# taz.de -- Beraterin über Rassismus unter Migranten: „Das ist ein blinder Fleck“
> Beybûn Seker und Soniya Alkis haben 2023 die Geflüchtetenberatung
> Pena-Ger gegründet. Nicht nur in ihrer Arbeit begegnet ihnen
> antikurdischer Rassismus.
IMG Bild: Beraten Geflüchtete ehrenamtlich: Beybûn Seker und Soniya Alkis
## taz: Frau Seker, Sie wurden vor Kurzem auf der Straße angegriffen.
Beybûn Seker: Ja, das war am 21. Mai gegen Abend. Ich stand neben meinem
Auto und hab’ mit Freundinnen telefoniert. Da kamen drei arabisch gelesene
Frauen mit Kopftuch und haben sich vor mir aufgebaut. Sie haben wohl von
Weitem gehört, dass ich Kurdisch gesprochen habe und mich auf Arabisch
gefragt: „Bist du Kurde?“ Ich habe gefragt: „Warum?“ Die Frauen haben auf
Arabisch gesagt, dass kurdische Menschen „Schweine“ und wir alle
„Zionisten“ seien. Ich habe zu ihnen gerufen, dass das rassistische
Narrative sind. Es ging alles ganz schnell: Die erste hat mir auf den Kopf
geschlagen, die beiden anderen kamen dazu und haben mir auf den Rücken
gehauen. Ich habe mich gewehrt und dabei meine Hand verletzt.
## taz: War das das erste Mal?
Seker: Nein. Ich bin schon oft rassistisch angegriffen und immer wieder als
„landlos“ oder „Unruhestifter“ bezeichnet worden. Antikurdischer Rassismus
ist in migrantischen Communitys weit verbreitet. Das ist ein blinder Fleck
in der weißen Dominanzgesellschaft.
Soniya Alkis: Es ist schon ein Kampf, in Deutschland überhaupt über
Rassismus zu sprechen. Neben dem Rassismus von Seiten der weißen
Dominanzgesellschaft gibt es aber auch innermigrantisch rassistische
Strukturen. Dafür braucht es Sichtbarkeit. Die Historien und Dynamiken
dahinter sind in Deutschland aber meist nicht bekannt.
taz: Was macht antikurdischen Rassismus aus?
Alkis: Er funktioniert über Abwertungslogiken und vermeintliche
Nichtexistenz sowie Leugnung und Generierung eines Feindbildes. Es ist das
Absprechen der Sprache, der Kultur, der Geschichte – und damit einhergehend
eine Vernichtung.
Seker: Es geht uns nicht darum, arabisch oder türkisch gelesene Personen
pauschal unter Generalverdacht zu stellen, denn auch wir sind rassistisch
sozialisiert worden. Gegenüber jesidischen Minderheiten begegnen uns
Vorurteile, bis hinein in unsere Wohnzimmer, wo sie teils als
„Teufelsanbeter“ oder „Ungläubige“ diffamiert werden. Diesen Narrativen
müssen wir entschieden entgegentreten, Vorurteile abbauen und das
gegenseitige Bewusstsein sowie die Sensibilität füreinander stärken.
taz: Welche Rolle hat dieser innermigrantische Rassismus bei der Gründung
von Pena-Ger gespielt?
Seker: Der Hauptbeweggrund war der [1][Tod des geflüchteten Kurden Hogir
Alay] in einer Unterkunft in Kusel, der offiziell als Suizid eingestuft
wurde. Er hat vor seinem Tod die unmenschlichen Bedingungen in der
Unterkunft angeklagt, aber bei den Mitarbeitenden kein Gehör gefunden.
Dabei hat er auch antikurdischen Rassismus erlebt. Wir haben viele
Klient*innen, die von antikurdischem oder antijesidischem Rassismus
betroffen sind, beispielsweise [2][Hozan Roj, der in Leipzig mit einem
Messer angegriffen worden ist], weil er Kurdisch sprach. Viele bekommen zu
hören „Ihr seid Kurden, mit euch wollen wir nichts zu tun haben“ oder „Ihr
seid gar nicht verfolgt, ihr müsst zurück in die Türkei“.
Geht auch von Behörden Rassismus aus?
In einem Fall hat eine sozial arbeitende, türkisch gelesene Person die
Bescheide des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) mit den
Fristen entsorgt oder verspätet übergeben. Oder es wurden bei einer
Bamf-Anhörung die Inhalte eines jesidischen Geflüchteten durch einen
kurdischsprachigen Dolmetscher falsch übersetzt, weil der Geflüchtete den
fehlenden Schutz durch die kurdische Regierung im Irak kritisiert hatte.
taz: Beraten Sie nur kurdische oder jesidische Personen?
Seker: Nein, wir sind eine bundesweite Online-Beratungsstelle für
Geflüchtete und beraten neben Kurdisch auf mehreren Sprachen. Hauptsächlich
erreichen uns jesidische und kurdische Geflüchtete aus Iran, der Türkei,
Syrien und dem Irak, aber wir beraten auch Menschen aus der Ukraine,
Afghanistan und vielen anderen Ländern. Wir haben in knapp drei Jahren über
4.600 Menschen beraten. Manchmal erreichen uns 30 Anfragen am Tag, mal
fünf. Vor drei Wochen haben wir unsere Geschäftsstelle in Oldenburg
eröffnet. Daneben machen wir Öffentlichkeitsarbeit und waren vor Kurzem als
Sachverständige im Bundestag für die Gesetzesentwürfe zum Bleiberecht von
Jesid*innen.
taz: Wie finanziert sich Pena-Ger?
Seker: Wir beide arbeiten ehrenamtlich. Unseren bundesweiten
Sprachmittler*innen-Pool finanzieren wir durch Spenden und Projektgelder.
taz: Sollte nicht der Staat für eine angemessene Beratung von Geflüchteten
sorgen?
Alkis: Ja, aber der ist ja gut organisiert darin, Menschenrechte immer
weiter auszuhöhlen. Ich glaube, historisch und gegenwärtig betrachtet,
kommen wir um eine Gegenkontinuität nicht drumherum. Schon bei der Gründung
von Pena-Ger waren ab 2024 Haushaltskürzungen im Bereich der
Migrationsberatung geplant. Das haben wir jetzt nochmal ab 2027 bei der
unabhängigen Asylverfahrensberatung.
taz: Was beschäftigt Ihre Klient*innen aktuell?
Seker: Neben drohenden Abschiebungen und Anhörungen beim Bamf die
[3][Verschärfungen durch das Gemeinsame europäische Asylsystem], die am 12.
Juni in Kraft getreten sind.
23 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Tod-in-der-Gefluechtetenunterkunft-Kusel/!5991188
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DIR [3] /Dobrindts-Asylpolitik/!6186217
## AUTOREN
DIR Aljoscha Hoepfner
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