# taz.de -- Algerien im Jahr 2050: Wird in Algerien der Code der Wüste geknackt?
> Denkender Sand, unterirdische Netzwerke, die Luft nach Europa
> transportieren, Wüstenstürme, die Energie liefern – Utopien über die
> Kraft der Sahara.
IMG Bild: In Salah: Das Silicon Valley der Sahara
Mit ihrer Science-Fiction-Erzählung entwirft die Teilnehmerin des Projekts
[1][MENA Green Panter der taz panterstiftung] eine Zukunftsvision, die
gesellschaftliche Entwicklungen und menschliche Fragen auf besondere Weise
beleuchtet.
Wir schreiben das Jahr 2050. Die Luft über In Salah, der bedeutendsten
Stadt in den Oasen von Tidikelt, auch genannt „Die Quelle des Heils“,
flimmert noch immer vor Hitze. Doch die Stadt im Süden von Algerien brennt
nicht mehr – sie lebt. Früher war die Stadt in der Sahara einer der
heißesten Orte der Erde. Heute ist sie ein Knotenpunkt der Zukunft – die
globale Hauptstadt der Klimaanpassung. Und im Zentrum dieser Transformation
steht ein Name, der längst Legende ist: Ahmed Dabo, sie nennen ihn den
modernen Alchemisten.
Alles begann mit Sand. Unscheinbare Siliziumpartikel, die seit
Jahrtausenden vom Wind geformt wurden, wurden unter Ahmeds Händen zu etwas
völlig Neuem. Er „knackte den Code der Wüste“, wie es später in Lehrbüchern
heißen sollte, und verwandelte Sand in denkende Strukturen – mikroskopische
Netzwerke, die wie neuronale Systeme arbeiteten. Die Dünen selbst wurden zu
einem riesigen, verteilten Gehirn.
Oasen entstehen nicht mehr zufällig – sie werden berechnet, gesteuert,
genährt. Sonnenlicht, einst der größte Feind, ist zur treibenden Kraft
eines integrierten Ökosystems geworden. Wärme wird gespeichert, verteilt,
transformiert – in Wasser, Energie, Leben.
Ahmed begann damit im Jahr 2025. Damals war er nur ein junger Mann mit
einer Idee und einer fast störenden Überzeugung: Dass die Wüste kein
Problem war, sondern ein unbeschriebenes Versprechen. Die Menschen erinnern
sich noch an die ersten Jahre. An den jungen Ahmed, der durch die engen
Gassen von Ain Salah ging und exotische Samen verteilte, die er von einer
Reise aus Japan mitgebracht hatte. „Veränderung beginnt an den Wurzeln“,
sagte er damals. „Und wächst bis in die Wolken.“ Niemand ahnte, wie
wörtlich er das meinte.
## „Heute exportieren wir kalten Wind.“
Ein leiser Summton durchzieht die Gassen der Oasenstadt. Unter der
Oberfläche von In Salah arbeiten die Scorp-Bots – autonome, Skorpionen
gleichende Maschinen, entwickelt von jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren
aus Algerien, Tunesien und Ägypten. Sie bewegen sich wie Schatten durch den
Sand, graben Tunnel, injizieren Nanofeuchtigkeit in den Boden. Nachts
steigen sie an die Oberfläche. Mit magnetischen Bürsten reinigen sie
Solarfelder, lautlos, präzise – ohne einen einzigen Tropfen Wasser zu
verbrauchen. Unterirdische Netzwerke transportieren temperierte Luft bis
nach Europa. Sandstürme werden nicht mehr gefürchtet – sie werden geerntet,
ihre statische Energie wird gespeichert und umgewandelt. „Früher wollten
wir alternative Energie nutzen“, sagt Ahmed Dabo. „Heute exportieren wir
kalten Wind.“
Sein Labor – eine Struktur aus Glas, Metall und lebendigem Sand, die wie
ein Raumschiff in den Dünen verankert ist, eine Schule, ein Spielplatz, ein
Schlachtfeld der Ideen. Die neueste: Bäume, die doppelt so schnell wachsen
wie früher und zehnmal mehr Kohlendioxid binden. Ihre Stämme sind mit
Sensoren durchzogen, ihre Blätter Teil eines Netzwerks. Wenn eine einzelne
Palme Wassermangel signalisiert, reagiert das System innerhalb von
Sekunden. Eine Drohne hebt ab, betrieben mit grünem Wasserstoff, und gießt
aus der Luft. Kein Tropfen zu viel.
Junge Menschen aus ganz Nordafrika – aus Mauretanien, Libyen, Marokko,
Tunesien – strömen nach In Salah: Das Silicon Valley der Sahara. Die Stadt
hat sich verändert, doch Ahmed ist auch im Alter der Junge geblieben, der
er mal war. Oft steht er allein am Rand der Dünen, barfuß im Sand und
erinnert sich, wie es einst war: an Temperaturen von über 50 Grad, an
Winde, die Landschaften verschluckten, an Palmen, die starben.
„Andere sahen darin einen Feind“, sagt er.
Ahmed Dabo lächelt.
„Ich sah eine leere Seite.“
Er hat sie beschrieben.
Aicha Ould Habib, Autorin und Journalistin aus Algier,
Wissenschaftsjournalistin mit Spezialisierung auf die Themen Gesundheit,
Umwelt und Klima.
17 Jun 2026
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