# taz.de -- Ingeborg Bachmann und die Politik: Dichtung und Wahrheit
> Ingeborg Bachmann nahm in ihrem Schreiben stets die Gewalt in der Sprache
> in den Blick. Wo stand die Dichterin politisch?
IMG Bild: Ingeborg Bachmann, undatiert (vermutlich 1960er Jahre)
Ingeborg Bachmann ist vieles anzulasten, aber zuvorderst vielleicht dies:
dass sie die Liebe ernst nahm. Dass sie auch alles andere ernst nahm, gerät
darüber mitunter in Vergessenheit. Die Wahrheit, die „dem Menschen
zumutbar“ ist, nimmt in ihrem Denken einen festen Platz ein. „Was wahr
ist“, sucht sie in ihrem gleichnamigen Gedicht zu bestimmen. Wahrhaftigkeit
ist für Bachmann Gütesiegel erster Ordnung. Über die von ihr verehrte
[1][Philosophin Simone Weil] urteilte sie so einmal, die Mystikerin sei von
„tödlichem Ernst“ und „durch und durch wahrhaftig“. Einen leichten Stand
habe Weil allerdings nicht, sei sie äußerlich doch „nicht anziehend“ und
"ohne Charme".
Und anziehend hatte man zu sein, um als Frau Erfolg zu haben, dessen war
sich Ingeborg Bachmann wohl bewusst. [2][Nur zu gern sprach man über
Aussehen und Auftreten „der Bachmann“,] auch wäre ihre Lebensgeschichte
ohne ihre Liebesbeziehungen, insbesondere zu Paul Celan und Max Frisch, nur
halb so oft und halb so genüsslich erzählt worden. Dass gerade diese
Männergeschichten das Bild der zarten Poetin zementierten, ist durchaus
paradox. Als Frau, im Licht der nachkriegsdeutschen (und -österreichischen)
Öffentlichkeit stehend, konnte man freier als Ingeborg Bachmann, allein,
nomadisch und mit wenig Geld, [3][eigentlich kaum leben.] Einsam musste es
dort jedoch auch sein, an vorderster Front, was nicht selten tiefstes
Unglück beschwor, wie man aus Tagebuchaufzeichnungen und Briefen Bachmanns
weiß.
Freiheit und Unglück, Selbstbewusstsein und Grazie, sie verschwinden
leicht, die verschiedenen Färbungen eines Lebens, hinter dem Bild einer
Autorin im Blitzlichtgewitter. In einem Interview, zu Bachmann befragt,
sagte einmal [4][Elfriede Jelinek,] für alle Künstlerinnen gelte eigentlich
das Gleiche: Eine Frau, die sich in die Domäne der Kunstproduktion wage,
müsse sich ein männliches Ich zulegen, das sie jedoch mit ihrem sinnlichen,
weiblichen Ich nicht in Übereinstimmung bringen könne.
Ganz praktisch legte sich Ingeborg Bachmann in ihren Erzählungen häufig ein
männliches Ich zu, etwa in „Das dreißigste Jahr“. Auch hier verweist die
Literaturgeschichtsschreibung gern auf biografische Parallelen, befand sich
Bachmann doch wie ihr Protagonist kurz vor Eintritt in ein neues
Lebensjahrzehnt.
Um Fragen der Eitel- wie Vergänglichkeit geht es nicht in der Hauptsache,
vielmehr sieht sich Bachmanns Erzähler damit konfrontiert, mit der Jugend
auch seine Wachsamkeit hinter sich zu lassen, so zu werden wie alle und
seinen Widerstand gegen die „Gaunersprache“ und ihre vermeintlichen
Wahrheiten aufzugeben. Die Arbeitswelt verwandelt den Einzelnen in einen
Gauner; oder in einen Gaunergehilfen.
## Die Gewalt in der Kleinfamilie
Auch wenn es bei Bachmann oftmals um Spielarten der Liebe geht, umkreist
ihr Schreiben doch vor allem deren Gegenteil; die Gewalt, die in den Sätzen
steckt. Denn auch das Heim bedient sich der Gaunersprache. So zu werden wie
alle, das bedeutet auf dem privaten Gebiet eben den Rückzug in die
Kleinfamilie, in der – Bachmann hat ihren Adorno und Horkheimer gelesen –
die Gewalt produziert wird, die sich in außerhäuslichem Grauen wie dem
Nationalsozialismus Bahn brechen kann.
In der Erzählung „Alles“ sieht ein Vater jene Gewaltspirale voraus. Nichts
will dieser Vater von seinem Kind, nichts, außer dass es ihm zeige, „mit
einer einzigen Geste, dass er nicht unsere Gesten nachvollziehen musste“.
Es ist selbstredend vergebens, auch dieser Sohn wird irgendwann durch Hass
„zum Menschen geschlagen“.
Ingeborg Bachmann war nie Mutter, aber ihr Leben lang Tochter. Dass ihr
Vater 1932 der österreichischen Schwesterpartei der NSDAP beitrat, darüber
hat sie stets geschwiegen. Laut Andrea Stoll, die in diesem Jahr mit „Zwei
Menschen sind in mir“ eine neue Bachmann-Biografie vorgelegt hat, sollte
ihr Vater seine frühere Überzeugung bereuen, er griff auch nicht ein, als
Ingeborg Bachmann nach dem Krieg eine Beziehung mit einem jüdischen,
britischen Besatzungssoldaten unterhielt.
## Gegen die Wiederbewaffnung der BRD
Was die damals noch jugendliche Bachmann von den Nationalsozialisten hielt,
ist in ihrem Kriegstagebuch nachzulesen. 18-jährig verblieb sie ohne Eltern
und Geschwister in Klagenfurt, um ihren Schulabschluss zu machen. Die
Kriegserfahrungen, tägliche Bombenangriffe in einem eisigen Winter, sollten
prägend für sie sein. Bachmann war gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands,
sie unterschrieb, wie Ina Hartwig in der „Biografie in Bruchstücken“
aufzeigt, Petitionen etwa gegen den Terror im Vietnamkrieg und für das
Recht auf Ungehorsam im Algerienkrieg.
Gemessen an parteipolitischen Maßstäben ist Bachmann nicht unbedingt
beizukommen. Ja, sie unterstützte den späteren SPD-Bundeskanzler Willy
Brandt im Wahlkampf 1965, und ja, sie war tatsächlich mit dem jungen Henry
Kissinger befreundet, der die damals noch bei einem amerikanischen
Radiosender in Wien tätige Bachmann zur Harvard Summer School in die USA
einlud, lange bevor er einmal Außenminister unter Richard Nixon werden
sollte.
Ingeborg Bachmann war mitnichten Kommunistin, aber sie ließ sich auch nie
ins Netz der Antikommunist:innen einspinnen. Nur, sie, die vor allem für
ihre Gedichte über die Liebe bekannt geworden ist, unpolitisch zu nennen,
täte ihr unrecht. In ihren Frankfurter Poetikvorlesungen tritt sie dafür
ein, den Dichter als Ganzes zu nehmen; Rilke mit seiner Weltanschauung,
Brecht mit seinem Kommunismus. Die neue Sprache, um die es ihr geht, „das
Auftreten eines wirklichen Dichters“, schreibt sie, „wird zu erkennen sein
an einer neuen gesamten Definition“, an dem Vortrag „eines unausweichlichen
Denkens“. Wenn die Gesellschaft sich der Dichtung entziehe, wo ein
„unbequemer, verändernwollender Geist in ihr ist“, so käme das einer
Bankrotterklärung gleich.
25 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Julia Hubernagel
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