# taz.de -- Die neue taz FUTURZWEI: Schlusspfiff für den Spalt-Populismus
> Was machen wir in der Nachspielzeit der liberalen Demokratie? Wir machen
> es anders als bisher, um zu gewinnen! Ein Paradigma der „reparativen
> Moderne“ soll der Neuerungssucht entgegengestellt werden.
IMG Bild: Im japanischen Kintsugi wird sichtbar mit Gold repariert. So gelingt ambitionierte Reparatur
[1][taz FUTURZWEI] | „Nachspielzeit“ ist der Titel der [2][neuen Ausgabe
von taz FUTURZWEI]. Das ist eine Assoziation zur [3][Fußball-WM], die diese
Woche beginnt.
Nachspielzeit bedeutet für uns, die reguläre Spielzeit ist rum, die
Vertreter der emanzipatorisch-liberalen Demokratien liegen zurück, haben
aber eine kurze Zeitspanne, um das Ding gegen die Illiberalen und
Antidemokraten noch zu drehen. Das mag jetzt manchem etwas alarmistisch
erscheinen.
Schließlich gibt es in der [4][Bundesrepublik] und fast allen Bundesländern
eine klare Mehrheit für liberaldemokratische Parteien. Andere sehen derweil
bereits Weimar 1933 reloaded und einen Durchmarsch von „Nazis“. Das ist
nicht hilfreich, sondern eine self fullfilling prophecy, weshalb ich mich
auf keinen Fall anschließe.
Die neue Ausgabe von taz FUTURZWEI untersucht: Wie kann man zwischen
Apokalyptik und Weiter-So eine konstruktive Dynamik erzeugen, die die
Lähmung zwischen Politik und Gesellschaft und die zunehmende Destruktivität
einer digital getriebenen Mediengesellschaft überwindet? Das ist die
Absicht des Begriffs „Nachspielzeit“: klar zu machen, dass es dringend ist,
aber noch nicht vorbei.
## Worum es geht
Wir haben bereits im letzten taz FUTURZWEI programmatisch auf den Titel
geschrieben: „[5][Die AfD interessiert uns nicht].“ Das weist darauf hin,
dass die Lösung nicht in „Anti-Dingsbums“ zu finden ist, also nicht in
[6][Antifaschismus] oder Antirassismus, nicht im „Kampf“ gegen die
[7][AfD]-Wähler und Leute, die nicht unseren linksliberalen Kanon mitsingen
wollen.
Es geht darum, auch Leute für eine gemeinsame (europäische) Zukunft zu
gewinnen oder zurückzugewinnen, die ums Verrecken nicht gendern wollen
und/oder das starke Gefühlt haben, dass die Einwanderung geordnet und
begrenzt sein müsse. Es geht um die zentralen Rahmenbedingungen einer
freiheitlichen Ordnung, dazu gehören leider auch Dinge wie
Verteidigungsfähigkeit, knallharte Machtpolitik, Konkurrenzfähigkeit auf
den Weltmärkten.
Mit Yogamatten wird man da nicht weit kommen, wie ein heutiger
Ministerpräsident einmal weise festgestellt hat. Es sei denn, sie sind so
innovativ, dass man sie in die ganze Welt verkaufen kann oder sie
emissionfreies Fliegen ermöglichen.
## Bewegung und Gegenbewegung
Im übrigen ist die [8][Aufklärung], wie wir alle wissen, nicht und nie
abgeschlossen, sondern ein ständiges Ringen und Ausbalancieren zwischen
denen, die sich über liberalemanzipatorischer Zukunft und denen, die sich
über scheinbar homogener Herkunft definieren.
Das ist zeitweise in Vergessenheit geraten, vor allem bei mir.
Ich dachte, der Prozess sei unumkehrbar und mit der Wahl von [9][Barack
Obama] zum Präsidenten der [10][USA] – und wie es mir damals noch schien,
der Welt – schreite die liberal-emanzipatorische Moderne ihrer Vollendung
entgegen.
Als [11][Fridays for Future] die Zustimmung zu ernsthafter Klimapolitik
mehrheitsfähig zu machen schienen, war ich vollends überzeugt, dass jetzt
alles in meinem, also im emanzipatorisch-liberaldemokratischen Sinne gut
werde. Das war ziemlich dumm und blind und lag daran, dass ich nur das sah,
was ich sehen wollte und den (ziemlich großen) Rest ausblendete, dass der
überwiegende Teil der Menschen in autoritären Systemen lebt und auch, dass
jede Bewegung eine Gegenbewegung auslöst.
Obama war nicht der Anfang der liberal-emanzipatorischen Moderne, sondern
ihr (vorläufiger) Höhepunkt. Und die theoretische Zustimmung zu
Klimapolitik war schnell wieder weg, als praktische Klimapolitik in einem
kleinen, den Alltag berührenden Bereich (das eigene Haus) tatsächlich
gemacht und von ihren Gegnern und Feinden richtig süffig delegitimiert
wurde.
Die Frage ist nun: Wenn das Übliche nicht mehr funktioniert, was machen wir
in der Nachspielzeit anders, damit mehr geht?
## Spalt-Populismus und Re-Radikalisierung
Wir bekämpfen nicht die AfD und den „Faschismus“, das habe ich schon
gesagt, wir kümmern uns um jenen Teil ihrer Wähler, der für
Liberaldemokraten erreichbar ist und um jenen Teil der Gesellschaft, der
nicht AfD wählt, aber für sie erreichbar ist.
Die Antwort auf den Spalt-Populismus ist nicht Re-Radikalisierung. Es geht
jetzt nicht – und vermutlich niemals – um den perfekten Universalismus in
einem perfekten Sozialstaat, es geht darum, sich im Angesicht einer großen
Zahl von Problemen, die für bestimmte Gruppen und Einzelne jeweils das
Allerwichtigste sind, auf die zentralen Aufgaben zu einigen, die für die
überwiegende Mehrheit das wichtigste ist. Für mich ist das die Bewahrung
der planetarischen Lebensgrundlagen.
Dabei interessiert mich überhaupt nicht, wofür eine Partei 1863, 1945 oder
1979 gegründet wurde, mich interessiert, ob sie Lösungen zusammen mit
anderen hinkriegt, die mehrheitsfähig sind. Kurzum, ich brauche keine
„linke“, keine „konservative“ und auch keine „grüne“ Partei, ich brauche
liberaldemokratische Parteien, die zusammen wesentliche Dinge voranbringen.
Es geht also darum, die liberaldemokratischen Parteien weiterzuentwickeln
und sich und uns auf die Höhe von Problemen der Zeit zu bringen. Nicht „neu
erfinden“ oder was man immer so fluffig dahersagt, ist das Motto, sondern:
Reparieren!
## Reparative Moderne
Dies ist das Zeitalter der reparativen Moderne. Das gilt nicht nur für die
Bahn, sondern auch für Parteien. Man muss auch sie wieder funktionstüchtig
machen. Einzeln und in der Zusammenarbeit. Selbstverständlich werden
Parteien weiter einen Kern brauchen, der sie unterscheidbar macht und wegen
dem Leute sie wählen.
Dennoch ist der Job jetzt, weniger nach der eigenen Identität suchen und
mehr nach den gemeinsamen Problemen, und was man selbst als „Progressiver“,
als „Konservativer“, als Sozialdemokrat zur Lösung beizutragen hat,
ungeachtet der Frage, ob das nun „progressiv“, „konservativ“ oder
„sozialdemokratisch“ ist.
Das ist auch der Paradigmenwechsel in der individualistischen Moderne. Die
Frage ist nicht: Was unterscheidet mich von allen anderen? Sondern: Was
habe ich mit ihnen gemeinsam? Um das rauszufinden, darf man sich halt nicht
nur in safe spaces austauschen, sondern muss das auch mit Leuten tun, die
anders drauf sind und aus Sicht von unsereins unangenehmes Zeug denken und
reden.
Wer jetzt denkt, Reparieren sei doch unterambitioniert? Man müsse doch den
„Fortschritt“ anstreben? Immer. Doch praktisch und in der geopolitischen
Realität sind wir mit gelingenden Reparaturen bis auf weiteres gut
ausgelastet.
🐾 Lesen Sie weiter: Unser taz-Magazin FUTURZWEI N°37 mit dem Titelthema
„Nachspielzeit“ ist erschienen. Jetzt bestellen [12][im taz Shop].
9 Jun 2026
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Peter Unfried
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