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       # taz.de -- Geschichtspolitischer Rollback der USA: Ungeliebte Wahrheit entfernt
       
       > Ein Streit über rassistische Kontinuitäten in der US-Armee führt von
       > einer Bremer Tragödie im Jahr 1945 auf einen Soldatenfriedhof in den
       > Niederlanden.
       
   IMG Bild: Margratenfriedhof in den Niederlanden: Die neuen Gedenktafeln verschweigen die Rassentrennung im Militär komplett
       
       Am 10. Juni 1945, genau ein Monat nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in
       Europa, stürzt in Bremen ein US-Soldat in die Weser und droht zu ertrinken.
       Sein Kamerad, der afroamerikanische Techniker George H. Pruitt, zögert
       nicht. Er springt in den Fluss, um den Freund zu retten. Die Rettung
       gelingt, doch Pruitt selbst bezahlt seinen Mut mit dem Leben: Er ertrinkt
       in der Weser.
       
       Heute liegt Pruitts Leichnam weit entfernt von Bremen, auf dem
       US-amerikanischen Zentralfriedhof Margraten bei Maastricht in den
       Niederlanden. Doch um diesen Friedhof, auf dem 8.301 in Europa bei der
       Befreiung von den Nazis gefallene US-Soldaten ruhen, ist ein
       geschichtspolitischer Streit entbrannt.
       
       Im Zentrum steht der Versuch, die historische Wahrheit über den Rassismus
       in den US-Streitkräften unsichtbar zu machen. Und damit auch das Andenken
       an Pruitt und an die 173 anderen Schwarzen Soldaten, die dort begraben
       sind.
       
       Im April hatte die Leitung des Friedhofs mehrere Gedenktafeln aus dem
       Besucherzentrum entfernen lassen. Darunter waren auch Tafeln, die an den
       Einsatz afroamerikanischer Soldaten und an den Rassismus in der US Army im
       Zweiten Weltkrieg erinnerten. Auch die Tafel, die an George H. Pruitt
       erinnert, ist verschwunden.
       
       ## Vor dem Druck der „Anti-DEI“-Bewegung eingeknickt
       
       In Margraten pflegen die Niederländer seit drei Generationen
       Grabpatenschaften aus tiefer Dankbarkeit für die Befreiung vom
       Nationalsozialismus. Lange Zeit blieb ein Kapitel der Befreiungsgeschichte
       aber ungenannt: die Rolle jener rund 270 afroamerikanischen Soldaten der
       „960 Quartermaster Service Company“, die nach den Kämpfen das Schlachtfeld
       aufräumen und die Gräber ausheben mussten.
       
       Erst 2009 machte die niederländische Historikerin Mieke Kirkels mit ihrem
       Buch „Von Alabama nach Margraten“ diese Geschichte bekannt. Sie machte das
       Trauma der Männer öffentlich, die unter rassistischer Segregation in einer
       strikt nach Hautfarben getrennten Armee dienten. Erst im Jahr 2024
       reagierte die US-Regierung unter dem damaligen Präsidenten Joe Biden auf
       die Forschung und fügte der Gedenkausstellung in Margraten Schautafeln
       hinzu, die die „vollständige Geschichte“ inklusive des strukturellen
       Rassismus in der damaligen US-Armee erzählten.
       
       Dass diese Tafeln nun wieder weg sind, begründete die zuständige
       Denkmalbehörde, die American Battle Monuments Commission (ABMC), mit einer
       routinemäßigen „Rotation“ der Exponate.
       
       ## Rassentrennung im Militär verschwiegen
       
       Kritiker vermuten dahinter jedoch ein Einknicken vor dem Druck der
       [1][US-amerikanischen „Anti-DEI“-Bewegung]. Diese setzt sich vehement gegen
       Initiativen für Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion („Diversity,
       Equity, Inclusion“) ein. Dass der geschichtspolitische Rollback unter der
       neuen US-Administration nun auch die europäischen Friedhöfe erreicht, sorgt
       in den Niederlanden für Aufruhr.
       
       Der Historiker Samuel de Korte, der die Kontroverse eng begleitet,
       kritisiert das Vorgehen scharf. Zwar lenkte die Denkmalbehörde ABMC nach
       Protesten und einem überparteilichen Brief von 34 US-Kongressabgeordneten
       ein und stellte neue Tafeln auf. Diese aber verschweigen die Rassentrennung
       im Militär komplett. Ohne diesen Kontext, kritisiert de Korte, werde der
       strukturelle Rassismus jedoch unsichtbar gemacht und die spezifische
       Perspektive der Schwarzen Soldaten auf den Krieg effektiv ausgeblendet.
       
       Die offizielle US-Diplomatie bemüht sich um Schadenbegrenzung, schaltet
       aber auf Konfrontation. Bei einem Empfang in der US-Botschaft in Den Haag
       sprach Botschafter Joseph Popolo von „Fehlinformationen“. Zwar räumte er
       ein, dass man über Diskriminierung sprechen müsse – aber „nicht in
       Margraten“, das ein „heiliger Ort“ sei. Auf der Plattform X legte Popolo
       nach: Die Ausstellungen dienten nicht dazu, eine „Kritik-Agenda“ gegen die
       USA zu verbreiten.
       
       ## Aufklärung über Segregation unerlässlich
       
       Historiker de Korte hält dem entgegen, dass die Aufklärung über die
       Segregation kein politischer Aktivismus ist, sondern unerlässlich, um das
       Opfer dieser Soldaten überhaupt zu verstehen. Das Entfernen der ungeliebten
       Wahrheit zeige, dass historische Genauigkeit hier politischer Zensur
       weichen musste.
       
       81 Jahre nach dem Tod von George H. Pruitt in der Bremer Weser zeigt sich
       in Margraten also: Der Kampf um die Deutungshoheit der Geschichte ist nicht
       vorbei. Für die Angehörigen und Historiker bleibt das Ziel klar: Das
       Andenken an die Schwarzen Befreier darf nicht noch einmal im Vergessen
       begraben werden.
       
       9 Jun 2026
       
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