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       # taz.de -- Queere Stadtführung durch Berlin: Schrill, politisch, unbeugsam
       
       > „Die Stadt ist meine Bühne“, sagt Dragqueen Gaby Tupper und führt durch
       > den ältesten queeren Kiez Europas – und die Geschichte homosexuellen
       > Lebens.
       
   IMG Bild: Dragqueen Gaby Tupper bei ihrer Stadtführung durchs queere Berlin in der Motzstraße im Nollendorfkiez
       
       Gaby Tupper ist eine Person, die schon von Weitem zu sehen ist. In allen
       Farben des Regenbogens leuchtend, steuert sie auf das [1][Café Ulrichs] in
       Berlin-Schöneberg zu. Hier, vor den Fenstern des gemeinnützigen, queeren
       Etablissements, in dem es Kaffee, Kuchen und ein Aids-Testzentrum gibt, hat
       sich an diesem Freitagnachmittag bereits ein Grüppchen zusammengefunden.
       Gerade noch pünktlich trifft Tupper am vereinbarten Treffpunkt ein, küsst
       Wangen, schüttelt Hände, rückt sich die aufwändig toupierte blonde Perücke
       zurecht.
       
       Seit über 10 Jahren bietet die selbsternannte [2][Polittunte Gaby Tupper]
       ihre Kieztour an: „Ich möchte queeres Leben öffentlich zeigen“, sagt die
       50-Jährige, die über die Hälfte des eigenen Lebens in Schöneberg verbracht
       hat. Jetzt steht sie auf der Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße, hochgewachsen
       und majestätisch überblickt sie die Gruppe, die sie für die nächsten drei
       Stunden durch ihren Stadtteil und seine queere Geschichte führen wird. Eine
       klassische Stadtführerin sei Tupper jedoch nicht, vielmehr begreife sie
       sich als Künstlerin und Communityqueen, die auf offener Straße für die
       Sichtbarkeit der LGBTQ-Gemeinschaft einsteht.
       
       Mit fliegenden Fingern, jeder Nagel in einer anderen Farbe lackiert,
       blättert die Dragqueen durch ein bunt beklebtes Buch: ihr persönliches
       Register für Songtexte, Notizen und Anekdoten, die bis zu den Anfängen der
       Homosexuellenbewegung in den 1920er-Jahren der Weimarer Republik
       zurückführen.
       
       Das [3][„Lila Lied“ von Kurt Schwabach und Arno Billing] etwa gilt als
       Hymne jener frühen Zeit schwul-lesbischer Selbstbestimmung. Unvermittelt
       stimmt Gaby Tupper die Liedzeilen an, umweht von Nostalgie und einem
       Schmerz, der alles andere als vergangen scheint: „Wozu die Qual, uns die
       Moral der andern’ aufzudrängen?“
       
       Steckte man sich zu Zeiten des „Lila Lieds“ im schummrigen Licht der
       Berliner Varietés violette Veilchen ans Rüschenhemd, um subtil die eigene
       Homosexualität zu kennzeichnen, so hat sich Gaby Tupper heute eine ganze
       Borte aus Rosetten aller Farben an Haar und Bluse geheftet. In den
       vergangenen Jahrzehnten hat sich die queere Bewegung viele Farben und
       Freiheiten erkämpft. Dennoch zeige sich der gegenwärtige Backlash
       eindeutig: „Wo vor 15 Jahren böse geguckt wurde, wird heute zugeschlagen
       oder das Klappmesser gezückt“, sagt Gaby Tupper.
       
       Hass und Hetze sind Alltag 
       
       Besonders Dragkünstler:innen und trans Personen würden immer häufiger
       Opfer von Diskriminierung und Gewalt – auch im Regenbogenkiez am
       Nollendorfplatz. Während Tupper hier mit theatralischen Gesten zu Liza
       Minnellis Filmsong „Cabaret“ performt, rauscht ein schwarzer Mercedes mit
       heruntergelassenem Fenster vorbei – „Drecksschwanz“, brüllt jemand aus dem
       Auto.
       
       Hass und Hetze sind für Tupper und ihre Community Alltag. Abschrecken lässt
       sie sich dadurch nicht: „Wenn es hilft, Gesicht zu zeigen, dann stelle ich
       mich gerne in die Schusslinie“, sagt sie souverän und stolziert in ihren
       gelben Stiefeletten mit erhobenem Kopf über den Platz.
       
       Am Nollendorfplatz herrscht reges Treiben. Mittendrin Gaby Tupper, die vor
       der Fassade des U-Bahnhofs stehenbleibt. Neuerdings trägt der U-Bahnhof
       Nollendorfplatz den Zusatz „im Regenbogenkiez“ auf den Stationsschildern.
       
       Hier ist eine dreieckige Gedenktafel aus rotem Granit angebracht: der „Rosa
       Winkel“, einst ein aufgezwungenes Kennzeichen der Nationalsozialisten, die
       homosexuelle Männer verfolgten, deportierten und vernichteten. Als eines
       der wenigen Mahnmale seiner Art ist der „Rosa Winkel“ eine Zielscheibe der
       Queerfeindlichkeit. Es vergehe kaum ein Monat, in dem Gaby Tupper die
       Gedenktafel nicht zerstört oder beschmiert vorfinde.
       
       Vorbei am prunkvollen Gebäude des Metropols, wo im Mai der geschlossene
       [4][queere Club Schwuz mit einer Kick-off-Party] sozusagen einen Neuanfang
       feierte, führt Gaby Tupper die Gruppe weiter in den Kiez hinein. Kurzer
       Stopp vor einem burgunderroten Haus: Ende der 1920er-Jahre wohnte hier die
       androgyne Schriftstellerin [5][Else Lasker-Schüler], auch bekannt unter
       ihrem männlichen Alter Ego Prinz von Theben. Zu Lebzeiten verarmt und
       randständig lebend, gilt sie heute als Koryphäe der expressionistischen
       Dichtung.
       
       Passend zum Rot der Mauer zieht sich Tupper ihren Lippenstift nach, steckt
       sich im Weitergehen eine Zigarette an. Immer wieder grüßt sie Bekannte,
       klopft an Fenster, winkt über die Straße: „In der queeren Community müssen
       wir zusammenhalten“, sagt sie – und an der nächsten Straßenecke wartet der
       Barkeeper vor der [6][Hafen-Tanzbar] dann schon mit einem Schnaps aufs
       Haus.
       
       Drag als Schutzschild 
       
       Mit Extravaganz und Exzess die Sorgen zu vertreiben, ist die Kunst der
       Travestie, die auch Tupper beherrscht: „Drag ist für mich ein
       Schutzschild“, sagt sie. In einer politischen Gegenwart, in der Vielfalt
       zunehmend unter Beschuss steht, sei die Hoffnung manchmal schwer zu
       bewahren. „Dass ich Gaby Tupper sein kann, macht die Welt etwas bunter.“
       
       Auf der Tour fällt immer wieder der Name des progressiven Arztes und
       Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld, nach dem auch eine Apotheke in
       Schöneberg benannt ist: 1919 gründete er in Berlin das Institut für
       Sexualwissenschaft, das Pionierarbeit in der Beratung transsexueller
       Menschen und bei geschlechtsangleichenden Behandlungen leistete.
       
       Erst seit 2024 gilt in Deutschland das Selbstbestimmungsgesetz: Änderungen
       des Geschlechtseintrags und des Vornamens können mittlerweile ohne
       Gutachten oder Gerichtsverfahren durchgeführt werden. Eine lang erkämpfte
       Reform, die immer wieder Angriffen von rechts standhalten muss.
       
       Während sie an der queeren Buchhandlung Eisenherz und dem Wohnhaus des
       [7][Aids-Aktivisten und Schriftstellers Napoleon Seyfarth] vorbeiführt,
       spielt Tupper queere Songs quer durch die Geschichte ab: Zu Marlene
       Dietrich, [8][Melitta Sundström] und David Bowie wirft sie sich in Pose,
       lipsynct und performt. „Die Stadt ist meine Bühne“, sagt Tupper später mit
       Stolz in den Augen.
       
       An der Urania bleibt sie schließlich vor dem Denkmal für die Opfer der
       Aidspandemie stehen. Den letzten Song des Abends aus dem Broadway-Musical
       „La Cage aux Folles“ singt Tupper live. Ihre kraftvolle Stimme strahlt über
       die Kreuzung: „Ich bin, was ich bin, und das ist ungewöhnlich.“ Oder, wie
       sie nach Ende der Tour bei einer Zigarette sagen wird: „Drag saved my
       life.“
       
       Die nächsten [9][Führungen Gaby Tuppers] finden am 20. 7. (speziell zum
       CSD, deshalb auch auf Englisch) sowie (wieder auf Deutsch) am 24. 7., 21.
       8., 18. 9. und 16. 10. statt.
       
       16 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.berlin-aidshilfe.de/angebote/ulrichs/
   DIR [2] https://www.instagram.com/gabytupperberlin/
   DIR [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Das_lila_Lied
   DIR [4] /Das-SchwuZ-ist-tot-Das-SCHWUZ-lebt/!6178340
   DIR [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Else_Lasker-Sch%C3%BCler
   DIR [6] https://hafen-berlin.de/
   DIR [7] /Aids-in-der-Bundesrepublik/!5505290
   DIR [8] /Abschied-von-Melitta-Sundstroem/!1597733&s=Melitta+Sundstr%C3%B6m/
   DIR [9] https://www.facebook.com/gaby.tupper
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ella Rendtorff
       
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