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       # taz.de -- Naive KI-Hoffnungen in der Verwaltung: „Kann man da was mit KI machen?“
       
       > Wenn Kommunen die Chancen von KI nutzen, entstehen Risiken. Und es geht
       > keineswegs allein um Deepfakes, Datenschutz und Diskriminierung.
       
   IMG Bild: Mehr Effizienz durch KI oder doch nicht?
       
       An generativer KI führt kein Weg mehr vorbei, selbst wenn man es wollte.
       Viele Kommunen arbeiten daher an Dienstanweisungen und Schulungen, suchen
       nach Use-Cases und entwickeln zusammen mit Unternehmen technische Lösungen.
       Dabei wird auch intensiv über Chancen und Risiken der Nutzung von
       Sprachmodellen diskutiert.
       
       Das Bild der Lage bleibt jedoch unvollständig. Vor allem blenden die
       Diskussionen aus, dass bürokratische Organisationen nicht nur Rechtsgebilde
       sind, sondern historisch gewachsene soziale Systeme. Eine Verwaltung kann
       daher weder juristisch festlegen noch direktiv bestimmen, wie sie auf diese
       neue technische Intervention reagiert. Die entsprechende Ungewissheit wird
       aber gekonnt ignoriert – und die gut gemeinte Chancen-und-Risiken-Rhetorik
       hilft dabei.
       
       In kommunalen Diskussionen sind die Chancen von Sprachmodell-KI und ihren
       Agenten seltsam risikobefreit. Dass die Chancen zu höherer Produktivität,
       mehr Effizienz oder schnellerer Bearbeitung führen, scheint gewiss. Man
       müsse es nur richtig machen.
       
       Aber wie es generell „richtig“ geht, kann niemand wissen. Use-Cases und
       Best Practices geben Anregungen, sind aber interkommunal nicht so
       übertragbar, wie man sich das vorstellt. Die Beharrlichkeit und soziale
       Intelligenz historisch gewachsener, lokaler Organisationsstrukturen werden
       unterschätzt.
       
       ## Die Risiken der Anderen
       
       Über Risiken wird durchaus diskutiert, aber in anderer Form. Der Blick ist
       dabei vorwiegend nach außen gerichtet. Es geht um Risiken, die nicht die
       Verwaltung selbst, sondern Sprachmodell-produzierende Unternehmen und ihre
       Risikokapitalgeber eingehen, indem sie die Informationsökologie der
       Gesellschaft als Reallabor für die Entwicklung und Verbreitung ihrer
       Modelle nutzen.
       
       Sie schaffen dadurch die Bedingungen für das, was wir dann als ethische und
       rechtliche „Risiken“ der Technologie bezeichnen. Dazu gehören unter anderem
       desinformierende Deepfakes, diskriminierende Inhalte, Datenschutzverstöße
       oder skalierbare Betrugsmaschen.
       
       Dafür kann man gar nicht genug sensibilisieren. Aber das sind nicht Risiken
       der Verwaltung, sondern Gefahren für die Verwaltung, denn nur die eigenen
       Entscheidungen können riskant sein. Das zeigt die Soziologie des Risikos
       von [1][Niklas Luhmann] eindrücklich. Zum Beispiel ist es riskant, auf die
       Chance zu setzen, dass agentische KI-Systeme die Antragsbearbeitung
       effizienter machen. Ob das gelingt, kann man nicht wissen, weil es von zu
       vielen lokal variierenden Faktoren abhängt.
       
       Die damit verbundenen Risiken kann man trotz allem eingehen. Um sie aber
       erkennen zu können, müssen wir aufhören, abstrakte Chancenversprechen zu
       Produktivität oder Schnelligkeit wie Gewissheiten zu behandeln, die sich
       bei KI-Einsatz unvermeidbar einstellen. Das macht sowohl die Entscheidung
       als auch die unmittelbaren Risiken und ihre Chancen unsichtbar.
       
       ## Die Risiken der eigenen Entscheidungen
       
       Ausnahmslos jede Entscheidung ist durch Chancen und Risiken
       charakterisiert. Deshalb sollten wir uns unaufgeregt fragen, was es
       bedeutet, wenn wir uns dafür entscheiden, KI-Systeme in bereits
       existierende technische Systeme, Verwaltungsprozesse und kollegiale
       Kommunikation einzubauen. Wie genau macht das ein bestimmtes Verfahren
       effizienter? Erleichtert es einen Antrag und für wen? Beschleunigt es eine
       Baugenehmigung? Wenn ja, unter welchen Umständen? Welche Unterstützung
       braucht diese Technik in Form von Zeit, Kompetenz, Geld und Personal, damit
       sie angemessen unterstützen kann und nicht unerwartete Probleme bereitet?
       
       Kommunen und auch Unternehmen stellen solche Fragen noch zu selten.
       Stattdessen wird gefragt: Kann man da was mit KI machen? Oder: Wie kriegen
       wir KI in unsere Prozesse? Das sind legitime Fragen, aber sie lassen
       jegliches Risikobewusstsein vermissen, das für jede gute Chancenauswertung
       unerlässlich ist. Stattdessen wird eine Technologie [2][(LLMs und ihre
       Derivate)] als unhinterfragte Lösung an den Anfang gestellt, ohne
       Organisation ernsthaft in Erwägung zu ziehen.
       
       Aus bisherigen Erfahrungen mit der Einführung neuer Technologien könnten
       wir wissen, dass Prozesse sich zunächst auch verlangsamen können, weil
       Umstellungsphasen sich hinziehen oder Probleme und Fehler entstehen, mit
       denen man nicht rechnet. „KI“ ist davon nicht ausgenommen. Entsprechend
       unterstützte Entscheidungsfindung kann unter Umständen schlechtere
       Ergebnisse produzieren, wenn beispielsweise andere Informationsquellen
       aufgrund von übermäßigem Vertrauen in die Ausgaben von Sprachmodellen
       versiegen.
       
       Ungleich verteilte Nutzungserwartungen können die Zusammenarbeit stören und
       [3][Chatbot-Kommunikation] kann Beschäftigte womöglich entlasten,
       Bürger*innen aber nerven. Je nach Ressourcenlage kann all das jeweils
       schon das Ende einer Lösung bedeuten, die eigentlich vielversprechend,
       brauchbar und sinnvoll ist.
       
       Deshalb müssen wir offener über Risiken sprechen. Es ist eine notwendige
       Voraussetzung für eine nachhaltige technische Unterstützung von Verwaltung.
       Ein Wissen um solche organisationsbezogenen Risiken von KI-Systemen hält
       nicht davon ab, sie einzugehen. Vielmehr hilft es, sie zu kanalisieren.
       
       Im Gegensatz dazu ist es ratsam, einfachen Kausalketten zwischen
       Technologie und Organisation zu misstrauen. In etwa: Wenn KI eingesetzt
       wird, dann wird Verwaltung effizienter und wenn sie effizienter ist, dann
       sind alle zufriedener. Das klingt gut, ignoriert aber, dass Organisationen
       keine technischen Apparate sind. Mit anderen Worten: Bürgernähe und
       Zufriedenheit sind nicht einfach eine natürliche Folge von Effizienz, die
       sich wiederum nicht automatisch durch eine neue Technologie einstellt. Die
       Realität organisierter Kommunikation ist auch in einer Verwaltung eben
       nicht Kausalität, sondern Kontingenz.
       
       ## Einfache Versprechen
       
       Die Beschäftigten zu entlasten und das Leben in den Kommunen zu verbessern
       sind Ziele, die mehr verdienen als die altbekannte Hoffnung, dass eine neue
       Technik Organisationsprobleme lösen soll. Trotz Erfahrungen aus der
       Vergangenheit darauf zu setzen, dass es dieses Mal funktioniert, wird
       selbst zu einem Risiko. Kommunen vertrauen zum Teil darauf, dass die
       Technik zur ersehnten Entlastung und höherer Servicequalität führt, und
       müssen dann womöglich dauerhaft managen, dass sich mit Deep-Learning-KI,
       also auch allen Sprachmodellen und darauf basierenden agentischen Lösungen,
       keine zuverlässigen Automaten produzieren lassen.
       
       Solche kausal zuverlässigen Automaten bräuchte man aber gerade für
       Routinetätigkeiten, von denen man die Beschäftigten entlasten will. Wenn
       nun nicht mehr nur die arbeitenden Menschen, sondern auch die eingesetzten
       Maschinen unzuverlässig sein können, braucht es zwangsläufig eine andere
       Risikoabwägung.
       
       Zu einer neuen Abwägung ist es aber noch nicht gekommen. Ganz im Gegenteil.
       In Whitepapers, Konzepten und Richtlinien zahlreicher Institute, Behörden
       oder Beratungsunternehmen wird überzeugt davon ausgegangen, dass die
       jetzige Form von generativer (und darauf gegründeter agentischer)
       Deep-Learning-KI die Verwaltung effizienter und schneller machen könne.
       
       Auch in politischen Kontexten gilt diese Annahme als gesetzt, manchmal
       garniert mit waghalsigen Übertreibungen. KI werde die Welt mehr verändern
       als Buchdruck, Dampfmaschine, Elektrizität, Verbrennungsmotor und
       klassisches Internet zusammen. Zusammen. Oft auch Eisenbahnnostalgie: Wir
       müssen den Anschluss schaffen. Oder, dramatischer, Bahnrealität: Wir haben
       den Anschluss verpasst.
       
       Wir sollten nicht nur die Outputs der Maschinen kritisch hinterfragen, was
       in der Verwaltungspraxis bereits zu einem sinnvollen und notwendigen Mantra
       zu werden scheint, sondern vor allem auch solche Prämissen. Sie wiederholen
       nur die Versprechen der KI-Produzenten. Dass diese Unternehmen selbst daran
       glauben, reicht als Beleg nicht aus. Ihre Zukunft ist nicht weniger
       ungewiss als die aller anderen. Wie sehr sich die Welt durch
       KI-Technologien verändert, hängt eben letzten Endes von politischen
       Entscheidungen ab. Neue Technologien haben sich bisher noch nie nur aus
       technischen Gründen durchgesetzt.
       
       ## Die Realität der Technologie
       
       Maschinelles Lernen zur Unterstützung von Spitzenforschung, isolierte
       Erkenntnisse aus KI-Laboren und das Erreichen irgendwelcher Benchmarks
       sagen nichts aus über die Alltagstauglichkeit von KI-Systemen in der
       Verwaltung und in Unternehmen. Mit einer Suche nach Use-Cases, deren
       Bedeutung für die Skalierung überschätzt wird, und einer Anpassung der
       Prozesse auf dem Computer-Reißbrett ist es auch nicht getan. Es braucht vor
       allem Zeit und Investitionen in den Aufbau von Kompetenzen.
       
       Außerdem fehlt eine einfache Sache in jeder realistischen Kalkulation
       möglicher Produktivitäts- und Effizienzgewinne: Nicht nur die eigene
       Verwaltung nutzt KI-Systeme, sondern alle anderen haben auch Zugriff
       darauf. Die Verwaltung kann schneller und effektiver werden, andere aber
       eben auch. Sie können damit Anträge, Beschwerden, Anschreiben oder
       Dokumente in höherer Geschwindigkeit und größerer Menge generieren.
       
       Die entsprechenden Dokumente können zwar voller sachlicher Fehler sein,
       aber das ändert nichts daran, dass sich unsere Institutionen trotzdem damit
       befassen müssen. Ein aktuelles Beispiel ist die stark erhöhte Anzahl an
       Klagen und Beschwerden, mit der sich Sozialgerichte gerade konfrontiert
       sehen. Gesellschaftliche Effekte von Sprachmodell-KI können zur Gefahr für
       die erwarteten Produktivitätsgewinne werden – oder gar für das
       Funktionieren unserer Institutionen.
       
       Über die Risiken der Umsetzung zu sprechen und sie ernst zu nehmen, läuft
       nicht darauf hinaus, sie zu vermeiden. Vielmehr schafft das die Grundlage
       dafür, sie vor dem Hintergrund der eigenen Organisation informiert eingehen
       zu können. Das klärt den Blick für die Chancen eines realistischen und
       wirksamen Einsatzes von diversen KI-Technologien, mit denen Kommunen ihre
       Zukünfte souverän gestalten können.
       
       10 Jun 2026
       
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