# taz.de -- Treffen im Kanzleramt: Wir müssen reden
> An diesem Mittwoch trifft sich die schwarz-rote Regierung mit
> Gewerkschaften und Arbeitgebern. Die Union dämpft die Erwartungen. Die
> SPD hofft auf Erfolge.
IMG Bild: Viel versprechend statt vielversprechend: Arbeitsministerin Bas, Kanzler Merz und Finanzminister Klingbeil (v. l. n. r.)
Drei Stunden lang werden sich am Mittwochabend die Spitzenfunktionäre von
Gewerkschaften und Arbeitergeberverbänden im Kanzleramt treffen. Das Thema:
die geplanten schwarz-roten Reformen, vom Arbeitsmarkt über
Krankenversicherung und Pflegeversicherung bis zu Steuern und
Bürokratieabbau. Eigentlich alles. Dass man dieses Programm in drei Stunden
absolvieren will, ist erstaunlich. Zudem scheinen sich SPD und Union über
den Sinn des Termins auch nicht einig zu sein.
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf warnt, das Ganze dürfe „kein
Get-together“ ohne Ergebnis werden. Die Union betont hingegen, dass es nur
um einen Dialog über die Reformen gehe, eine einmalige Angelegenheit.
Kanzler Friedrich Merz will keine sogenannte konzertierte Aktion, einen
dauerhaft einberufenen Kreis von Regierung und Sozialpartnern.
Für die SPD gehört die „konzertierte Aktion“, erstmals vor knapp 60 Jahren
von SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller eingeführt, hingegen unabdingbar
zum Instrumentenkasten der Krisenbewältigung. SPD-Kanzler Gerhard Schröder
setzte vor knapp 25 Jahren auf das „Bündnis für Arbeit“, allerdings mit
weniger Erfolg.
Man verspreche sich, so ein SPD-Spitzenpolitiker, von dem Ganzen zwar
keinen Durchbruch bei den hart umstrittenen Fragen bei Pflegeversicherung
bis Einkommensteuerreform. Aber Schwarz-Rot könne angesichts des dramatisch
schwindenden Rückhalts in der Gesellschaft für die Regierung mal als
aktiver Spieler auftreten.
## Glanz für die matte Regierung?
Sebastian Roloff, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion und
linker Flügel, hofft, dass der Termin im Kanzleramt zumindest hilft, Fehler
zu vermeiden. „Die in der Villa Borsig beschlossene [1][Entlastungsprämie]
haben die Sozialpartner harsch kritisiert. Das Treffen am Mittwoch soll
verhindern, dass sich dies bei den kommenden Reformen wiederholt“, so
Roloff zur taz.
Die Hoffnung, dass ein Treffen mit Arbeitgebern und Gewerkschaften die
matte Regierung etwas glänzen lässt, ist allerdings kühn. Denn die sind
angesichts von schwachem Wachstum – seit 2022 insgesamt weniger als 1
Prozent –, bedrohten Industriejobs und den angekündigten Sozialkürzungen
über Kreuz wie seit Langem nicht.
Die Rede von SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas wurde beim Arbeitgebertag in
Berlin mit höhnischen Rufen begleitet, [2][Kanzler Merz wurde beim
DGB-Kongress ausgepfiffen.]
Die Arbeitgeber fordern radikale Einschnitte ins Sozialsystem, die
Gewerkschaften rüsten zum Abwehrkampf gegen Sozialkürzungen. DGB-Chefin
Yasmin Fahimi hält die ganze Anlage der schwarz-roten Reform für falsch. Es
gehe nur um „Sparen und Kürzen“. Das schade der Binnennachfrage.
Die Konflikte zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern gehen ans
Eingemachte. Die Arbeitergeber wollen den Achtstundentag abschaffen, die
Gewerkschaften sind strikt dagegen. Arbeitsministerin Bas wird im Juni den
Entwurf für das neue Arbeitszeitgesetz vorlegen.
Etwas ungeschickt wirkt die Vorbereitung durch das Bundeskanzleramt, das zu
dem Treffen einlädt. Das Kanzleramt versandte einen Fragebogen an
Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände. „Wie sichern wir unsere
Wettbewerbsfähigkeit – trotz China-Schock und US-Zöllen?“, möchte die
Regierung in dem zweiseitigen Papier von den Sozialpartnern wissen.
Gewerkschaften und Arbeitgeber sollen ansagen, was sie sich von
„Reformbedarf allgemein“ über „Arbeitsmarkt“ und „Bürokratieabbau“ bis
„Einkommensteuer“ erhoffen. Der Fragebogen vermittelt den Eindruck, dass
das Kanzleramt nicht weiß, was es will. Auch Sozialdemokraten, die sich von
dem Treffen viel versprechen, zweifeln, ob diese „pädagogische Ansprache“
hilft.
Kommunikativ herrscht ein ziemliches Durcheinander. Kanzler Merz
adressierte an Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände die Erwartung, die
sollten sich bitte vor Mittwoch auf gemeinsame Punkte verständigen. Das
ist, angesichts der Spannung zwischen den Sozialpartnern, recht
anspruchsvoll. Zudem gibt es bei den Sozialpartnern Irritationen, ob Merz
das wirklich verlangt hat. Michael Vassiliadis, Chef der Gewerkschaft IG
Bergbau, Chemie, Energie, erklärte im Handelsblatt kühl, er wisse nicht,
„was das Kanzleramt von uns Gewerkschaften am Mittwoch will“.
## Das Programm, das sich Schwarz-Rot vorgenommen hat, ist gewaltig
Viel Lärm um nichts? Man müsse den Gipfel am Mittwoch als Station auf dem
Weg zum nächsten Koalitionsausschuss Anfang Juli sehen, heißt es von
SPD-Seite. Dann wird der Bericht der Rentenkommission vorliegen. Der
Koalitionsausschuss Anfang Juli könne auch länger als einen Tag dauern.
Dann will Schwarz-Rot Nägel mit Köpfen machen.
Den schwarzroten Reformprozess steuert die Gruppe der sogenannten Sherpas:
vier von der Union, zwei von der SPD. Für die Union sind Fraktionschef Jens
Spahn und CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann dabei, zudem
CSU-Innenminister Alexander Dobrindt und Kanzleramtsminister Thorsten Frei,
für die SPD Fraktionschef Matthias Miersch und Björn Böhning,
Staatssekretär im Finanzministerium.
Dass Fraktionschef Spahn und zwei CSU-Leute dabei sind, hat wohl auch mit
dem gescheiterten Koalitionsausschuss in der Villa Borsig zu tun. Dort
glaubte die SPD mit Kanzler Merz einen Deal über eine höhere
Einkommensteuer getroffen zu haben – doch Spahn und die CSU versenkten die
Einigung, die Merz offenbar im eigenen Lager nicht so recht kommuniziert
hatte.
Um so einen Flop zu verhindern, so die Einschätzung der SPD, müsse Spahn in
alles einbezogen sein. Das Vertrauen der SPD-Spitze in die Fähigkeit von
Friedrich Merz und dem Kanzleramt, den Reformprozess effektiv zu
organisieren, hält sich in Grenzen.
Das Programm, das sich Schwarz-Rot vorgenommen hat, ist gewaltig. Zu groß,
warnt der SPD-Bürgermeister von Bremen, Andreas Bovenschulte. Er kritisiert
im Spiegel: „Steuerreform, Gesundheitsreform, Pflege, Rente, Arbeit,
Energie“ das sei „zu viel für die verbleibenden sechs Wochen bis zur
politischen Sommerpause“.
Und: Zusätzlich will Schwarz-Rot auch noch eine Einigung bei der
Schuldenbremse und der Wahlrechtsreform finden.
Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, Handwerk, Handelskammer und
Industrie, sendeten am Dienstag ein freundliches Signal. Man wolle im
Kanzleramt „Klarheit über den zeitlichen Fahrplan für die anstehenden
Reformvorhaben gewinnen“ und werde für „mehr Wettbewerbsfähigkeit“ auch
notwendige Kompromisse“ machen.
„Ich würde mich nicht wundern, wenn das Treffen länger als drei Stunden
dauert“, so SPD-Mann Sebastian Roloff. Ein gemeinsamer Pressetermin ist
nicht geplant, ein Ergebnis auch nicht. Eine Stimmungsaufhellung wäre eine
Überraschung.
10 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Stefan Reinecke
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