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       # taz.de -- Neuen EU-Asylsystem Geas: In Deutschland drohen Schnellverfahren
       
       > Mit dem EU-Asylsystem Geas kann Deutschland nun Asylanträge auf andere
       > europäische Länder abwälzen. Brandenburg testet das schon seit einigen
       > Monaten.
       
   IMG Bild: Leben im Wohncontainer der Einrichtung in Eisenhüttenstadt, Brandenburg
       
       Es ist ein irritierendes Blau, das zwischen den Baracken der
       Erstaufnahmeeinrichtung Eisenhüttenstadt hindurchstrahlt. Fast schon
       ultramarin leuchten die Flachbauten und Container des
       „Sekundärmigrationszentrums“. Hier testet die Landesregierung Brandenburgs
       seit einigen Monaten, was mit Inkrafttreten des neuen EU-Asylsystems Geas
       auf viele andere Bundesländer ausgeweitet werden soll: eine neue Methode,
       um Asylanträge auf andere europäische Länder abzuwälzen.
       
       Es geht um Geflüchtete, die über europäische Nachbarländer eingereist sind,
       teils dort bereits Asyl beantragt haben, aber nach Deutschland kommen, weil
       die Lebensbedingungen für Schutzsuchende in vielen südeuropäischen Staaten
       katastrophal sind.
       
       Das gilt praktisch für alle Geflüchteten, die derzeit in Deutschland
       ankommen – außer die wenigen, die per Flugzeug oder Schiff einreisen und in
       Deutschland zum ersten Mal EU-Boden betreten. Alle anderen müssen künftig
       fürchten, für bis zu zwei Jahre in einem der Zentren zu landen.
       
       ## Nachts darf niemand raus
       
       Dort sollen sie von der deutschen Bevölkerung möglichst abgeschirmt bleiben
       und für die Behörden leicht zu greifen – und abzuschieben – sein.
       [1][Nachts darf niemand die Einrichtungen verlassen.] Wenn behördlich
       festgestellt wurde, dass ein anderer EU-Staat für eine Person zuständig
       ist, kann diese komplett am Verlassen der Einrichtung gehindert werden.
       Einen Richterentscheid wie bei der Abschiebehaft braucht es dafür nicht, es
       muss lediglich Fluchtgefahr angenommen werden – was die Behörden der
       Zentren aber grundsätzlich tun.
       
       Wenn Länder wie Italien künftig tatsächlich wieder beginnen, Geflüchtete
       aus Deutschland zurückzunehmen, könnte mit den Sekundärmigrationszentren
       ein Mechanismus entstehen, solche Rückschiebungen im großen Stil
       umzusetzen. Wenn jedoch wie bisher nur wenige Geflüchtete zurückgenommen
       werden, könnten die Zentren als Luftnummer enden. Zunächst wird es in den
       Zentren ohnehin nur ein paar Hundert Plätze geben, nur in wenigen
       Bundesländern wird an neuen Zentren gebaut.
       
       ## Chancen für erfolgreiche Asylanträge werden schlechter
       
       [2][Viele andere EU-Staaten sind mit der Umsetzung von Geas ebenfalls
       mächtig im Verzug.] Wie so oft in der europäischen Asylpolitik könnten
       politische Rhetorik und Realität also weit auseinanderklaffen.
       
       Die Chancen für Geflüchtete in den Asylverfahren selbst werden sich
       verschlechtern. Auch in Deutschland bekommen Antragstellende aus
       sogenannten sicheren Herkunftsländern und aus Staaten mit Schutzquote unter
       20 Prozent künftig nur noch Schnellverfahren.
       
       Im ersten Halbjahr 2026 wären davon rund 40 Prozent der Geflüchteten
       betroffen gewesen. Künftig sollen die Asylanträge solcher Personen in
       weniger als drei Monaten entschieden werden. Eigentlich ist eine
       Beschleunigung des behäbigen deutschen Schutzsystems durchaus positiv. Es
       steht aber zu befürchten, dass dabei nur noch oberflächlich geprüft wird.
       Außerdem wird auch dort Zeit gespart, wo es um Fristen geht, in denen sich
       Betroffene juristisch gegen die Entscheidung wehren können.
       
       Geflüchtete, die per Flugzeug oder Schiff einreisen, müssen nicht nur
       Schnellverfahren, sondern auch die Grenzverfahren fürchten, wie es sie auch
       an den EU-Außengrenzen in Griechenland oder Italien geben wird. Auch hier
       trifft es alle Personen aus sicheren Herkunftsländern oder Staaten mit
       niedriger Schutzquote. Ihr Asylantrag muss binnen drei Monaten bearbeitet
       werden, und sie werden inhaftiert. Dafür gibt es spezielle Einrichtungen,
       etwa im Transitbereich der Flughäfen. Wenn ihr Asylantrag abgelehnt wird,
       können sie noch weitere drei Monate festgehalten werden, um ihre
       Abschiebung von dort aus zu organisieren.
       
       ## Ziel: Wenig Angriffsfläche für AfD vor der Wahl bieten
       
       Bedeutung hat die Geas-Reform für die deutsche Politik aber auch, weil ihr
       Inkrafttreten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) einst mit dem
       Ende von Kontrollen und Zurückweisungen von Geflüchteten an den deutschen
       Grenzen verknüpft hatte. [3][Das hat die Bundesregierung inzwischen
       kassiert. Mindestens bis in den Herbst läuft diese Praxis weiter, heißt es
       jetzt.]
       
       Das offensichtliche Kalkül: Vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und
       Mecklenburg-Vorpommern will die Union der AfD nicht die Möglichkeit geben,
       die Asylpolitik der Bundesregierung als zu lasch anzuprangern. Doch die
       Zurückweisungen sind höchstwahrscheinlich europarechtswidrig, belasten die
       Beziehungen zu Nachbarländern wie Polen schwer und untergraben zunehmend
       die Hoffnung, dass ein Europa der offenen Grenzen noch einmal wiederkommt,
       wie es in den Schengenregeln vorgesehen ist.
       
       12 Jun 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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