# taz.de -- Midsommar in Schweden: Nicht so blutrünstig wie der Film
> Blumenkränze, Knäckebrot, Köttbullar: Das schwedische Midsommarfest
> erfüllt jedes landestypische Klischee. Überrascht wird unsere Autorin
> trotzdem.
IMG Bild: Rund um den mit Zweigen dekorierten Pfahl ist zur Sommersonnenwende den ganzen Tag Programm
Auf dem Holztisch in der sonnendurchfluteten Küche drängeln sich Quiche,
Würstchen, Käse, Knäckebrot und Kartoffelsalat, thronen Krabben auf
halbierten gekochten Eiern, konkurrieren eingelegte Heringe und gebeizter
Räucherlachs mit einer üppigen Erdbeersahnetorte. Schaue ich aus dem
Fenster, blicke ich auf einen See – so endlos groß wie ein Meer.
Ich bin in Schweden, in der Region Värmland, zu Gast bei der Mutter meiner
Schwägerin. Barbro, wie sie in diesem Text heißen soll, ist Anfang siebzig
und [1][die gelebte Gastfreundschaft]. Sie hat in ihr Sommerhaus am
sandigen Nordufer des Vänern, des größten Sees des Landes, geladen, um mit
einem guten Dutzend Verwandten aus drei Generationen Midsommar zu feiern.
Das ist in Schweden das wichtigste Fest nach Weihnachten und wird – die
Schwed*innen sind pragmatisch – immer am Freitag zwischen dem 20. und 26.
Juni begangen. Klar hatte ich bestimmte Vorstellungen von diesem Tag, der
nicht weniger feiert als die Sonne und das Licht: bunte Blumenkränze für
alle, sommerlich geschmückte Birkenstämme überall und drumherum
ausgelassene, angetrunkene Erwachsene, die ununterbrochen singen und Hand
in Hand im Kreis tanzen.
Angereist bin ich mit meinen beiden Söhnen am gleichen Tag, von Hamburg
haben wir den Nachtzug genommen. Viel eingepackt haben wir nicht, aber
natürlich unsere Badesachen, einen großen Karton Weißwein und mehrere
Flaschen Crémant. Die Alkoholsteuer in Schweden ist verdammt hoch. Schon
auf der Fahrt zeigt sich Schweden von seiner Bilderbuchseite: saftig grüne
Blumenwiesen ziehen an uns vorüber, vereinzelte Birken, Weiden, Sägewerke,
Sportplätze und ein Mischwald, der, da bin ich mir ganz sicher, voller
Blaubeeren und Elche ist.
Hinter jedem zweiten Hügel glitzert ein See – es gibt an die 100.000 in
Schweden – wie verrückt in der Sonne und auf kleinen Anhöhen [2][stehen
diese typischen rot gestrichenen Holzhäuser mit ihren weißen
Fensterrahmen]. Falunrot heißt das Rot, es entstand als Abfallprodukt beim
Kupferabbau in Falun Dalarna in Mittelschweden. Die eisenhaltige Rezeptur
der Farbe schützt die Holzfassaden vor dem rauen Klima. Mein jüngerer Sohn
hat die Antwort auf seinem Handy schon parat, bevor ich die Frage überhaupt
laut ausgesprochen habe. In der Junisonne wirken die Fassaden noch wärmer.
## Im Kühlregal thront eine Pippi-Langstrumpf-Torte
Das Sommerhaus von Barbro hingegen ist weiß gestrichen. Trotz des üppigen
Buffets fahre ich mit meiner Schwägerin sicherheitshalber noch einmal zum
Supermarkt, der eher an eine Messehalle erinnert als an einen Ort für
spontane Alltagsbesorgungen. Die Gänge sind straßenbreit, die Regale schier
endlos, das Angebot überwältigend. Unser Einkaufswagen füllt sich schnell,
mit Kartoffeln, Dill, Grillfleisch, Köttbullar, Fisch, Eis, Knäckebrot und
mit Käse, über dessen Herkunft und Reifegrad niemand genau Bescheid weiß.
Im Kühlregal, zwischen Eis und industriell perfektionierter Sahne, thront
eine Pippi-Langstrumpf-Torte. Für einen Moment bleibe ich stehen und bin
fast erleichtert, dass das Klischee erfüllt ist.
Zurück am Ufer des Vänern verschiebt sich alles nach draußen in die
triumphierend helle Nachmittagssonne. Arglos frage ich nach der Sache mit
den Blumenkränzen, da hat Barbro auch schon eine Lösung: ihre
Stiefmütterchen. Entschlossen köpfen wir sie, flechten aus den tapferen
Topfpflanzen Haarschmuck; improvisiert, aber ernst gemeint und einen
vergänglichen Tag lang wunderschön anzusehen. Immerhin sind die Kränze ein
uraltes Symbol für Wiedergeburt und Fruchtbarkeit.
Frisch bekränzt gehen wir für ein Familienminigolfturnier auf den
Campingplatz eine Bucht weiter. Hier streckt sich zwischen den lichten
Kiefern ein mit Zweigen, Birkenlaub, Blumen und Kränzen dekorierter Pfahl
in die Höhe, die midsommarstång. Wo sie ist, ist den ganzen Tag Programm:
Gewinnspiele, Blumenkranzbinden und Schatzsuche. Die Stimmung ist
ausgelassen. Später wird gemeinsam gesungen und vereinzelt sogar in
traditioneller Tracht um die midsommarstång getanzt, zu Liedern, bei denen
Erwachsene und Kinder plötzlich Frösche imitieren. Dafür gehen alle in die
Hocke, watscheln, hüpfen und quaken. Niemand findet es seltsam. Im
Gegenteil. Wer nicht mitmacht, fällt auf.
Bis tief in diese besondere Nacht, die einfach nicht dunkeln will, tönen
von jener Nachbarbucht Musik, Stimmen und Lachen auf Barbros Terrasse
herüber. Bei uns läuft währenddessen eine ruhigere, familiäre
Midsommarversion. Spiele werden aufgebaut, Regeln erklärt und direkt an die
Familie angepasst. Das Buffet wächst wie nebenbei immer noch weiter:
Kartoffeln, Hering, Salate, Brot. Niemand ruft zum Essen. Man nimmt sich,
was man möchte. Gläser werden nachgefüllt. An diesem Tag scheint es nur
eine verbindliche Regel zu geben: Bevor ein Skål fällt, wird ein Trinklied,
ein snapsvisa, gesungen. Dessen Inhalte sind zweitrangig, mal geht es um
die Trinkfestigkeit der hier ansässigen Värmländer, mal um ganze und
halbvolle Gläser, mal um eine irrlichternde Zahlenreihe. Wichtiger ist das
gemeinsame Singen und Lachen – und Trinken.
Nur träge verrinnt die Zeit, wird weich, dehnbar. Die Sonne denkt gar nicht
daran, unterzugehen, sondern bleibt einfach. Aus Höflichkeit. Oder aus
Prinzip. Jemand fährt mit dem Jetski hinaus auf den See, zieht eine Bahn,
andere springen vom Steg ins Wasser, fluchen leise über die Kälte. Hier
passiert nichts Entscheidendes mehr. Sätze wiederholen sich. Später wird
der Whirlpool aktiviert. Auf den Luftblasen im Wasser tanzen
Getränkebehälter, Gespräche drehen sich, kommen zum Stillstand, setzen neu
an.
Über den besonderen Zauber einer Mittsommernacht wurde und wird immer
wieder berichtet: Von spirituellen Kräften und Wassergeistern, von
heilenden Pflanzen und kräftigendem Morgentau kann man lesen und auch
davon, dass unverheirateten Frauen in dieser Nacht ihr zukünftiger Ehemann
erscheine. Im realen Leben, erfahre ich, entstehen in dieser turbulenten,
trunkenen Mittsommernacht tatsächlich oft Partnerschaften. Mal von
kürzerer, mal von längerer Dauer. Also scheint dieses Fest eine Art
Karneval des Sommers zu sein.
Im Kreise der Familie plätschert die Sommersonnenwende als fröhliches,
nicht enden wollendes Zusammensein und gleichzeitig als gemütliches
Nebeneinandersein vorüber. Überstrahlt von einem Himmel, von dem sich die
Sonne kurz vor Mitternacht dann doch noch für ein paar Stunden
verabschiedet. Jemals wirklich dunkel wird es nicht. [3][Nur macht niemand
ein großes Thema daraus]. Außer mir und meinen Söhnen natürlich. Wir sind
diejenigen, die immer wieder ungläubig in die Dämmerung blicken und
entsprechend spät einschlafen. Und das auch nur, weil es an den Fenstern
Verdunkelungsrollos gibt.
19 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Hoehere-Huerden-bis-zum-schwedischen-Pass/!6175363
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DIR [3] /Ballerbue-statt-Bullerbue/!6164477
## AUTOREN
DIR Katrin Ullmann
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