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       # taz.de -- Neue Ethik bei Foto-Triennale Hamburg: Als die Haarlocke der Mumie in der Elbe versank
       
       > Hamburgs 9. Triennale der Photographie macht in 11 Ausstellungen das Foto
       > zum Medium kultureller Wiedergutmachung – und fordert eine neue Ethik des
       > Altruismus.
       
   IMG Bild: Integration fotografisch vorweggenommen: „Being there“ 2023 von Lee Schulman und Omar Victor Diop
       
       „Einem Menschen zu begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten zu
       werden.“ Heißt, ihn nicht als Vehikel meiner Selbstvergewisserung zu
       nutzen, sondern als Anderen zu begreifen. Als Person, die meinem Ego
       Grenzen setzt und für die ich Verantwortung trage: So verstand es der
       litauisch-französische Philosoph und Shoah-Überlebende Emanuel Levinas.
       
       Dieser altruistischen Idee fühlt sich ausdrücklich Mark Sealy verpflichtet,
       Professor an der Londoner University of the Arts und Kurator der soeben
       eröffneten 9. Hamburger Triennale der Photographie. „Alliance, Infinity,
       Love – In the Face of the Other“ lautet ihr Motto, in Anlehnung an Eden
       Ahbez’ Song „Nature Boy“, ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit und Liebe.
       
       Wobei Liebe hier nicht romantisch verstanden wird, sondern als politischer
       Akt der Fürsorge und Solidarität. Fotografie soll nicht mehr der
       „gewaltsamen Beobachtung“, sondern der „kulturellen Wiedergutmachung“
       dienen. Sealy zielt auf [1][Dekolonisierung] und die Sichtbarmachung
       Marginalisierter. Er will den fotografischen Blick wenden, den Abgebildeten
       ihre Würde wiedergeben, sie als Subjekt begreifen.
       
       Da das Motto der Triennale weit gefasst und der Anspruch universell ist,
       kommt die zentrale, von Sealy kuratierte Schau in den Deichtorhallen mit 31
       Positionen als vielstimmiges, mäanderndes Panorama daher. Aus allen
       Erdteilen kommen die KünstlerInnen, von Queerness über soziale Fragen bis
       zu aktuellen Kriegen und Kolonialismus reichen die Themen. Da hängt Chuck
       Stewarts leicht konsumierbares Foto der Jazz-Ikone John Coltrane, aber auch
       Brenda L. Crofts intensive Porträts von [2][Aborigine-Frauen.] Deren
       Schwarz-Weiß-Fotos wirken wie eine Ahnenreihe, als nähmen sie das Sterben
       ihrer Kultur vorweg. Auch Babak Kazemis Hausnummernschilder aus der
       kriegszerstörten iranischen Stadt [3][Khorramshahr] hängen wie Gedenktafeln
       an der Wand. Die Schilder haben die BewohnerInnen überlebt.
       
       ## Wie schön, der Rassismus ist überwunden
       
       Ein starkes Statement gegen Rassismus setzt dann „[4][The Anonymous
       Project]“ des Briten Lee Shulman und des senegalesischen Fotografen Omar
       Victor Diop. Der hat sich nachträglich in USA-Familienfotos der 1950er und
       1960er Jahre hineinretuschiert. Wie selbstverständlich sitzt er mit der
       weißen Familie auf dem Sofa, am Esstisch, steht stolz neben dem neuen Auto.
       Und solange man nicht um die Manipulation weiß, ist man erstaunt, aber
       beruhigt: Wie schön, der Rassismus ist überwunden, zumindest im Privaten.
       Allerdings eine Irritation bleibt: Derart perfekt kann die Integration
       nicht sein, damals wie heute. Es ist eine Illusion. Und so unterlaufen die
       Fotos unsere Sehgewohnheiten und schaffen neue. Sie machen einen Vorschlag,
       nehmen Zukunft optisch vorweg. Eine gelungene Intervention ganz im Sinne
       von Sealys kuratorischer Idee der Ermutigung.
       
       Wozu auch Dekolonisierung gehört, etwa in Mónica de Mirandas Video „As If
       The World Had No West“. Es zeigt die Wanderung einer Frau durch den
       angolanischen Teil der Namib-Wüste, vorbei an Ruinen, Überbleibseln des
       kolonialen Diamantenrauschs, der die Wüste als Rohstofflager sah. Die
       Wandernde sucht tiefer: nach Natur, nach Spuren und Wegzeichen der eigenen
       Kultur. Sie begreift die Wüste als Archiv kulturellen Wissens und versucht
       eine Wiederaneignung.
       
       Auch Teresa Margolles Fotos ausgegrenzter mexikanischer
       Trans-Sexarbeiter*innen sind ein wichtiger Schritt zur Entmarginalisierung.
       Es ließen sich noch etliche Werke nennen, jedes bedeutend. Aber die Fülle,
       mit der diese Schau den Nachrichtenfluss des Alltags reproduziert, ermüdet
       und droht die gute Absicht zu überlagern.
       
       ## Aus Sicht des Pharaos
       
       Konzentrierter kommt die Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe daher,
       die gleichfalls koloniale Wunden zu heilen sucht. Mit Objekten der
       Antikensammlung des Museums hat die ägyptische Künstlerin Sara Sallam
       gearbeitet. Sie hat sich gefragt, „ob sie so viel Heimweh haben wie ich,
       als ich nach Europa kam“ und ihnen zugehört. Herausgekommen ist das Video
       des entblößten Kopfs [5][Tutanchamuns], den Sallam neu mit Leinen und
       Blattgold verhüllte.
       
       Für den 19-jährig verstorbenen Pharao müsse es doch ein Schock gewesen sein
       zu hören, dass jemand nach Tausenden Jahren sein Grab aufbrach. Also hat
       Sallam die Perspektive gewechselt und aus den Notizen des „Entdeckers“, des
       britischen Archäologen [6][Howard Carter,] einen Monolog des Pharaos
       gemacht. „Die Geräusche des Zerreißens, Zerfetzens meines Leinengewebes
       verfolgen mich bis in den Traum“, ist zu hören. „Du hast … die heiligen
       Gegenstände entfernt, die mich in meinem Schlaf beschützten … und warst
       begierig, auch noch mein Gesicht zu sehen.“
       
       Klarer lässt sich koloniale Gewalt nicht beschreiben: als Mixtur aus
       wissenschaftlicher und materieller Gier, die das Gold einer Maske, einer
       Schutzgöttin höher bewertet als deren rituelle Bedeutung.
       
       Das gilt auch für die Haarlocke einer weiblichen Mumie, die die Künstlerin
       in einem Umschlag von 1822 fand. Sie stammt von einem preußischen Schiff,
       das, beladen mit Grabraubgut aus Sakkara, in der Elbe versank. Die
       zugehörige Mumie fand man nie. Das Fragmentieren und Versteigern von Mumien
       war um 1900 verbreitet, und zumindest in Großbritannien habe es Partys zum
       Mumien-Entpacken gegeben, sagt Sallam.
       
       Rückbestattet wurden sie nie. Sara Sallam fand das unwürdig, zumal ihre
       eigene Großmutter kürzlich – einem Brückenbau weichend – umgebettet und neu
       rituell bestattet wurde. Also baute die Künstlerin Dioramen, in deren sie
       Fotos ihrer Großmutter mit dem Hafen von Alexandria verband, von wo das
       Raubkunst-Schiff gestartet war. Eine symbolische Verbindung mit der
       Unbekannten ist es geworden, ein Versuch, diese Wunde zu heilen. Den
       respektlosen Blick auf Körper und Heiligtümer, das gnadenlose
       Abfotografieren aus kolonialer Perspektive kann sie nicht rückgängig
       machen.
       
       ## Der objektivere Blick der Franki Raffles
       
       Wie ein objektiverer Blick gelingen kann, zeigt die erste große
       Einzelausstellung der 1994 früh verstorbenen britischen Fotografin Franki
       Raffles. Seit den 1970er Jahren hat sie Lebens- und Arbeitsbedingungen von
       Frauen vor allem in Schottland und der Sowjetunion fotografiert.
       Feministisch und marxistisch orientiert, zeigt die Autodidaktin Frauen als
       integralen Teil der Arbeitswelt. In Textil- und Fleischfabrik, im Labor,
       beim Umbetten einer Patientin, auch in der Landwirtschaft hat sie
       fotografiert.
       
       Frauen mit „typisch weiblich“ gelesener Körpersprache finden sich auf
       Raffles sozialdokumentarischen Fotos nie. Die Bauarbeiterin sitzt
       selbstbewusst und breitbeinig da, die Bäuerin melkt mit robustem Griff ihre
       Kuh. Teils freischaffend, teils im Auftrag der Stadt Edinburgh oder
       gemeinnütziger Organisationen nahm Raffles zudem Themen wie häusliche
       Gewalt in den Blick, den Frauen stets ihre Würde lassend.
       
       Auch auf den jetzt in Hamburg gezeigten Fotos über miserable
       Lebensbedingungen in Sozialwohnungen bleiben die Menschen selbstbewusst.
       Denn Raffles sah sich als „Aktivistin mit Kamera“ und trat stets hinter die
       Fotografierten zurück. Unbeirrt war auch ihr Glaube an weibliche
       Solidarität im Kampf für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. Teil
       dieses Kampfes war es, Frauenbilder im Wortsinn öffentlich zu machen – in
       Zeitschriften, Ausstellungen, auf Plakaten.
       
       International berühmt wurde Raffles dann 1992 durch die Plakatkampagne
       „[7][Zero Tolerance]“ im Auftrag der Stadt Edinburgh. Die Fotos prangern
       Vergewaltigung an, indem sie gängige männliche Ausflüchte offenlegen. Das
       Presseecho war enorm, die Debatte hitzig. Triennale-Kurator Sealy hat die
       Schau sehr bewusst nach Hamburg geholt. Weil sie so aktuell ist. Und weil
       sie seiner Forderung nach einer neuen Ethik entspricht.
       
       10 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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   DIR [6] /Finde-den-Pharao/!5071703
   DIR [7] https://www.zerotolerance.org.uk/about-our-prevention-campaign/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Petra Schellen
       
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       beyond capture“ ist die zentrale Ausstellung bei der Hamburger Triennale.