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       # taz.de -- Künstliche Intelligenz: Denken wie das verbreitete Mittelmaß
       
       > KI ist unvereinbar mit emanzipierten und freiheitlichen Gesellschaften.
       > Dabei handelt sich nicht um einen Designfehler, sondern sie ist so
       > gedacht.
       
       Einige Maschinen müssen zerstört werden, damit sie keine Monster
       produzieren. Mit diesen Worten fasst Brian Merchant, Autor des Buches
       „[1][Blood in the Machine]“, nicht nur die Handlung von Mary Shelleys
       „Frankenstein“ zusammen, sondern auch das Wirken der Luddit*innen. Die
       Luddit*innen, eine Gruppe organisierter Arbeitender, protestierten im
       Großbritannien des frühen 19. Jahrhunderts mit handfesten Mitteln gegen den
       kapitalistischen Einsatz von neuartigen Webstühlen.
       
       Linke Bewegungen der Gegenwart sollten es ihnen gleichtun. Das Ziel sind
       heute nicht mehr die Webstühle protokapitalistischer Fabrikbesitzer,
       sondern die physischen und immateriellen Manifestationen sogenannter
       [2][künstlicher Intelligenz] (KI). Diese Widerständigkeit fehlt in
       progressiven Debatten rund um KI. [3][Kritische Stimmen] artikulieren
       stattdessen Forderungen nach regulatorischer Einhegung, Open Source,
       ethischer Ausgestaltung und ökologischer Nachhaltigkeit.
       
       Ein aktuelles Beispiel für diese Art von Kritik sind die Worte von
       [4][Papst Leo XIV]. In seiner [5][ersten Enzyklika] verglich er die
       Technologie mit Kernenergie und forderte, sie von Logiken der Zerstörung zu
       befreien, um das Potenzial von KI zum Wohle der Menschheit zu nutzen: KI
       müsse entwaffnet werden, damit aus ihr keine Atombombe werde. Diese Art der
       Kritik ist beispielhaft für die Auseinandersetzung mit KI, die zwar wie
       eine vehemente Intervention klingt, den Gegenstand der Kritik dabei aber
       gleichzeitig legitimiert und affirmiert.
       
       Sie benennt viele schädliche Facetten, preist KI gleichzeitig jedoch stets
       als Innovation mit großem Potenzial, deren Nachteile lediglich Ergebnis der
       Umstände seien, unter denen sie eingesetzt wird. In progressiven Kreisen
       ist diese Art der KI-Kritik ebenfalls weit verbreitet. Der
       Wirtschaftswissenschaftler [6][Tim Menzner] warb im Magazin Jacobin dafür,
       dass die Linke eine eigene Zukunftsvision für KI entwickelt und im
       [7][Ideas Letter] erklärte der Technologiekritiker Evgeny Morozov KI gar
       zum Gradmesser für einen zukunftsfähigen Sozialismus.
       
       ## Keine Welt ohne KI?
       
       Überraschend ist allerdings, dass auch die Europäische Kommission sich die
       Mahnungen des Papstes zu eigen machte. Gegenüber der Katholischen
       Nachrichten-Agentur teilte ein Sprecher mit: „Wir können der Vision des
       Heiligen Vaters Papst Leo XIV. und der Notwendigkeit eines soliden
       Rechtsrahmens für KI nur zustimmen.“ Diese Einhelligkeit sollte alarmieren.
       Vatikan, progressive Stimmen und Herrschende haben beim Thema KI nicht etwa
       eine gemeinsame Stimme gefunden. Die Einhelligkeit zeigt lediglich, wie
       ungefährlich diese Art der Kritik ist.
       
       Sie wirkt radikal, bleibt in ihren Schlussfolgerungen aber so vage und
       inkonsequent, dass sie keine substanziellen Kursänderungen erfordert.
       Selbst die Europäische Kommission kann sich gesichtswahrend hinter
       Worthülsen wie „Regulierung“ und „Werte“ verstecken, während sie, getrieben
       vom internationalen Konkurrenzdruck, ihre einst als „Goldstandard“
       gefeierte Digitalregulierung zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit der
       heimischen KI-Industrie einschränkt.
       
       Das kann sie auch deshalb, weil die gängige Kritik es nicht vermag, KI
       grundsätzlich infrage zu stellen. Dieses Scheitern ist Symptom dessen, was
       der Physiker [8][Dan McQuillan] im Magazin Vice als „KI-Realismus“
       bezeichnete: der kollektiven Unfähigkeit, sich eine Welt ohne KI
       vorzustellen. Diese Verengung des Horizonts hat Regulierung, Open Source,
       ethische Einhegung und das pflichtbewusste Sichberufen auf das innovative
       Potenzial von KI zum Limit dessen gemacht, was progressive Stimmen an
       Kritik formulieren können.
       
       Das aktuell greifbarste Beispiel von „KI-Realismus“ ist der Vorschlag von
       Bernie Sanders, die US-amerikanische Öffentlichkeit an den Gewinnen der
       KI-Konzerne zu beteiligen, indem die US-Regierung 50 Prozent der Aktien von
       Konzernen wie Anthropic, OpenAI und xAI übernimmt. KI, so der Grundton, ist
       unvermeidlich. Also kann man auch mitmachen und profitieren. Diese Kritik
       ignoriert die menschenfeindlichen, gewaltsamen und autoritären
       Funktionsweisen, die KI ausmachen.
       
       ## KI ist konservativ
       
       Sie ist inkonsequent, weil sie diese Ebenen zwar benennt, aber nicht die
       nötigen Schlüsse zu ziehen wagt. Sie ist unsolidarisch, weil sie diejenigen
       ausblendet, die der Einsatz von KI trotz jeder Regulierung und
       wohlklingender Ethikrichtlinien weiterhin marginalisiert und unterdrückt.
       Kurz gesagt: KI ist fundamental unvereinbar mit emanzipierten, egalitären
       und freiheitlichen Gesellschaften. Nicht weil KI von den falschen Dynamiken
       geprägt wird, sondern weil die Technologie genau dafür gebaut ist.
       
       KI ist keine neutrale Technologie, die durch Einhegung davor bewahrt werden
       kann im Sinne der päpstlichen Metapher zur Atombombe zu werden. Sie ist die
       Atombombe. KI ist keine Zukunftstechnologie und keine Innovation, derer
       sich linke Bewegungen bemächtigen sollten. Sie ist inhärent konservativ und
       homogenisierend und damit nicht etwa ein Maßstab für fortschrittliche
       Gesellschaften, sondern eine Zementierung des Status quo.
       
       Nur eine fundamentale Ablehnung von KI ist angesichts dieser
       soziotechnischen Funktionsweise konsequent. Das, was gemeinhin mit KI
       gemeint ist, sind Systeme der Mustererkennung und Musterreproduktion. Diese
       Systeme übertragen Muster aus der Vergangenheit auf die Zukunft und
       beeinflussen individuelles und gesellschaftliches Handeln und Denken. Die
       Reproduktion von Mustern ist zwangsläufig konservativ, weil die Daten nur
       Vergangenes abbilden können.
       
       Und sie ist stets exkludierend, weil es eine Illusion ist,
       gesellschaftliche Vielfalt überhaupt in Daten abbilden zu können. „Eine
       datafizierte Welt ist eine Welt ohne Subjekte“, schreibt der
       Sozialwissenschaftler Jathan Sadowski in seinem Buch „The Mechanic and the
       Luddite“. Diese Entsubjektivierung ist immer gewaltsam. Und weil sie das
       Fundament jeder Musterreproduktion ist, ist auch KI auf grundlegender Ebene
       eine gewaltsame und entmenschlichende Technologie.
       
       ## Nur Reproduktion von Mustern
       
       Diese Gewalt nimmt unterschiedliche Qualitäten an. Im Bereich der
       Textsynthese tritt sie als eine auf gesammelten Daten beruhende
       epistemische Gewalt auf. Die statistischen Verfahren im Kern von
       Textgeneratoren wie etwa ChatGPT errechnen die Wahrscheinlichkeit, mit der
       ein Wort auf das nächste folgt, um am Ende Sätze zu produzieren, die uns
       wie menschliche Sprache erscheinen. Die Ergebnisse von ChatGPT sind aber
       nicht Ausdruck des Verstehens, sondern lediglich eine mathematische
       Reproduktion von Mustern in datafizierten, auf digitalen Quellen
       basierenden Textkörpern.
       
       Diese Synthese von Text mittels generativer KI ist immer ein Akt der
       Reduktion und der Ausgrenzung, weil all jene menschlichen Realitäten
       unsichtbar gemacht werden, die im Ausgangsdatensatz nicht hinreichend
       vertreten waren, um sich signifikant auf das Ergebnis auszuwirken. Was
       dabei herauskommt, ist eine rassistische und patriarchale Homogenisierung
       von Sprache und der begriffliche Ausschluss marginalisierter Realitäten.
       Diese Reduktion, teilweise auch Bias genannt, ist funktionsbedingt immer
       Teil von KI. Sie verengt Sprache und Denken auf das wahrscheinliche
       [9][Mittelmaß], wie immer es gerade definiert wird.
       
       In anderen Bereichen wird die Gewalt, die in dieser Reduktion liegt,
       unmittelbar greifbar. Wenn Mustererkennungssysteme Prognosen darüber
       errechnen, wer wahrscheinlich Sozialhilfebetrug begeht, reduzieren sie die
       menschliche Individualität auf Datenpunkte. Ein solches System warf
       [10][2021 in den Niederlanden] Zehntausenden Eltern – ganz überwiegend zu
       Unrecht – Kindergeldbetrug vor und stufte dabei besonders häufig
       rassifizierte Eltern als verdächtig ein. Finanzieller Ruin vieler Menschen
       und der Rücktritt der Regierung waren die Folge.
       
       Dieser Bias lässt sich nicht durch mehr oder genauere Daten beheben. Mehr
       Daten würden die Gewalt, die in jeder Reduktion von Menschen auf
       Wahrscheinlichkeitswerte liegt, lediglich weniger sichtbar machen und ihr
       sogar mehr Plausibilität verleihen. Die Prognosen werden für jene, die in
       ihnen gefangen werden, nur umso unentrinnbarer. Ihre Zuspitzung findet
       diese Gewalt in Berechnungen darüber, wo sich [11][im Gazastreifen]
       Menschen aufhalten, deren Tötung per Drohne mit hinreichender
       Wahrscheinlichkeit den Kriterien einer Kriegsmaschinerie genügt.
       
       ## Herrschaftsinstrument Kybernetik
       
       Die epistemische, soziale und physische Gewalt von KI ist kein Designfehler
       und nicht Resultat mangelnder Daten, sondern ihr zentrales Feature. Jede
       Kritik an KI, die auf der Ebene von Bias, Halluzination und Qualität der
       Datenbasis stehen bleibt, macht diese Dimension der Gewalt unsichtbar und
       legitimiert sie damit. Diese Kritik an KI ist nicht neu. Sie richtete sich
       bereits an computergestützte Feedback- und Kontrollsysteme.
       
       Die Wissenschaft hinter diesen Systemen firmierte unter dem Begriff der
       Kybernetik und erträumte eine vollständig datafizierte Welt, in der
       allumfassende Steuerungssysteme ganze Gesellschaften durch allgegenwärtige
       und gleichzeitig unsichtbare Signale im Gleichgewicht halten. Die
       Philosophin [12][Anna-Verena Nosthoff] („Kybernetik und Kritik“) beschreibt
       die Kybernetik als Herrschaftsinstrument, das die Beherrschten als
       Menschmaschinen objektiviert und ihr Verhalten reguliert. Diese
       kybernetische Qualität prägt auch KI.
       
       Eine konsequente Antwort darauf formulierte die französische
       Widerstandsgruppe Clodo in den 1980er Jahren. Während in Deutschland
       Proteste gegen die Volkszählung tobten, verbrannten die Aktivist*innen
       Datenspeichermedien in den Toiletten von Technikkonzernen. In einem
       Schreiben der Gruppe vom Februar 1983 heißt es: „Unsere Gesellschaft –
       kodifiziert, ausgerichtet, kontrolliert – […] in der wir uns wie Züge auf
       einem Rangierbahnhof aneinanderreihen“ und „in der das Binäre und das
       Quantitative die Krise lösen sollen – diese Gesellschaft ist unmenschlich.“
       
       Diese Perspektive muss zurück in das Zentrum der Kritik an KI. Für mich
       sind es die Worte des Humangeografen Thomas Dekeyser („Techno-Negative“),
       der diese Sicht in seiner Analyse des Wirkens von Clodo am besten auf den
       Punkt brachte: „Keine Forderungen, nur Flammen.“
       
       21 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.bloodinthemachine.com/
   DIR [2] /Schwerpunkt-Kuenstliche-Intelligenz/!t5924174
   DIR [3] /KI-und-Journalismus/!6173754
   DIR [4] /Erste-Enzyklika-von-Papst-Leo-XIV/!6181743
   DIR [5] https://www.vatican.va/content/leo-xiv/en/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html
   DIR [6] https://jacobin.de/autoren/tim-menzner
   DIR [7] https://www.theideasletter.org/
   DIR [8] https://www.youtube.com/watch?v=P1j3VoKBxbc
   DIR [9] https://www.zeit.de/kultur/2023-08/mittelmass-beruf-karriere-zeugnis
   DIR [10] /Kindergeldaffaere-in-den-Niederlanden/!5741538
   DIR [11] /Auswirkungen-des-Nahostkriegs/!6183287
   DIR [12] /Anna-Verena-Nosthoff-ueber-KI/!6163130
       
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