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       # taz.de -- Gespräch zu Geschichte der Frauenkörper: „Kein Schönheitsideal, sondern eine Imagination“
       
       > Panagiotis Iossif, Akademischer Direktor des Museums für kykladische
       > Kunst in Athen, über die Geschichte von Frauenkörpern aus der Perspektive
       > von Männern.
       
   IMG Bild: Jeff Koons vor seiner „Balloon Venus Lespugue (Orange)“ im Museum für kykladische Kunst Athen
       
       Das Museum für kykladische Kunst in Athen beherbergt eine weltweit
       einzigartige Sammlung einer der frühesten bekannten Mittelmeerkulturen mit
       Artefakten aus der Bronzezeit. In den letzten Jahren hat es sich jedoch
       auch einen Namen mit Wechselausstellungen gemacht, die Beziehungen zur
       zeitgenössischen Kunst herstellen. Gerade ist dort „Jeff Koons: ‚Venus‘
       Lespugue“ zu erleben, eine Begegnung zwischen dem US-amerikanischem
       Balloondog-Erfinder Jeff Koons und einer seiner XL-Venusskulpturen sowie
       kaum handtellergroßen, prähistorischen Frauenfiguren. 
       
       taz: Herr Iossif, zehn prähistorische Frauenfigurinen mit ausgeprägten
       Geschlechtsmerkmalen treffen auf Jeff Koons ’„Balloon Venus Lespugue
       (Orange)“. Warum setzen Sie im Ausstellungstitel die Venus in
       Anführungszeichen? 
       
       Panagiotis Iossif: Weil es überhaupt keine Venus ist! Jeff Koons’ Skulptur
       wurde inspiriert von der sogenannten Venus Lespugue, einer Figurine, die in
       Frankreich, bei Lespugue am Fuße der Pyrenäen, gefunden wurde. Sie ist mit
       ihren prominenten Geschlechtsmerkmalen kein Einzelfall, sondern ein Typus,
       der, soweit wir wissen, über 25.000 Jahre hinweg, von etwa 42000 bis 15000
       vor der Gegenwart, in weiten Teilen von Eurasien entstand. Von dieser
       Periode, dem späten Paläolithikum, gibt es keine textlichen Quellen. Daher
       bezeichnen wir die Zeitspanne als Prähistorie. Alles, was wir darüber
       aufstellen können, sind Vermutungen und Interpretationen. Wir wissen nichts
       darüber, wie die Figurinen wirklich genannt wurden.
       
       taz: Warum wurden die Figurinen dann als Venus interpretiert? 
       
       Iossif: Ich denke, es spielt eine Rolle, dass es in erster Linie männliche
       „Archäologen“ waren, die sie im 19. Jahrhundert entdeckten. Archäologen in
       Anführungszeichen, weil sie nicht im heutigen Sinn Experten waren, sondern
       vor allem Amateure, Liebhaber der Geschichte. Als die ersten Statuen
       auftauchten, dachten sie als Referenz an einen anderen Typus einer
       sogenannten Venus, die „Venus pudica“ des Bildhauers Skopas. Es handelt
       sich um eine nackte, aber schamhafte Frauenfigur aus der klassischen
       Antike, die Teile ihrer Geschlechtsmerkmale mit ihren Händen verbirgt. Sie
       bekam ihren Namen kurz davor, ebenfalls im 19. Jahrhundert. Im Gegensatz zu
       dieser Darstellung nannte man die prähistorischen [1][Figurinen mit den
       üppigen Formen dann „Venus] impudique“, schamlose Venus. Es handelt sich
       also um eine absolut patriarchale Lesart der Vergangenheit. Daher werden
       die Figurinen in der modernen Archäologie nicht mehr als Venus bezeichnet.
       
       taz: Warum übernehmen Sie die Bezeichnung dann trotzdem, wenn auch in
       Anführungszeichen? 
       
       Iossif: Jeff Koons’ zeitgenössische Figur verweist wiederum auf die
       prähistorische Figurine von Lespugue, als Venus bezeichnet. Der Titel ist
       also eine Art Vexierspiel, das uns in den Kontext hineinwirft. Im Katalog
       verwenden wir die Begriffe dann sehr bewusst und differenziert.
       
       taz: Unsere Vorstellung des Paläolithikums dagegen wird durch die
       Ausstellung in Ihrem Museum geprägt von Frauendarstellungen mit
       hypertrophen Formen. Inwiefern ist das eigentlich repräsentativ für die
       Periode? 
       
       Iossif: Ihre Frage besteht aus zwei Teilen. Zunächst zur Frage des
       Geschlechts: Ja, 95 Prozent aller skulpturalen Fundstücke aus jener Zeit
       bilden Frauenfiguren ab. Das heißt nicht, dass hauptsächlich Frauen
       dargestellt wurden, aber wenn wir uns zurückversetzen, können wir uns
       vorstellen, dass es so gewesen sein könnte. Stellen wir uns also vor, wir
       befinden uns in der Eiszeit. Der Mensch ist zu jener Zeit nicht die
       dominante Spezies auf der Erde. Es ist die Zeit des Mammuts. Die Umstände
       sind für unsere Spezies hart, das Leben prekär. Die Gemeinschaften bestehen
       nur aus kleinen Gruppen, und sie sind absolut bedroht. Um zu überleben,
       müssen sie nomadisch leben und immer dahin ziehen, wo das Eis noch nicht
       ist. In dieser Situation ist jede Schwangerschaft und jede Geburt ein
       Moment des Überlebens für die menschliche Gemeinschaft, ja sogar die
       Spezies. Dazu kam, dass die Lebenserwartung wahrscheinlich kaum 30 Jahre
       betrug. Und durch die Geburten waren Frauen besonders gefährdet, früh zu
       sterben. Wissen Sie übrigens, wer heute, global gesehen, die höhere
       Lebenserwartung hat, Frauen oder Männer?
       
       taz: In den Studien, an die ich mich erinnere, Frauen.
       
       Iossif: Frauen? Ja, das würden die meisten sagen. Weil wir daran gewöhnt
       sind, die Studien falsch zu lesen. Beziehungsweise nicht zu realisieren,
       dass sie nur für die westliche Welt gelten. In armen Ländern haben noch
       stets Männer die höhere Lebenserwartung. Warum? Weil Frauen während der
       Schwangerschaft oder Geburt sterben. Daher ist es vorstellbar, dass
       gefährdete Gemeinschaften sehr auf die Rolle der Frau fokussiert sind.
       
       taz: Und Teil zwei? 
       
       Iossif: Sie haben außerdem gefragt, ob ich denke, dass diese Figurinen mit
       ihren prägnanten Formen repräsentativ sind für die Frauen ihrer Epoche.
       Nein, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Es kann sogar sein, dass die
       Menschen jener Zeit nie solche Frauenkörper gesehen haben, sondern dass
       ihre Fülle und Reife eher ein Ideal war. Kein Schönheitsideal wie das auf
       dem Cover der Vogue oder Marie Claire, sondern eine Imagination. Das heißt,
       diese Menschen waren in der Lage, sich Dinge vorzustellen, die nicht
       existierten. Sie waren zu konzeptionellem Denken fähig. [2][Vom
       Neandertaler wissen wir das nicht], aber unsere Homo-sapiens-Vorfahren
       hatten diese Fähigkeit. Durch diese Kraft des Geistes kann eine
       Gesellschaft sich eine andere Welt vorstellen und erschaffen – oder die
       Metaphysik – oder Gott.
       
       taz: Ein Sprung in die Gegenwart: Jeff Koons hat vor den Venusfiguren unter
       anderem Balloon-Hunde und -Affen gemacht. Spiegelt diese Serie
       Hund–Affe–Frau nicht auch eine Einstellung zu anderen als männlichen
       Körpern als Objekte und Spielzeuge? 
       
       Iossif: Ich sehe die Skulptur nicht in erster Linie als Frau, sondern als
       Interpretation und vielleicht auch als Überhöhung eines paläolithischen
       Modells.
       
       taz: Dabei ist sie nicht nur eine XL-Interpretation der prähistorischen
       Figur von Lespugue, sondern auch ein Spiegel der Körperlichkeiten der
       Besucher:innen. Man kann keinen Winkel im Raum finden, von dem aus sich
       nicht der eigene Körper im Objekt spiegelt. 
       
       Iossif: Jeffs Skulptur verschmilzt visuell mit den Körpern der
       Besucher:innen. Und dabei ist sie eine sehr konkrete Vorstellung eines
       ewigen Lebens. Denn der aufgeblasene Zustand eines Ballons kann nur durch
       ein permanentes Ausatmen erreicht werden. Wir erhoffen uns im besten Fall,
       dass die Ausstellung zu einem freieren Zugang zum eigenen Körper motiviert.
       Denn letztlich leben wir, trotz aller Sensibilität für Diversität, heute in
       einer Zeit mit einer enormen Fixierung auf bestimmte Vorstellungen von
       schönen und gesunden Körpern. Dadurch wird oft der Zugang zu der Art, wie
       man den eigenen Körper leben und erleben möchte, verstellt.
       
       taz: Wie ist es eigentlich als männlicher Experte, so viel mit
       Frauenkörpern beschäftigt zu sein? Sie erwähnen im Katalog, dass die
       Schulung durch feministische Archäologie einen nuancierteren Zugang zur
       Vergangenheit eröffnet hat. 
       
       Iossif: Gender Studies und feministische Archäologie sind wichtige
       Werkzeuge, um [3][den männlichen Blick auf Geschichte] zu entlarven und die
       wirkliche Rolle der Frauen verstehen zu können. Traditionell gibt es eine
       ganze Menge patriarchaler Filter, durch die wir auf Geschichte blicken.
       
       taz: Sie müssen also ständig filtern? 
       
       Iossif: Wir müssen ständig alles, was wir wissen, infrage stellen. Ich
       möchte das Dilemma mit einem historischen Beispiel illustrieren: Derzeit
       ist unsere Ausstellung über Frauen in den Kyladischen Kulturen – dem
       Kernthema unseres Museums – auf Tour. Darin gibt es ein erstaunliches
       Objekt: Eine Grabinschrift von sieben Zeilen. Es erzählt die Geschichte
       einer Frau namens Alini, die aus Phönizien, aus Aschkelon, kam, und
       schwanger war, als sie eines gewaltsamen Todes starb. Aus diesen
       Informationen können wir schließen, dass es sich wahrscheinlich um eine
       Sexsklavin handelte. Alini, ist ein Name, der, wie wir wissen, im
       Allgemeinen [4][an Sklavinnen vergeben wurde]. Das Interessanteste in
       diesem Kontext ist jedoch die letzte Zeile des Epitaphs. In etwa: ‚Du,
       Fremder, der diese Inschrift liest, danke dem Mann, der sie geschaffen
       hat.‘
       
       23 Jun 2026
       
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