# taz.de -- Film zu Ingeborg Bachmann: Alle anderen waren zu spät
> In Regina Schillings „Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war“
> spielt Sandra Hüller aus, was die Blicke der anderen von der progressiven
> Denkerin übrig ließen.
IMG Bild: Ingeborg Bachmann (Sandra Hüller) am Ufer des Tiber
Kleine Punkte schwirren über die Leinwand. Sie verdichten sich kurz zu
Formen und werden wieder zu Punkten. Die Punkte sind eigentlich Vögel.
Schlagartig ändern sie ihre Flugbewegungen. So beginnt „Ingeborg Bachmann –
Jemand, der ich einmal war“. Ein passendes Bild für eine Doku, die sich
weniger für biografische Gewissheiten interessiert als für die flüchtigen
Konstellationen, aus denen sich ein Leben zusammensetzt.
Historische Fotos stehen neben Radio- und Fernsehinterviews,
Tagebucheinträgen und Zitaten. Dazwischen bewegt sich Sandra Hüller. Gleich
zu Beginn betritt die Schauspielerin eine der römischen Wohnung Bachmanns
nachempfundene Kulisse und sagt: „Hier kann sie beginnen, unsere Seance.“
Hüller ist keine Bachmann-Doppelgängerin. Sie ist das, was von Bachmann
übrig ist, nachdem Generationen versucht haben, sie zu erklären. Immer
wieder ist sie in Reenactments in der Wohnung zu sehen. Sie gießt Blumen,
raucht Zigaretten, nimmt Tabletten, die sie mit Cognac herunterspült oder
tippt auf einer Schreibmaschine. Einmal sitzt sie vor einem leeren Blatt
und sagt: „Ich existiere nur, wenn ich schreibe.“ Wer selbst schreibt,
kennt dieses Gefühl, dass der eigene Selbstwert an die Produktion von
Sätzen gekoppelt ist.
Als eine Stimme aus dem Off sie bittet, den Satz noch einmal zu sprechen –
diesmal selbstbewusster –, antwortet Hüller: „Das ist schwierig in dieser
Haltung, aber ich versuch’s.“ Schilling lässt beide Takes stehen. Sie
stellt keine authentische Autorin her, sie macht die Reibungen sichtbar,
die jede Annäherung an sie erzeugt.
## Hüller ist eine Art Medium
Nicht jede der nachgestellten Szenen ist gelungen. Manche bleiben
illustrativ. Doch Hüller bewahrt sie davor, zu bloßen Nacherzählungen zu
werden. Sie ist eine Art Medium. Die Seance ist mehr als ein hübsches Bild.
Schilling interessiert sich weniger dafür, wer Bachmann gewesen ist, als
dafür, wie ihre Stimme bis heute durch die Bilder hindurchspukt, die andere
von ihr gemacht haben.
Wie Erinnerungsfetzen tauchen einzelne Stationen ihres Lebens auf: die
Bombennächte in ihrer Heimat Klagenfurt 1944, in denen sie lieber Rilke und
Baudelaire las, als in den Bunker zu flüchten; der frühe Ruhm nach dem
Preis der Gruppe 47; die obsessive Arbeit an ihrem unvollendeten Projekt
„Todesarten“; die Beziehungen zu den Autoren Paul Celan und [1][Max
Frisch]; die Freundschaft mit Hans Werner Henze, für dessen Stücke sie
Libretti schrieb.
Einmal sagt Bachmann, sie könne nur mit Männern existieren. Jahre später
schreibt sie an Max Frisch, sie wolle nie wieder mit einem Mann
zusammenleben. Der Film belässt diesen Widerspruch – und beobachtet die
Öffentlichkeit, die daraus eine Erzählung machte. In den Archivaufnahmen
erscheint die Literaturszene der Nachkriegsjahrzehnte als hermetischer
Männerbund: arrogante Moderatoren, [2][gönnerhafte Kritiker, die selbst im
Lob noch herablassend über die schreibende Frau sprechen].
## Das Sexistische weggelächelt
Bachmann benannte das bereits. Und wird dafür als „emotional“ kritisiert.
Vieles von dem, was heute klar als sexistisch benannt werden würde, wurde
damals womöglich einfach weggelächelt.
Bis heute wird Bachmann oft über ihre Beziehungen gelesen. Schilling setzt
dem eine analytische Schärfe entgegen. Wenn sie 1971 sagt, „Die Männer sind
unheilbar krank“, wirkt das sehr gegenwärtig. Vieles, worüber sie sprach,
ist heute nicht verschwunden. Bachmann war nicht zu früh. Alle anderen
waren zu spät aufgewacht.
Doch ihr Interesse erschöpfte sich nicht in solchen Diagnosen. Es galt auch
der Sprache, die die Verhältnisse sichtbar macht. „Ich habe ja keine neue
Sprache“, sagte sie einmal. „Aber ich glaube, dass die deutsche Sprache in
einem neuen Zustand sein muss, wenn man mit ihr neue Dinge sagen kann.“
## 25. Juni wäre der 100.ste Geburtstag
[3][Mit dem düsteren Soundtrack von Soap&Skin] wirken die Archivbilder,
als würden sie von der Gegenwart heimgesucht. Die Vergangenheit spukt
weiter – die Kulturtheorie sollte das später Hauntology nennen. Bachmann
wäre am 25. Juni 2026 100 geworden. Statt Gedenkveranstaltung macht
Schilling zum Jubiläum eine Stimme hörbar, die noch immer unbequem klingt.
25 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Warmes-Glueck-mit-Max-Frisch/!5686738/
DIR [2] /Literaturkritik-von-Denis-Scheck/!6168118
DIR [3] /Neues-Album-der-Musikerin-Soap--Skin/!6051188
## AUTOREN
DIR Philipp Rhensius
## TAGS
DIR wochentaz
DIR Ingeborg Bachmann
DIR Sandra Hüller
DIR Dokumentarfilm
DIR Lebensgeschichte
DIR Social-Auswahl
DIR Reden wir darüber
DIR Kino
DIR deutsche Literatur
DIR Ingeborg Bachmann
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Film „Leonora im Morgenlicht“: Eine Surrealistin unter Männern
„Leonora im Morgenlicht“ würdigt Leonora Carrington als eine der
wichtigsten Künstlerinnen des Surrealismus. Eine Muse wollte sie nie sein.
DIR Natascha Gangl gewinnt in Klagenfurt: Kein Wiedersehen am Wörthersee?
Natascha Gangl gewinnt den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis in
Klagenfurt. Dort ging es viel um die unsichere Zukunft des
Literaturwettbewerbs.
DIR Briefwechsel mit Heinrich Böll: Ingeborg Bachmann schrieb lange aus männlicher Perspektive
Der Briefwechsel zwischen Bachmann und Böll führt in eine Zeit, in der
Rollenspiele für eine Frau im Literaturbetrieb überlebenswichtig waren.