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       # taz.de -- KI und Journalismus: Ist da wer?
       
       > Mensch oder Maschine – das lässt sich bei Texten immer schwerer
       > unterscheiden. Wie die taz mit künstlicher Intelligenz umgehen will.
       
   IMG Bild: Wer tippt denn da? KI stürzt den Journalismus in eine Daseinskrise
       
       Können Sie mit Sicherheit sagen, wer hier gerade schreibt – Mensch oder
       Maschine? Manche meiner Kolleg.innen sind sich sicher, sie könnten es am
       Textfluss erkennen, an den Übergängen zwischen Sinneinheiten, ganz ohne
       KI-Detektor. Ich würde das gerne glauben. Glauben, dass es offensichtlich
       ist, ob hier ein Mensch denkt und spricht.
       
       Nur ist künstliche Intelligenz längst in der Lage, mit den richtigen
       Anweisungen gefüttert, menschliche Gefühle zu simulieren, Denken zu
       imitieren, intelligente Analysen zu erstellen, einen lustigen Podcast zu
       bauen oder einen nachdenklichen taz-Essay über den Einsatz künstlicher
       Intelligenz im Journalismus zu schreiben. Und das mindestens so eingängig,
       dass immer mehr Medien darauf zurückgreifen werden.
       
       Am Ende ist es relativ einfach: Sie müssen mir, müssen uns einfach
       vertrauen. Vertrauen, dass in der taz Menschen Journalismus für Sie machen,
       echt und nicht halluziniert, dass sie dafür brennen, eine andere Form von
       Öffentlichkeit herzustellen, die nicht von den Renditeerwartungen der
       großen Verlage oder den Propagandaerwartungen [1][rechter Multimilliardäre]
       geprägt ist.
       
       Vertrauen, das ist das Schlüsselwort in der aktuellen Debatte um die
       Verwendung von künstlicher Intelligenz im Journalismus.
       
       Die Gedanken sind frei. Aber sie sollten im Kern schon menschengemacht
       sein. Wenn Leitartikel, angeblich von einem Journalisten, tatsächlich von
       einer KI formuliert werden, dann fragen sich die Leute zu Recht: warum
       eigentlich noch der Redaktion meines Vertrauens die Treue halten? Wenn das
       Publikum nicht mehr darauf vertrauen kann, dass tatsächlich ein.e Autor.in
       hinter dem Text steht, ob geschrieben oder gesprochen, wird es uns den
       Rücken kehren. Es ist nicht ausgemacht, dass Teile des Publikums dies
       angesichts der Durchdringung der Informationsgesellschaft mit KI nicht
       ohnehin tun werden. Wenn wir dieses Vertrauen beschädigen, geben wir ihnen
       allerdings gleich auch selbst den Laufpass.
       
       ## Wo steht die taz in dem Ganzen?
       
       Künstliche Intelligenz stürzt den Journalismus in eine Daseinskrise.
       Ökonomisch, weil maschinengemachte Nachrichten auf Plattformen aller Art
       das journalistisch kuratierte Produkt aus Medienhäusern verdrängen. Und
       ethisch-moralisch, weil sie die Grenzen dessen verschiebt, was wir als
       statthaft empfinden, weil in diesen Tagen die eine oder andere Grenze ohne
       Not überschritten wird und weil wir aber vielleicht auch nur dachten, wir
       wüssten, wo die Grenzen verlaufen.
       
       Die FAZ, die einen KI-erstellten [2][Gastbeitrag des thüringischen
       Ministerpräsidenten] aus dem Netz nahm, und der Tagesspiegel, dessen
       ehemaliger Chefredakteur in größerem Stil KI unter seinem Namen
       leitartikeln ließ, haben sich in den vergangenen Tagen von der Publizierung
       KI-generierter Texte mit klaren Worten distanziert. Gustav Seibt macht es
       sich in der [3][Süddeutschen Zeitung] ein wenig weniger leicht und
       dekonstruiert den Autoren-Gedanken an sich und für sich mithilfe von
       Foucault und Goethe, kommt aber auch nur zu dem Befund, dass es wirklich
       kompliziert ist.
       
       Der Gründer des Medienunternehmens „The Pioneer“, Gabor Steingart, nennt
       jene Medien, die KI in der Texterstellung verdammen, wiederum einfach nur
       eine „Herde von Holzköpfen“. Und Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner wirft
       der FAZ ein „stolzes, aber sterbendes Dogma“ vor, „wie der verzweifelte
       Versuch der Postkutschen-Lobby, das Automobil zu verbieten“. Letzteres ist
       eine schön polemische Formulierung, nach Auskunft von Döpfner jedoch
       komplett KI-generiert. Ist das also die Frage: alte Welt gegen neue Welt?
       Sind Moral und journalistische Ethik in dieser gefühlt prärevolutionären
       Phase überhaupt noch relevante Kategorien? Und wo steht die taz in dem
       Ganzen?
       
       Die taz war schon immer ein Haus, das technische Neuerungen wie kein
       zweites umarmt und zugleich höchst kritisch hinterfragt hat. Wir waren die
       erste deutsche Zeitung im Netz, immer ohne Bezahlschranke. Jetzt sind wir
       die erste, die ihre tägliche Ausgabe ausschließlich digital produziert. Und
       Datensicherheit ist in unserer Technik stets das erste Gebot. Als Teil der
       Informationsgesellschaft sind wir nicht nur Beobachterin, sondern immer
       auch Akteurin.
       
       ## Recherchetool und Inspiration
       
       Bereits vor drei Jahren haben wir uns KI-Leitlinien verordnet. Darin halten
       wir fest, dass die taz eine Autor.innenzeitung ist und bleibt. „Wir
       interessieren uns für KI-Anwendungen nur als Arbeitserleichterung, die es
       uns ermöglicht, stärker inhaltlich und mit größeren
       Gestaltungsmöglichkeiten arbeiten zu können. … Wir setzen diese Technologie
       … nur begrenzt und verantwortungsvoll ein. … Wenn wir in Ausnahmefällen
       ganze Texte von Künstlicher Intelligenz generieren lassen – wie etwa zu
       Anschauungszwecken in unserer KI-Kolumne – machen wir das deutlich
       kenntlich.“
       
       Doch haben wir in den KI-Leitlinien noch etwas ergänzt: „Diese Linien geben
       einen Stand jetzt wieder. Wir werden diese aktualisieren, wenn neue
       Entwicklungen dies nötig machen.“ Der Moment, zu prüfen, scheint mir
       gekommen. Denn die jüngste, schmerzhafte wie wortgewaltige Debatte ist für
       den Journalismus von noch essenziellerer Bedeutung, als es der
       Relotius-Skandal vor ein paar Jahren war. Relotius, das war jener Autor,
       der für den Spiegel wunderschön glattpolierte Reportagen schrieb, die
       beschriebenen Momente aber imaginiert hatte.
       
       Wo fängt die Verwendung künstlicher Intelligenz an und wo hört sie auf? Der
       Deutsche Journalisten-Verband fordert die Kennzeichnungspflicht von
       KI-Inhalten. Meine Hochachtung vor all jenen, die das jetzt gerade so
       trennscharf benennen können. Der Sprecher des Deutschen Presserats, Moritz
       Döbler, dagegen meint, es sei sehr schwer zu definieren, ab wann ein Text
       ganz oder überwiegend KI-generiert sei. Der Presserat habe nicht darüber zu
       befinden, welche Technologie eingesetzt werde.
       
       Neue KI-Tools schleichen sich nahezu täglich ein, oft, ohne dass man dazu
       befragt würde. Journalist*innen arbeiten mit Informationen, die zu
       großen Teilen auf digitalen Wegen zu ihnen gelangen. Die Suche mit
       Maschinen gehört untrennbar dazu. Und welche Suchmaschine verzichtet noch
       auf den Einsatz von KI? Viele in der taz nutzen diese als Recherchetool,
       als Inspiration für einen Vortrag oder als Analyse-Instrument, als
       sprachliche Hilfsinstanz, als „intelligenten“ Begleiter.
       
       ## Einfache Antworten sind selten die richtigen
       
       Ich habe – fast schon selbstverständlich angesichts der Debatte – auch eine
       KI gebeten, diesen Essay zu schreiben. Sie sollte dabei meine wägende
       Haltung beachten und meine sprachlichen Unzulänglichkeiten reproduzieren.
       Der Prompt lautete: „Schreibe einen Essay über 9.000 Zeichen zum Umgang mit
       KI beim Generieren journalistischer Texte. Dieser Text muss mit den
       taz-Leitlinien, veröffentlicht auf taz.de übereinstimmen. Der Text soll
       eine kritische Reflexion der Auswirkung von KI-Nutzung auf das kritische
       Denken, auf den Datenschutz und auf die Originalität journalistischer
       Arbeit beinhalten. Zugleich soll er für die Nutzung von datenkonformen,
       europäisch-souveränen KI-Modellen zur Unterstützung und Erleichterung
       plädieren. Dies muss er als Zwiespalt darstellen, denn die Entwicklung ganz
       zu verschlafen, macht auch keinen Sinn. Und die Arbeitsersparnis und
       Freiheit für andere Aufgaben ist auch mit einzurechnen. Der Text muss im
       Stil von taz-Chefredakteurin Barbara Junge geschrieben sein, ihre
       sprachliche Schwäche aufweisen und ihre eher reflektierende, denn wuchtige
       Einordnung reflektieren. Der Text muss progressiv sein und reflektieren,
       was progressiv heute heißt.“
       
       Ich nutze in diesem Text keine einzige Zeile aus dem Ergebnis dieses
       Prompts. Aber hätte ich den Auftrag ernst gemeint, wäre es legitim, das
       Ergebnis als Inspirationsquelle zu betrachten? Und bin ich sicher, dass
       sich keine Formulierungen einschlichen, die ich zuvor gelesen habe? Was,
       wenn ich einen von mir selbst gedachten und geschriebenen Absatz in ein
       Sprachmodell gäbe und dieses aufforderte, ihn auf sprachliche oder
       inhaltliche Schwächen zu untersuchen, und ihn danach umschriebe. Einfache
       Antworten sind selten die richtigen. Wir in der taz ringen darum. Wir
       fragen: Darf ein Satz, eine Sinneinheit in einem Text aus einem
       Sprachmodell übernommen werden? Was bedeutet Redigatur? Dieses Ringen,
       davon bin ich überzeugt, ist der richtige Weg – nicht eine Gewissheit, die
       morgen schon hinweggefegt sein könnte.
       
       ## Wir ringen weiter
       
       Stattdessen geben wir lieber ein Versprechen: Wir bleiben eine
       Autor.innenzeitung. Wir ringen weiter, aber wir wollen keiner KI das Tor
       öffnen, uns ganze Autor.innentexte zu verfassen, die ohnehin nur das
       reproduzieren, was millionenfach anderswo geschrieben wurde. Denn das
       führte den Journalismus geradewegs in die Hölle.
       
       Nur sollten wir uns jetzt auch nicht einer lustvoll-masochistischen
       Verdachtskultur hingeben, in der alles und jeder unter dem Verdacht steht,
       bei der Nutzung von KI zu weit gegangen zu sein. Der Kulturkritiker
       Johannes Franzen schreibt bereits von der Verstetigung dieses Verdachts als
       Paranoia. Diese Macht sollten wir der KI nicht zugestehen, zumal es nur all
       jene bestärken würde, die unabhängige Medien als Korrektiv der Mächtigen
       sowieso am liebsten abgeschafft sähen.
       
       Die Plausibilität eines Textes zu prüfen, gehört zur journalistischen
       Sorgfaltspflicht. Wir werden aber nicht auf KI-Modelle vertrauen, um
       KI-Inhalte aufzuspüren. Wir werden jetzt weder unsere Autor.innen noch
       andere Akteur.innen stetig mit Methoden durchleuchten, für die es in
       autoritären Staaten ganze Behörden gibt. Statt Wahrheit bleibt in
       Gesellschaften des Verdachts in der Regel nur Zersetzung übrig.
       
       Hier wird es unübersichtlich, was unsere Kulturleistungen mehr bedroht, das
       Problem oder die Lösung.
       
       Ich habe mir übrigens den KI-Vorschlag für diesen Essay durchgelesen und
       weiß nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein soll. Er war vor allem
       eines: langweilig.
       
       20 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Elon-Musk/!6188333
   DIR [2] /KI-Reden-von-Mario-Voigt/!6186148
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       ## AUTOREN
       
   DIR Barbara Junge
       
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