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       # taz.de -- Syrien im Jahr 2050: Beginnt in Syrien der Tag am Abend?
       
       > Wenn es immer heißer wird, wenn tagsüber an Arbeit nicht mehr zu denken
       > ist – dann bleibt nur die Nacht. Eine Utopie der Dunkelheit.
       
   IMG Bild: In Syrien wird aufgrund der Hitze nachts gearbeitet, Kairo hingegen erwacht nach einem Tsunami aus Sand dank Wüstenschiffen
       
       Wenn die Sonne hinter den Bergen von Latakia über der Al-Ghab-Ebene
       westlich der Provinz Hama untergeht, bedeutet das für die Schäferin Fatima
       Um Ahmad nicht, dass der Tag vorbei ist. Vielmehr bedeutet es, dass er
       endlich beginnt. Sie öffnet die Tür ihres Hauses und geht mit ihrer Herde
       auf die Straßen, die noch die Hitze des Tages speichern, und macht sich auf
       den Weg zur Weide.
       
       Fatima erinnert sich, wie ihre Mutter vor 25 Jahren um diese Tageszeit
       zurückkehrte, um sich auszuruhen. Aber heute, im Jahr 2050, messen die
       Menschen die Zeit nicht mehr anhand von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang,
       sondern anhand der Temperatur im Sommer, die bestimmt, wann sie rauskönnen
       und wann sie sich verstecken müssen.
       
       Fatima zeigt auf ihre aneinandergedrängten Schafe und sagt: „Das Leben
       beginnt jetzt im Sommer nach Sonnenuntergang, denn tagsüber kann man nicht
       mehr weiden, und die Sonne ist nicht mehr wie die Sonne, die wir vor Jahren
       kannten.“ Fatima hat keine andere Wahl, als nachts zu arbeiten, wenn die
       Temperatur etwas sinkt und sie und ihre Tiere sich fortbewegen können. Sie
       erklärt, dass die Schafe in der Hitze schnell ermüden, ihre Schritte
       verlangsamen, manchmal nicht trinken wollen und einige von ihnen allmählich
       an Gewicht verlieren.
       
       Auf dem Weg zur Weide führt sie ihre Herde an Betonbewässerungskanälen
       vorbei, die früher mit Wasser gefüllt waren. Diese Kanäle wurden vom
       Orontes gespeist, und die Schafe tranken früher daraus. Heute, da der
       Wasserstand des Flusses sinkt, sind auch die Kanäle ausgetrocknet, und die
       einst wichtigste Wasserquelle für die Bewässerung von Feldern und das
       Tränken der Tiere ist verschwunden.
       
       ## Um 3.30 Uhr morgens kommt der Milchmann
       
       Das Weiden in der Nacht ist nicht einfach. In der Dunkelheit kann sich die
       Herde leichter verirren, und wilde Tiere haben sich nach dem Rückgang ihres
       natürlichen Lebensraums näher an landwirtschaftliche Gebiete herangewagt.
       Fatima geht langsam und zählt ihre Schafe immer wieder, als fürchte sie,
       die Nacht könnte eines von ihnen verschlucken. Aber sie wird getröstet
       durch die meisten Menschen in der Gegend, die ihre Aktivitäten in die Nacht
       verlegt haben, um der Hitze des Tages zu entkommen.
       
       Vor Sonnenaufgang beginnt eine weitere Arbeitsphase. Sie sitzt in der Nähe
       der Herde und melkt die Schafe schnell und gekonnt, während sie nervös auf
       die Uhr schaut. Um 3.30 Uhr morgens kommt der Milchmann in seinem kleinen
       Auto, das mit speziellen Tanks ausgestattet ist, um die Milch einzusammeln,
       bevor die Sonne aufgeht und die Hitze zunimmt. „Wenn wir zu spät kommen,
       verdirbt die Milch, bevor sie die Molkerei und die Käserei erreicht“, sagt
       Fatima.
       
       Die Arbeit in der Nacht hat Fatimas Leben völlig verändert, da das Klima
       die Beziehung zwischen Menschen, Land, Tieren und Familie verändert hat.
       „Wir sind mit dem Wissen aufgewachsen, dass der Tag zum Arbeiten und die
       Nacht zum Ausruhen da ist“, sagt sie und blickt kurz vor Sonnenaufgang zum
       Horizont. „Jetzt haben wir das Gegenteil gelernt und wissen nicht, ob
       unsere Kinder sich jemals daran erinnern werden, dass die Sonne einmal
       unser Freund war.“
       
       Sawsan al-Hussein, syrische Journalistin aus Idlib, Redakteurin bei Focus
       Aleppo und Journalistin bei Khatt 30.
       
       17 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
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