# taz.de -- Jenni Zylka cultural appreciation: Die Mehrheit unter den Minderheiten
Man muss vorwegschicken: Die Phrase „Frauen und andere Minderheiten“ sollte
eigentlich einst für mehr Gerechtigkeit sorgen. Soziolog:innen hatten
sie geprägt, um auf die unfaire „Minderheit“-Behandlung der statistisch
größeren Bevölkerungsgruppe aufmerksam zu machen.
Die Wortwahl stößt trotzdem auf – und passt sozusagen wie der Deckel auf
den Kochtopf zum soeben erschienenen „Diversity Report“, den
Wissenschaftler:innen der renommierten UCLA (Universität von
Kalifornien, Los Angeles) seit 2014 alljährlich veröffentlichen.
Es geht darin um Repräsentanz von „Frauen und anderen Minderheiten“ in der
Filmbranche. Wenig überraschend und dabei zum Himmel stinkend sind die
Ergebnisse des aktuellen Berichts: „Obwohl sie etwas mehr als die Hälfte
der Bevölkerung ausmachen“, bilanzieren die Autor:innen, „waren Frauen im
Jahr 2025 in allen wichtigen Beschäftigungsbereichen des Kinofilms
weiterhin unterrepräsentiert.“
Im Regiebereich dümpeln sie bei skandalösen 10 Prozent, nur etwas über ein
Viertel der Kinofilme wurde von Frauen geschrieben. Ähnliches gilt für die
Repräsentanz bei Streamern ([1][die Studie differenziert zwischen „Kino“
und „Streaming“]). Allerdings, so ist zu lesen, übertraf die Frauenquote in
Streamingfilmen „ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung bei den
Hauptrollen“, sie erreichte nämlich 58,4 Prozent.
Was auch daran liegen könnte, dass die Big Ships, etwa Netflix, zu Anlässen
wie Weihnachten mittlerweile gefühlt sieben Millionen identische RomComs
auf den Markt schleudern, in denen immer die gleiche Frau (jung, schlank,
glatt, langhaarig, tölpelig, aber dennoch liebenswert) immer das gleiche,
klassische Frauenabenteuer erlebt (zunächst hat sie den falschen, am Ende
dann, puh, ein Glück, den richtigen Mann), während im Soundtrack Popsongs
ballern.
Seit die Streamer zudem begonnen haben, die Gesichter ihrer
Hauptdarstellerinnen in der Postproduktion durch [2][Digital Make-Up], etwa
das sogenannte Air Brushing, zusätzlich zu glätten, ähneln sich die
Protagonistinnen noch mehr – und repräsentieren die Realität noch weniger.
Selbstredend sind diese glattgebügelten Protagonistinnen weiß. Denn nicht
nur Frauen stellen zahlenmäßig keine echte Minderheit dar: In den USA
machten BIPOC (Black, Indigenous, and People of Color) im Jahr 2025 45,2
Prozent der US-Bevölkerung aus, mit steigender Tendenz. Demgegenüber wiesen
nur 25,8 Prozent der Streamingfilme eine Besetzung auf, die mehrheitlich
aus „People of Color“ bestand, Hauptrollen in Kinofilmen waren zu 23
Prozent nicht weiß besetzt. Nicht mal ein Viertel der Kinoregisseur:innen
war BIPOC und nur 20 Prozent der Drehbuchautor:innen.
Wenn gespart wird, spart man eben am schnellsten an überflüssigem
Frauen-und-andere-Minderheiten-Kram. Und die Gelder schrumpfen nicht nur,
weil die Branche ganz schön an ihren teilweise selbst mitverursachten
kulturellen Veränderungen (Streamer, KI) zu nagen hat, sondern weil
Fairness-, Vielfalts- und Inklusionsinitiativen unter Trump [3][bekanntlich
systematisch abgebaut werden].
Die „Alarmglocken sollten schrillen“, so formulierte es eine:r der
Studienautor:innen. Noch irrer ist, dass jene kontinuierlich seltener
produzierten Filme mit einem diversem Cast im letzten Jahr am meisten Geld
einspielten. Denn das US-Publikum, das dem Abbau der Vielfaltsinitiativen
zum Trotz immer vielfältiger wird, will diese Tatsache natürlich auf der
Leinwand oder dem Bildschirm wiederfinden.
Der erfolgreichste Originaltitel in der Geschichte von Netflix ist
folgerichtig mit bislang über 640 Millionen Abrufen das
Animationsfilm-Phänomen „[4][KPop Demon Hunters]“. Darin geht es um eine
asiatische Girlgroup, deren Mitglieder ein Doppelleben als
Dämonenjägerinnen führen. Dieser Film wurde, recherchierte die UCLA-Studie,
übrigens mehr in Latino- als in Haushalten asiatischstämmiger Menschen
gestreamt. Dabei ließen sich definitiv überall Dämonen finden, die es zu
jagen gilt.
20 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Jenni Zylka
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