# taz.de -- Barrierefreiheit in Unternehmen: „Ich kämpfe für Verbesserungen“
> Die geplante Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes steht in der
> Kritik. Auch SPD-Politikerin Heike Heubach will neue Verpflichtungen.
IMG Bild: Die gehörlose Bundestagsabgeordnete Heike Heubach im Berlner Regierungsviertel
taz: Frau Heubach, die Bundesregierung möchte mit dem
Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) die Barrierefreiheit im Land
verbessern. Nun gibt es Betroffene, die sagen: Der Kabinettsentwurf
[1][schützt die Diskriminierer und nicht die Diskriminierten.] Stimmen Sie
zu?
Heike Heubach: Es geht für mich nicht um die Frage, wer geschützt wird,
sondern darum, dass Menschen mit Behinderung gleichberechtigt teilhaben
können. Der Schwerpunkt des Gesetzes liegt darauf, wie zugänglich
öffentliche Behörden sind. Das umfasst auch die Kommunikation, also zum
Beispiel, ob Informationen auf Webseiten in leichter Sprache verfügbar
sind.
taz: In dem Entwurf wurde das Ziel formuliert, Barrierefreiheit bei den
Bundesbauten, beispielsweise Ministerien, bis 2035 zu erreichen,
verpflichtend soll es aber erst bis 2045 werden – das sind noch fast 20
Jahre!
Heubach: Ich persönlich halte 2045 auch für zu unambitioniert. Denken Sie
mal an Personen die heute 60 sind – die sind dann 80 Jahre alt. Ich würde
es deshalb sehr begrüßen, wenn die Frist vorgezogen wird. Vom Bund muss
eine Vorbildwirkung für die Privatwirtschaft ausgehen. Denn die
Lebensrealität der Menschen findet nicht überwiegend in Bundesbehörden
statt. Menschen mit Behinderung wollen in Cafés, zum Arzt, zum Friseur.
Deswegen wäre es sehr wichtig, all diese Orte barrierefrei zu gestalten.
taz: Die Privatwirtschaft soll zwar angemessene Vorkehrungen für
Barrierefreiheit treffen. Aber: Es darf für die Unternehmen „keine
unverhältnismäßige und unbillige Belastung darstellen“ – und dazu zählen
laut BGG-Entwurf grundsätzlich alle baulichen Maßnahmen. Wie bewerten Sie
das?
Heubach: Durch dieses Gesetz ist wirklich niemand dazu gezwungen, bauliche
Maßnahmen vorzunehmen. Das finde ich sehr schwierig. Wieso wird kein
Unterschied gemacht, wer sich was leisten kann? Denken sie an eine große
Firma, die auch gute Einnahmen und Rücklagen hat, warum sollte sie keine
baulichen Maßnahmen vornehmen? Bei einem Café mit zwei Stufen könnte eine
kostengünstige Rampe doch eine Möglichkeit sein. Nun sind bauliche
Maßnahmen explizit ausgenommen. Ich fürchte, mit diesem Gesetz wird niemals
eine noch so kleine und kostengünstige Rampe gebaut werden.
taz: Was folgern Sie daraus?
Heubach: Der Satz, der bauliche Maßnahmen ausschließt, sollte gestrichen
werden. Es ist im Jahr 2026 an der Zeit, die Privatwirtschaft ernsthaft zu
verpflichten.
taz: Die Privatwirtschaft entgegnet, Barrierefreiheit sei zu teuer.
Heubach: Das ist doch viel zu kurz gegriffen! Es mag zunächst eine
finanzielle Belastung geben, im Nachgang erarbeite ich mir doch ganz andere
Zielgruppen. Wenn ich Barrierefreiheit umsetze, bin ich zugänglich für die
gesamte Gesellschaft und erschließe mir damit neue Käufergruppen. Ich
möchte betonen: 16 Prozent der Bevölkerung haben eine Behinderung und die
meisten Behinderungen werden im Laufe des Lebens erworben. Von
Barrierefreiheit profitieren dazu auch ältere Menschen, Menschen mit
temporären Einschränkungen, Menschen mit kleinen Kindern.
taz: Nervt es Sie manchmal, dass bei Barrierefreiheit viele nur an eine
Rampe denken?
Heubach: Es stimmt, das ist das Bild in den Köpfen der Menschen. Wir müssen
wirklich aufklären, dass Menschen mit Behinderungen vielfältig sind. Es
geht nicht nur um mobilitätseingeschränkte Menschen.
taz: Auf einer Skala von 1 bis 10. Wie zufrieden sind Sie mit dem
Kabinettsentwurf?
Heubach: Wir sind derzeit im parlamentarischen Verfahren und in
Verhandlungsgesprächen, deswegen möchte ich nicht mehr dazu sagen. Nur so
viel: Gerade kämpfe ich täglich dafür, mehr Gleichstellung für Menschen mit
Behinderung zu erreichen.
taz: Keine Zahl?
Heubach: Nein.
taz: Haben Sie in letzter Zeit darüber nachgedacht, die SPD zu verlassen?
Heubach: Keine Sekunde!
taz: Sie sind in der SPD-Fraktion Beauftrage für die Belange von Menschen
mit Behinderung. Der Referentenentwurf kam aus dem SPD-geführten
Arbeitsministerium.
Heubach: Es tut mir leid, dieser Fingerzeig muss in Richtung
Wirtschaftsministerium gehen. Es gab einen Gesetzentwurf aus dem
Bundesarbeitsministerium, das ist richtig. Der wurde dann mit den anderen
Ministerien abgestimmt, und in diesem Prozess verschlechtert. Vor allem das
Wirtschaftsministerium hat viele Dinge so abgeändert, dass der Entwurf kaum
noch eine Verbesserung für Menschen mit Behinderung darstellt. Ich kämpfe
im parlamentarischen Verfahren wieder für Verbesserungen.
taz: Suchen Sie das Gespräch mit den Kolleg*innen der Union?
Heubach: Selbstverständlich.
taz: Und ist das schwierig?
Heubach: Das kann ich nicht pauschal beantworten. In den einzelnen Parteien
gibt es ja unterschiedliche Strömungen. Es kommt immer darauf an, wer ist
eher sozial oder eher wirtschaftsnah ausgerichtet.
taz: Wenn Sie keine Verbesserungen erreichen, erwägen Sie dem Gesetz am
Ende nicht zuzustimmen?
Heubach: Ich möchte heute keine hypothetischen Fragen beantworten.
taz: Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) 2009
ratifiziert, die Menschenrechte für Menschen mit Behinderung sicherstellen
soll. Wird die Konvention ausreichend ernst genommen?
Heubach: Nach der Ratifizierung 2009 gab es einen guten Schwung. Im
Bundestag haben alle Abgeordneten ein Heft ausgeteilt bekommen, mit dem sie
sich den Inhalt der Konvention erarbeiten und dann überlegen konnten, was
das für konkrete Gesetzesvorhaben bedeutet. Dieses Heft ist verschwunden
und damit auch das Wissen. Eigentlich müsste die UN-BRK in jedem Ausschuss
thematisiert werden.
taz: Gibt es für Sie ein Land, an dem sich Deutschland orientieren könnte?
Heubach: In Österreich zum Beispiel sind die angemessenen Vorkehrungen sehr
gut in der Gesetzgebung verankert – und es hat der Wirtschaft nicht
geschadet.
taz: Wie lässt sich ein Umdenken erreichen?
Heubach: Menschen mit Behinderung müssen in allen Lebensbereichen sichtbar
sein. Wenn Schüler und Schülerinnen mit und ohne Behinderung gemeinsam
lernen, wenn Vereine inklusiv wären, würde sich die Wahrnehmung automatisch
verändern. Momentan stehen immer der Aufwand und das Geld im Fokus. Ich bin
überzeugt: Wenn wir zusammen aufwachsen, kämpfen wir auch zusammen.
taz: Im April wurde eine Kürzungsliste im Auftrag des Kanzleramtes publik,
[2][die harte Einschnitte für Menschen mit Behinderungen umfasste]. Wie
haben Sie den Moment erlebt?
Heubach: Kürzungsvorschläge in diesem Ausmaß, die Menschen mit Behinderung
betreffen, wo Betroffene selbst gar nicht eingebunden waren? Ich war
fassungslos. Menschen mit Behinderung stoßen jeden Tag an Grenzen und haben
ein erschwertes Leben. Ausgerechnet da sollte gekürzt werden? Und bei
Kindern und Jugendlichen? Es ging nur um Einschnitte für [3][Menschen, die
wenig Lobby haben], wenig Schutz, wenig Geld. Menschenrechte dürfen nicht
gekürzt werden.
taz: Viele der anstehenden Reformen werden aber in erster Linie als
Kürzungsprogramme verstanden: [4][Gesundheit], [5][Pflege], [6][Rente] …
Heubach: Wir können nicht nur Dinge verabschieden, die zu Kürzungen führen.
Reformen müssen zu Vorteilen bei den Menschen führen. Insbesondere Menschen
mit kleinen und mittleren Einkommen müssen entlastet werden. Wir haben mehr
Reiche in diesem Land als noch vor fünf Jahren. Wir müssen als Gesellschaft
endlich an die herantreten, die viel Geld haben. Vermögenssteuer,
Übergewinnsteuer, Erbschaftssteuer, eine gute Einkommenssteuerreform. Ich
sehe viele Möglichkeiten, die Einnahmen zu verbessern.
taz: Sie sind die [7][erste taube Abgeordnete im Bundestag]. Wie
barrierefrei ist es dort für Sie?
Heubach: Für mich ist es im Bundestag sehr barrierefrei. Menschen mit
anderen Behinderungen stoßen auf andere Hürden. Ich habe von der ersten bis
zur letzten Minute im Bundestag Gebärdensprachdolmetschende an meiner
Seite. Ich kann jedes Gespräch in meiner Sprache führen und mich wirklich
auf meine Arbeit konzentrieren.
taz: Es musste nichts angepasst werden?
Heubach: In meinem Büro wurde ein Lichtsignal installiert, damit ich
mitbekomme, wann Abstimmungen laufen. Und anfangs konnten ausgerechnet
taube Menschen meine Reden nicht durchgängig verfolgen.
Wieso?
Die Kernzeit des Deutschen Bundestags wird von einem externen Dienstleister
barrierefrei gestaltet, es gibt Untertitel und eine Verdolmetschung in
Deutsche Gebärdensprache. Meine ersten Reden wurden von diesem
Dienstleister nicht verdolmetscht, weil man keine Dopplung wollte. Nur sind
die Kameras im Parlament leider nicht durchgängig auf mich gerichtet.
Wie ging es aus ?
Mein Büro musste anschließend viel aufklären, damit so etwas nicht noch
einmal vorkommt. Mir ist wichtig, dass Gebärdensprachdolmetschende so
wahrgenommen werden wie Dolmetschende für Englisch oder Französisch. Es
geht ja um die sprachliche Absicherung für alle Seiten. Ich kann meine Rede
in Gebärdensprache halten, die würden taube Menschen verstehen, die meisten
Hörenden nicht. Das heißt, die Dolmetschenden arbeiten in dem Moment für
die hörende Mehrheitsgesellschaft.
taz: Haben Sie das Gefühl, dass Menschen mit Behinderung höhere Erwartungen
an Sie haben?
Heubach: Vielleicht. Natürlich habe ich auch eine Vorbildfunktion. Menschen
mit Behinderung nehmen wahr: Da hat es jemand mit Behinderung geschafft.
Das löst schon etwas aus. Ich bin ein Signal für Veränderungspotenzial. Ich
bekomme Zuschriften von ganz unterschiedlichen Menschen, denn ich engagiere
mich für die Rechte vieler Minderheiten, auch Queers oder Menschen mit
Migrationshintergrund.
Hinweis: Das Gespräch wurde von zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen
übersetzt
21 Jun 2026
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## AUTOREN
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