# taz.de -- Mord an russischem Künstler: Ein Staat, der seine Gegner über Grenzen verfolgt
> Aus Russland floh der Künstler Semyon Skrepetsky nach Polen. Dort wurde
> er erschossen. Noch sind die Hintergründe unbekannt, doch die Tat schürt
> Angst.
IMG Bild: Semyon Skrepetsky (Robert Kusowkow), vier Tage vor seinem Tod vor der russischen Botschaft in Berlin
Fünf Schüsse. Erst einer, zwei, drei aus nächster Nähe. Dann noch einer und
noch einer. Das Opfer, der [1][russische Künstler Semyon Skrepetsky,] lag
da bereits am Boden.
Die letzten beiden Schüsse lassen mich nicht los. Sie wirken wie ein
bewusstes Nachtreten. Vielleicht waren sie Ausdruck persönlichen Hasses.
Vielleicht Verachtung. Vielleicht wollte jemand ganz sichergehen. Aber bei
drei Schüssen aus nächster Nähe? [2][Die letzten beiden wirken wie etwas
anderes. Wie eine Botschaft.]
Semyon Skrepetsky, bürgerlich Robert Kuzowkow, war Künstler, Karikaturist
und Kritiker des russischen Regimes. Einer jener Menschen, die von
Autokraten besonders schwer ertragen werden, weil sie sie lächerlich
machen.
Skrepetsky verspottete mit seinen Bildern Wladimir Putin, den
tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow und den belarussischen Diktator
Alexander Lukaschenko.
Nun ist Skrepetsky also tot. Erschossen auf offener Straße im Osten Polens.
Mitten am Tag, wenige Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt. Wer
ihn getötet hat, ist bislang unklar. Die Ermittlungen der Polizei und des
polnischen Inlandsgeheimdienstes dauern an. Ein Mann mit einem wohl
gefälschten georgischen Pass wurde verhaftet. Mutmaßlich ein Tschetschene,
wie es hieß.
Ein toter Exilrusse im Ausland, ein Gegner Putins, Kadyrows? Das klingt
verdächtig vertraut. Ich denke unweigerlich an den sogenannten
Tiergartenmord in Berlin, bei dem der georgische Staatsbürger
tschetschenischer Herkunft Selimchan Changoschwili von dem Auftragsmörder
Wadim Krassikow erschossen wurde. Wie das Berliner Kammergericht in seinem
Urteil befand, vom russischen Staat beauftragt.
Ich denke an die Giftanschläge [3][auf Alexei Nawalny,] Sergei Skripal,
Pjotr Wersilow oder Wladimir Kara-Mursa. Eine lange, zu lange Liste.
Sicher, wir kennen die Hintergründe dieses Falles noch nicht. Die Täter
sind bislang nicht gefasst. Aber etwas hat diese Tat bereits jetzt
ausgelöst. Sie stiftet Unsicherheit, sie schürt Angst. Denn bei solchen
Ereignissen geht es nie nur um die Toten, sondern auch um die Lebenden: um
die Journalistin in Vilnius. Den Aktivisten in Warschau. Den Blogger in
Prag. Um all jene, die geglaubt hatten, zwischen ihnen und dem russischen
Regime lägen inzwischen Grenzen, Gesetze und die Sicherheit europäischer
Demokratien.
Die Botschaft der Täter wäre dann schlicht: Wir wissen, wo ihr seid. Und:
Wir kriegen euch.
## Staatsterrorismus
Polens Ministerpräsident Donald Tusk hat für einen solchen Fall bereits ein
Wort gefunden: Staatsterrorismus. Ein großes, bedrückendes Wort. Aber wie
nennt man es sonst, wenn ein Staat seine Gegner über Grenzen hinweg
verfolgen, einschüchtern oder töten lässt?
Es ist doch merkwürdig: Seit mehr als vier Jahren sehen wir nahezu täglich
russische Kriegsverbrechen in der Ukraine. Tote Zivilisten, bombardierte
Wohnhäuser, Raketenangriffe auf Kirchen, Krankenhäuser und Schulen. Die
Bilder sind so allgegenwärtig geworden, dass man Gefahr läuft abzustumpfen.
Das ist weit weg!, lässt sich locker in Deutschland denken.
Doch der jüngste Fall verdeutlicht einmal mehr, wie falsch diese
Vorstellung ist. In Polen weiß man längst, wie schnell russische Drohnen
den eigenen Luftraum erreichen können. Man kennt Sabotageakte,
Spionagefälle und Einflussoperationen. Man weiß, dass Kriegsführung nicht
immer mit Panzern beginnt.
Semyon Skrepetsky hatte Russland bereits 2021 verlassen. Zu groß war seine
Sorge, in seinem Heimatland langfristig nicht mehr frei und sicher leben zu
können. Er suchte Schutz, Freiheit. Beunruhigend, wenn ihn seine Verfolger
in Polen nun wirklich erreicht haben sollten.
Das europäische Sicherheitsversprechen wäre in diesem Fall einmal mehr
gescheitert.
19 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Erica Zingher
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