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       # taz.de -- Hörsaal an der Uni Göttingen besetzt: Studierende kämpfen um linken Freiraum
       
       > In Göttingen haben Studierende einen Hörsaal besetzt. Sie fordern von der
       > Uni den seit mehr als 20 Jahren selbstverwalteten Raum „Autonomicum“
       > zurück.
       
   IMG Bild: Hier fanden Chorproben und politische Plena statt: selbstverwalteter Raum „Autonomicum“ an der Uni Göttingen
       
       An der Uni Göttingen haben rund 20 Studierende am Montagmorgen einen
       Hörsaal im Zentralen Hörsaalgebäude (ZHG) besetzt. Sie protestieren
       dagegen, dass die Uni den seit mehr als 25 Jahren [1][von Studierenden
       selbstverwalteten Raum] „Autonomicum“ im November geschlossen hat –
       angeblich um Schädlingsbefall zu bekämpfen.
       
       Am Montagmorgen hätten die [2][Besetzer*innen im Hörsaal] zuerst die
       mitgebrachte Kaffeemaschine angeschmissen, erzählen Leonie und Johanna von
       der Gruppe Autonomicum der taz am Telefon. „Wir wollen vorbereitet sein auf
       die ersten Studis, die kommen, weil sie zur 10-Uhr-Vorlesung wollen“, sagt
       Leonie. Sie hofften, dass sie sich der Besetzung anschließen.
       
       Die Gruppe bezeichnet die Besetzung nicht nur als Protestaktion. „Wir
       nutzen den Hörsaal als Ersatz für den Raum, der uns genommen wurde“, sagt
       Leonie.
       
       Dieser Raum liegt direkt neben dem Hörsaal, der nun besetzt wurde. Das
       Autonomicum ist ein rund 60 Quadratmeter großer Raum, der nur von
       Studierenden organisiert wird. Er wurde Mitte der 2000er-Jahre selbst durch
       eine Besetzung erkämpft. Die Idee: Ein linker Freiraum in der Uni, der
       offen für alle ist. „Einzige Ausnahme sind allerdings Burschis,
       Nationalisten und Sexisten“, wie [3][in einem Text aus dem Gründungsjahr]
       steht.
       
       ## „Autonomicum“ war rund um die Uhr geöffnet
       
       Bis das Autonomicum im Herbst geschlossen wurde, gab es dort Kaffee, Tee,
       Sofas und Platz, um Flyer, Pinsel oder Transparente zu lagern. Es war ein
       Ort für Chorproben und spontane Plena politischer Gruppen – finanziert über
       eine Spendenbox. Bis November war der Raum rund um die Uhr zugänglich;
       tagsüber für alle, nachts konnten Studierende mit ihren Ausweisen rein.
       
       An einem Abend im November standen die Studierenden dann plötzlich vor
       einer verschlossenen Tür. Ein Schild wies auf eine „Gesundheitsgefahr“ hin.
       Die Uni begründete die Schließung des Raumes mit Schädlingsbekämpfung,
       sprach gegenüber den Studierenden von Schaben und Mäusen.
       
       Leonie und Johanna halten das für einen Vorwand. Es habe kein Problem mit
       Tieren im Raum gegeben. „Ich habe mit Pförtner*innen gesprochen, die den
       Raum nachts als Teeküche nutzen“, sagt Johanna. „Die haben dort nie
       Schädlinge gesehen.“ Zudem sei anfangs von acht Wochen Schließung die Rede
       gewesen, der Raum aber sei aber heute, ein gutes halbes Jahr später, immer
       noch zu.
       
       Die Uni schreibt auf taz-Anfrage, der autonome Raum „hatte einen
       Schädlingsbefall, vermutlich verursacht durch mitgebrachte Sofas,
       unverpackte Lebensmittel und Löcher unter den Fenstern“. Er sei deshalb in
       den vergangenen Monaten „entseucht, renoviert und gereinigt“ worden.
       
       Für die Studierenden hat die Uni mit der Schließung des Autonomicums Fakten
       geschaffen in einem Streit, der schon viel länger dauert. Eigentlich, sagt
       Leonie, habe es 2023 angefangen. Damals habe die Uni plötzlich Miete von
       den Studierenden gefordert. „Es geht um 500 Euro pro Monat für die
       Nebenkosten plus 500 pro Semester“, sagt sie. Die Studierenden lehnen das
       ab: „Das widerspricht dem Gedanken der Selbstverwaltung. Außerdem: wo soll
       das Geld herkommen?“, sagt Johanna.
       
       Das Autonomicum war Nachfolger des vorherigen studentisch selbstverwalteten
       Café Kollabs, das nach einem Brand 2006 geschlossen wurde. Darufhin
       besetzten Studierende im Januar 2008 den Raum 1140 im ZHG. Nach einigen
       Wochen ließ die Uni ihn von der Polizei räumen. Im Jahr darauf landete eine
       Studierende wegen Landfriedensbruchs vor Gericht und musste eine Geldstrafe
       zahlen.
       
       Trotzdem hatte die Besetzung Erfolg: Im Sommer 2008 konnten die
       Studierenden einen Raum eine Etage weiter unten beziehen: das heutige
       Autonomicum. Sie bekamen sogar einen Nutzungsvertrag.
       
       ## Mysteriöser Nutzungsvertrag
       
       Was genau darin steht und ob der heute noch gültig ist, wissen Leonie und
       Johanna nicht. Grundsätzlich dürfen anerkannte Hochschulgruppen (HG), die
       vom Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) aufgelistet werden, Räume der
       Uni kostenlos nutzen. Das regelt das niedersächsische Hochschulgesetz und
       das ist an den meisten Unis auch so. Die Gruppe Autonomicum hat sich zwar
       nach der Auseinandersetzung mit der Uni um die Miete als HG gegründet, ist
       aber nicht offiziell anerkannt.
       
       Die Pressestelle der Uni möchte sich dazu nicht äußern. Auch, ob die
       Studierenden den Raum zurückbekommen werden, und wie die Mietforderungen
       begründet sind, kann der Pressesprecher nicht sagen. Er verweist auf
       aktuell laufende Gespräche zwischen Präsidium und Studierenden.
       
       Die Besetzer*innen laden indes alle Studierenden dazu ein, im Hörsaal
       vorbeizukommen, und diesen Raum zu nutzen, gemeinsam zu essen, zu lernen
       und zu arbeiten. Sie planen, die Besetzung zu fortzusetzen und im Hörsaal
       zu übernachten. „Den Hörsaal geben wir zurück, wenn wir das Autonomicum
       zurückbekommen“, sagt Leonie.
       
       8 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Nischen-im-Uni-Alltag/!630546/
   DIR [2] /Debatte-um-Antisemitismus-an-Hochschulen/!6124591
   DIR [3] https://archiv.bb-goettingen.de/1664?print=1
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Amira Klute
       
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