# taz.de -- Forensiker über DNA in Gerichtsmedizin: „Wir haben hier alle ein großes Gerechtigkeitsempfinden“
> Jan Euteneuer arbeitet in der Rechtsmedizin an echten Fällen. Krimis
> zeigten ein falsches Bild der Arbeit, sie bestehe großteils aus warten,
> sagt er.
IMG Bild: Unverwechselbar: genetischer Fingerabdruck
taz: Herr Euteneuer, wie wird aus einer DNA-Probe ein Hinweis?
Jan Euteneuer: Gute Frage, denn das vermischt bereits zwei Sachen, die wir
dringend trennen müssen. Wir sind keine Ermittler und auch keine Juristen.
Das bedeutet, wir gehen niemals von irgendwelchen Tätigkeiten aus oder
machen Rückschlüsse auf Tätigkeiten. Was wir geben, sind Fakten. Wenn zum
Beispiel an einem Abrieb DNA gefunden wurde, in der sich DNA-Merkmale
befinden, wie sie auch Vergleichspersonen wie der Geschädigte oder der
Beschuldigte tragen, geben wir das als Information zurück. Was dann die
Ermittler oder die Juristen damit anstellen, ist nicht mehr unsere Aufgabe.
Wir wissen oft gar nicht, was im Detail passiert.
taz: Warum?
Euteneuer: Wir bekommen nur so viele Informationen, wie wir brauchen. Damit
wir nicht so beeinflusst sind. Würden wir uns dazu hinreißen lassen,
aufgrund von DNA und RNA und so weiter Rückschlüsse zu ziehen, dann könnte
der Richter, ein Verteidiger oder ein Staatsanwalt unser Gutachten wegen
Befangenheit für ungültig erklären.
taz: Sind Sie für Ihre Arbeit mit am Tatort?
Euteneuer: Nein, tatsächlich gar nicht. Also wir hier in Kiel bleiben schön
in unserem Institut. Auch, weil wir gar nicht geschult sind bei der
Spurensicherung und Tatortarbeit. Damit schützen wir außerdem die Proben
vor uns selbst, sodass wir diese nicht kontaminieren.
taz: Wofür wird denn die forensische Genetik genutzt?
Euteneuer: Einmal für die Feststellung oder Identifizierung von
verstorbenen Personen, die anhand ihres Aussehens nicht mehr zu
identifizieren sind. Daneben machen wir auch die Abstammungsuntersuchungen
für Gerichte, was meistens die typischen Vaterschaftstests sind. Unsere
dritte Säule sind eben die Spurenuntersuchungen im Auftrag der Polizei und
Staatsanwaltschaften, um über die Analyse von Tatortmaterialien wie
Gegenständen oder Abrieb von Personen herauszufinden, welche Personen daran
beteiligt sein könnten. Zuletzt sind wir vom Institut auch in der Lehre und
Forschung aktiv.
taz: Und was ist ein DNA-Profil und wie kann das bei der Aufklärung von
Kriminalfällen helfen?
Euteneuer: Ein DNA-Profil entsteht durch die Analyse bestimmter Bereiche
der DNA. In den untersuchten Bereichen wiederholen sich bestimmte
Kettenglieder, wobei die Anzahl von Person zu Person verschieden ist.
Schaut man sich genug solcher Stellen an, ergibt sich ein Muster, das
statistisch gesehen in der Bevölkerung einmalig ist. Es sei denn, man hat
einen eineiigen Zwilling. [1][Stimmt das DNA-Profil einer Spur mit einer
Vergleichsperson überein], lässt sich daraus schlussfolgern, dass diese
Person die DNA hinterlassen hat.
taz: Sie sprechen in Ihren Vorträgen auch darüber, dass Krimis ein falsches
Bild von [2][forensischer Arbeit] vermitteln.
Euteneuer: Tatsächlich besteht ein Großteil der Arbeit aus warten. Alle
Teilschritte brauchen Zeit – bis Analysen durch sind, bis ein Gutachten
geschrieben ist, alles durchgerechnet ist, bis das von den
Staatsanwaltschaften, Gerichten und der Polizei verwertet wird und bis ein
Ergebnis dabei rechtskräftig rauskommt. Da können teilweise Jahre vergehen.
taz: Ihr Vortrag heißt „Von der Zelle in die Zelle“. Waren Ihre
Erkenntnisse in der Vergangenheit ausschlaggebend, um Fälle aufzuklären?
Euteneuer: Natürlich. Das hoffen wir auch. Wir haben hier alle ein großes
[3][Gerechtigkeitsempfinden]. Und wir hoffen, dass unsere Gutachten auch
dazu führen, dass Gerechtigkeit vollzogen wird. Also nicht nur, dass
entsprechende Täter überführt werden, sondern auch, dass [4][Unschuldige
freigesprochen] werden.
17 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Ermittlungsunterstuetzung/Kriminaltechnik/Biometrie/DNAAnalytik/dnaAnalytik_node.html
DIR [2] /Hamas-Angriff-am-7-Oktober-2023/!6178321
DIR [3] /Gesetze-in-Deutschland/!5904913
DIR [4] /Betroffene-ueber-einen-Justizskandal/!5956366
## AUTOREN
DIR Martje Menzel
## TAGS
DIR Genetik
DIR Universität Kiel
DIR Tatort Kiel
DIR Kiel
DIR Forensik
DIR DNA
DIR dna-probe
DIR Polizeigewalt
DIR Bestattung
DIR Hamburg
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Fall Mohamed E.: Ein weiterer Tod in Polizeigewahrsam
Was passierte am 15. April in Dachau? Wurde Mohamed E. ein Fall von
Polizeigewalt? Alkohol war im Spiel, am Ende stand der noch unaufgeklärte
Tod.
DIR Alternative Bestattungsform: Sollen Tote kompostiert werden?
Die Reerdigung, eine alternative Methode der Bestattung, wird derzeit in
Schleswig-Holstein getestet. Doch es gibt Protest, vor allem von
Krematorien.
DIR Sexualisierte Gewalt vor Gericht: Schlechte Chancen für Betroffene
Bei Prozessen wegen sexualisierter Gewalt steht häufig Aussage gegen
Aussage. Viel zu häufig kommen die Angeklagten damit ungestraft davon.