens (*1984
Frankreich) über die ganze Wand erstreckt. Oder, wie beim Urban-Art
Künstlerkollektiv „Moses & Taps“, über die (nachgebaute!) [2][Querseite
eines U-Bahn-Waggons]. Denn zerstört wird in der Ausstellung nicht. Im
Gegenteil, es wird angeeignet, erschaffen, transformiert.
## Völlig neue Kunstformen
Als „unautorisierte Malerei“ benennen die Kurator*innen Larissa Kikol
und Christoph Platz-Gallus künstlerische Positionen, die ursächlich im
öffentlichen Raum stattfinden. Mit dem Neologismus geben sie dem einen
Namen, was Kunstszene und Öffentlichkeit lange unter „Street Art“ abtaten
und links liegen ließen. In der Freiheit der Nichtbeachtung, der völligen
Autonomie, haben sich eigene Kunstformen entwickelt.
Kunstformen, die sich durch den impulsiven, energetischen und unmittelbaren
Umgang mit Farbe, Geste und Bildträger auszeichnen, sind aufgeblüht. Oft
finden sie im Stadtraum statt, agieren mit Aneignungsstrategien und sind
jenseits einer Verschlagwortung in legal oder illegal angesiedelt. Sie
entstehen vielfach nachts unter dem Leuchten der Milchstraße – eben „Under
the Milky Way“.
## Trennlinie zwischen abstrakter Malerei und Graffiti?
Ist abstrakte Malerei Kunst, wenn sie im öffentlichen Raum stattfindet? Wo
verläuft die Trennlinie zwischen abstrakter Malerei und Graffiti? Es gibt
keine klaren Grenzen mehr. Zusätzlich rückt eine ästhetische Strömung in
den Fokus, die sich durch Widerständigkeit auszeichnet – der Roboterhund
„Spot“ ist nur ein Beispiel dieser kreativen Selbstermächtigung mit
vandalistischen Tendenzen.
Brad Downeys (*1980 USA) konzeptuelles Fassadenwerk ist eine weitere. 2025
erhielt er den Auftrag, eine 26 Meter hohe Hauswand in Berlin-Kreuzberg zu
gestalten. Woraufhin er den Graffiti-Künstler Akim One (*1977 Vietnam) dazu
einlud, Sprayer*innen auszuwählen, die sich dort einbringen sollten. Um
die Unmittelbarkeit zu bewahren, gestalteten sie unter Zeitdruck jeweils
ein ihnen zugewiesenes Segment. Als das Wohnhochhaus renoviert werden
musste, wurde die gesamte Fassade zerlegt und abgenommen. Die Einzelteile
sind nun – in Bildmaß gebracht – im Kunstverein Hannover zu sehen.
„Postvandalismus“ nennt Co-Kuratorin Larissa Kikol solche widerspenstigen
künstlerischen Äußerungen. Interessant ist der Umstand, dass viele der
ausgestellten Künstler*innen an namhaften Kunsthochschulen und bei
renommierten Professor*innen studierten. Akademie, Institution,
öffentlicher Raum und die Grauzone der Toleranz künstlerischer Äußerungen
jenseits der genormten Erscheinungskontexte verschmelzen zunehmend. Die
[3][Kategorisierung von Künstler*in und Sprayer*in] ist überholt.
Trotz oder gerade wegen all dem springt der Funke in dieser Ausstellung
über. Das Publikum kann hier die Energie und die Freude an der malerischen
Geste erkennen und verstehen: Abstraktion ist kein geschlossenes Format. Es
ist ein Begriff, dessen Auslegung von der jeweiligen Perspektive abhängt.
Die Ausstellung „Under the Milky Way“ im Kunstverein Hannover macht
deutlich, dass sich abstrakte Malerei längst aus ihren tradierten Grenzen
befreit hat. Sie findet nicht mehr nur auf der Leinwand statt, sondern auch
im urbanen Raum, in der Bewegung, im Akt selbst. [4][Abstrakte Malerei] ist
ein Work in Progress, ein Entwicklungsprozess, der noch lange nicht an sein
Ende gekommen ist.
16 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Anne Simone Kiesiel
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