# taz.de -- Erdbeeren zur Feier des Tages: Erstmal isses das
> Von Texten zu leben, wird zunehmend schwieriger in Zeiten der KI. Aber
> immerhin frisst diese noch nicht alle Jobs
Die Sonne scheint auf meinen Mantel, der so schwarz ist wie meine Gedanken.
Es wird richtig warm auf dem S-Bahnhof Wannsee. Hier draußen fühlt man sich
ja eigentlich wie im Urlaub. Heute eher nicht so, obwohl ich einen Termin
am Wasser hatte und wir eine Stunde immer wieder auf den Wannsee geguckt
haben. Ich verliere nämlich gerade einen meiner Auftraggeber nach 16 Jahren
Mitarbeit, da die Texte in Zukunft nur noch über KI generiert werden. Jetzt
versuche ich, etwas Neues an Land zu ziehen.
Gar nicht so leicht, hieß es heute bei dem Termin. „Im Bereich Text ist die
KI unschlagbar.“ Ich seufze. „Aber wo soll das noch hinführen, wenn Leute
aus den Bereichen Text, Grafik, Fotografie oder auch aus den
Synchronstudios wegen KI verdrängt werden? Von den Callcentern und anderen
Bereichen ganz zu schweigen? Ich meine, wo bleiben all die Leute?“ Mein
Gegenüber zuckt mit den Schultern.
Eine kleine Frau mit rotblonden Haaren und einer riesigen Sonnenbrille
kommt jetzt den Bahnsteig entlang. Sie singt in ihr Handy: „Ich hab ’nen
Job, ich hab ’nen Job, ich hab ’nen Johoob!“ Sie tänzelt ein bisschen. „Es
hat geklappt! Freu mich voll.“ Sie schwingt eine durchsichtige Tüte mit
einer Schale Erdbeeren in ihrer Hand. „Na ja. Krieg 14,50 die Stunde. Ist
okay. Muss man sehen, wie es wird. Aber erst mal isses das jetzt.“ Sie
guckt auf ihre Tüte. „Hab mir zur Feier des Tages Erdbeeren und ’ne Cola
geleistet.“ Sie lauscht. „Nee, wegen Zucker“, sagt sie. „Willste
mitsündigen? Ich warte mit den Erdbeeren auf dich … Na auf’m Balkon …
Schön, tschüssi bis nachher.“
Sie ist mit ihrer Freude so ansteckend, dass ich lächeln muss und mir
vorstelle, wie sie heute mit irgendwem auf ihrem Balkon mit Erdbeeren und
Cola feiert.
Als ich bei mir im Kiez ankomme, kaufe ich mir auch ein paar Erdbeeren,
quasi um mitzufeiern.
10 Jun 2026
## AUTOREN
DIR Isobel Markus
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