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       # taz.de -- Aufarbeitung der NS-Geschichte: Ist das echte Aufklärung oder Schönfärberei?
       
       > Die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte hilft Unternehmen, ihre
       > Vergangenheit aufzuarbeiten. Ist sie unkritisch gegenüber ihren
       > Auftraggebern?
       
   IMG Bild: Theodor Heuss bei seiner Festrede zum 150. Jubiläum von Stahlproduzent Krupp 1961. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach sitzt in der ersten Reihe
       
       Birkenstock hat es getan und die Lufthansa auch, Hugo Boss genauso wie
       Heckler und Koch. [1][Weleda tut es gerade zum zweiten Mal]. Firmen aller
       möglichen Branchen haben die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GuG)
       mit Studien über die eigene Rolle im Nationalsozialismus beauftragt. Keine
       Selbstverständlichkeit angesichts der Tendenz zum Verdrängen. Doch es gibt
       auch Kritik an der GuG, einem Unternehmen, das anderen Unternehmen
       Unternehmensgeschichten verkauft.
       
       Am 10. Juni feiert die GuG ihr „GuGiläum“, wie es in einer Ankündigung
       heißt. Vor 50 Jahren wurde sie im Kölner Institut der deutschen Wirtschaft
       gegründet, dort soll nun auch die Party zum Jahrestag steigen. Damals wie
       heute, sagt Geschäftsführerin Andrea Schneider-Braunberger, „verfolgt die
       GUG den Ansatz, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenzubringen“.
       
       Allein, dass Wirtschaft und Wissenschaft sich bei der GuG so nahe kommen,
       sehen unabhängige Historiker:innen kritisch. „Da wird richtig viel
       Geld gemacht“, sagt etwa der Bochumer Historiker Lutz Budraß, Experte für
       die Geschichte der Lufthansa. Und wenn Firmen viel Geld in die Hand nehmen,
       wollen sie doch wohl auch mitreden bei dem, was im historischen Gutachten
       über die Nazizeit steht.
       
       ## Jahrzehnte des Schönfärbens
       
       Nach dem Untergang der NS-Führung 1945 führte die „Vergangenheitspolitik“
       des CDU-Kanzlers Konrad Adenauer dazu, dass große Teile der Funktionselite
       wieder zurückkehrten auf ihre einstigen Posten in Politik, Verwaltung,
       Wirtschaft und Wissenschaft. In der westdeutschen Öffentlichkeit
       dominierten damals die Opfer- und Entlastungsnarrative, schreibt der
       Unternehmenshistoriker Sebastian Brünger in seinem Buch „[2][Geschichte und
       Gewinn]“ [PDF].
       
       Unternehmen beschäftigten sich damals fast ausschließlich zu Jubiläen mit
       ihrer Geschichte, und das ziemlich schönfärberisch. Als beispielsweise der
       Stahlhersteller Krupp 1961 sein 150. Jubiläum feierte, zahlte man
       Altbundespräsident Theodor Heuss ein sechsstelliges Honorar für eine
       Festrede, in der Heuss die gesamte deutsche Wirtschaft gegen die Vorwürfe
       eines, wie er sagte, „schwer erträglichen Pharisäertums“ in Schutz nahm.
       
       Krupp habe sich in der NS-Kriegswirtschaft nicht anders verhalten als
       ausländische Rüstungsunternehmen. „Die Herstellung von Waffen ist durch die
       Jahrtausende der Menschheitsgeschichte […] ein ganz einfacher historischer
       Tatbestand, den man gewiss bedauern mag“, sagte das frühere
       Staatsoberhaupt. „Aber man schafft ihn damit nicht aus der Welt.“ Business
       as usual also.
       
       In der DDR hingegen wurde aktiv „Betriebsgeschichte“ betrieben, auch um den
       kapitalistischen Klassenfeind zu delegitimieren. Ein Beispiel sind die
       polemischen Bücher des ostdeutschen Historikers Eberhard Czichon über die
       Rolle der deutschen Großindustrie im Nationalsozialismus. Und die Rolle des
       Deutsche-Bank-Managers Hermann Josef Abs. Der zog daraufhin wegen
       Verleumdung vor Gericht.
       
       ## Alle Großen machten mit
       
       Als die GuG am 10. Juni 1976 in Köln gegründet wurde, geschah das auch, um
       der marxistischen Geschichtsschreibung von Czichon und Co. etwas
       entgegenzusetzen. Die Vorstände der Deutschen Bank hatten zuvor andere
       Unternehmen angeschrieben, um sie ins Boot zu holen. Zu den
       GuG-Gründungsmitgliedern gehörten neben der Deutschen Bank schließlich auch
       Daimler-Benz, Henkel, Karstadt, Mannesmann, Bosch, Siemens und viele mehr.
       
       Von Anfang an, schreibt Sebastian Brünger, sei die GuG ein Zwitter gewesen,
       „der verschiedene Interessen zu vereinen suchte.“ Ihre Unabhängigkeit „qua
       Struktur in Frage gestellt.“ Doch auch renommierte
       Wissenschaftler:innen gaben für ein gutes Honorar ihren Namen her. Und
       tun es noch immer.
       
       Als die GuG 1983 von Daimler-Benz beauftragt wurde, anlässlich des 100.
       Geburtstags des Automobils die Rolle der Firma in der NS-Zeit zu
       erforschen, warfen unabhängige Historiker:innen der entsprechenden
       Studie vor, defensiv zu argumentieren und den Einsatz von
       Zwangsarbeiter:innen bei Daimler-Benz zu knapp zu behandeln. 1987 gab
       der Arzt und Historiker Karl Heinz Roth eine Gegenstudie heraus mit dem
       Titel „[3][Das Daimler-Benz-Buch – ein Rüstungskonzern im tausendjährigen
       Reich]“.
       
       Die Unabhängigkeit und Wissenschaftlichkeit der GuG war öffentlich infrage
       gestellt, der Skandal perfekt. Dies elektrisierte den jungen Historiker
       Lutz Budraß, der 1989 zusammen mit Gleichgesinnten den Arbeitskreis
       kritische Unternehmensgeschichte ins Leben rief, eine Gegengründung zur
       GuG. „Wir fanden, dass es sich eingeschlichen hatte, unkritisch und den
       Auftraggebern nach dem Munde zu schreiben“, sagt Budraß heute.
       
       ## Profit gehe über Wissenschaftlichkeit
       
       Der Gegenwind sorgte für eine gewisse Professionalisierung bei der GuG und
       ihren Publikationen. Auch Lutz Budraß erkennt an: „Zwischen 2000 und 2010
       hat die Zeitschrift für Unternehmensgeschichte eine sehr gute Arbeit
       gemacht und war wirklich das Forum für die Fachdebatte.“
       
       Und doch berichten Budraß und andere Unternehmens-historiker:innen, dass
       bei der GuG auch heute die schnelle und einträgliche Produktion zuweilen
       mehr zähle als das wissenschaftliche Ethos. 2012 wurde für die
       kommerziellen Ziele der GuG eine GmbH gleichen Namens gegründet.
       
       GuG-Geschäftsführerin Andrea Schneider-Braunberger sagt auf taz-Anfrage:
       „Der GuG-Standardvertrag mit Auftraggebern beinhaltet immer die
       wissenschaftliche Unabhängigkeit der Autor:innen“. Bei einem Konflikt zu
       wissenschaftlichen Sachfragen sei ein Schiedsgericht vorgesehen, das sich
       aus Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats der GuG zusammensetze.
       „Benötigt wurde es noch nie, was vermutlich mit der Auswahl von
       ausgewiesenen Unternehmenshistoriker:innen als Autor:innen der
       Studien zu tun hat, die meist an Universitäten beschäftigt und für die
       Sachfragen qualifiziert sind.“
       
       Im Fall des Kosmetikherstellers Weleda beispielsweise hat
       Schneider-Braunberger selbst das GuG-Gutachten angefertigt. Ihre Expertise
       liegt eigentlich im Bereich der Bankengeschichte, an einer Universität ist
       sie nicht beschäftigt. Weleda nutzte Schneider-Braunbergers Studie nach
       Veröffentlichung zur [4][Schönfärberei auf der Firmenwebsite]. Nachdem die
       Historikerin Anne Sudrow eine deutlich kritischere, 700-seitige Arbeit zu
       Weledas NS-Verstrickungen vorlegte, beauftragte die anthroposophische Firma
       2025 ein weiteres Gutachten – allerdings wieder bei der GuG.
       
       Auch das Beispiel der Waffenschmiede Heckler und Koch zeigt, dass die
       GuG-Studien den Unternehmen teils zur Schönfärberei dienen. Nach
       Pressevorwürfen im Jahr 2020 sah sich die Rüstungsfirma gezwungen, die
       Rolle des Unternehmsgründers Edmund Heckler in der NS-Zeit untersuchen zu
       lassen. Die GuG-Auftragsstudie unter dem Titel „Waffeningenieure im
       Zwielicht“ [5][wurde 2023 am Firmensitz in Oberndorf am Neckar
       präsentiert], im Beisein von GuG-Geschäftsführerin Andrea
       Schneider-Braunberger.
       
       ## Kategorien der Fünfzigerjahre
       
       „Edmund Heckler war ein Opportunist, der sich mit seinem Fachwissen in den
       Dienst der Kriegsvorbereitung und Kriegswirtschaft stellte“, hieß es im
       Gutachten, fanatische Nationalsozialisten seien aber auch die beiden
       anderen Firmengründer von Heckler und Koch nicht gewesen. Die GuG sah keine
       aktive Beteiligung an NS-Verbrechen.
       
       „Gründer von Heckler & Koch waren in Nazizeiten Mitläufer“, schrieben viele
       Medien nach der Präsentation. Die Leipziger Volkszeitung titelte gar: „Neue
       Erkenntnisse entlasten Gründer von Waffenhersteller Heckler und Koch“.
       
       Diese Deutung kam der Unternehmensspitze entgegen. Jens Bodo Koch und
       Mitvorstand Björn Krönert sagten: „Die Untersuchungen waren langwierig und
       umfangreich, und jetzt haben wir volle Transparenz und unabhängig
       erarbeitete Forschungsergebnisse.“
       
       Martin Clemens Winter, Historiker an der Universität Leipzig, widersprach
       aber: „[6][Das ist kein angemessener Umgang mit den Erkenntnissen der
       Studie].“ In der Unternehmenskommunikation Heckler und Kochs habe er nicht
       feststellen können, „dass man das Leid anerkennt. Auch wird der deutsche
       Vernichtungskrieg nicht problematisiert.“ Man fühle sich in die
       Fünfzigerjahre versetzt.
       
       ## Von Entlastung könne nicht die Rede sein
       
       Der Begriff „Mitläufer“ tauge nicht für eine historische Bewertung, so der
       Historiker, sondern stamme aus den Akten der „Entnazifizierung“. In den
       drei Westzonen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als die Hälfte der
       Geprüften als „Mitläufer“ eingestuft, bei weiteren 35 Prozent das Verfahren
       eingestellt. Heute, sagte Winter, wirke die Idee des „Mitläufers“ wie ein
       Entlastungsmechanismus.
       
       Schon bei ihrer Gründung vor 50 Jahren sei sie ein „Entlastungsvehikel“ der
       deutschen Wirtschaft gewesen, schrieb der Historiker Sebastian Brünger
       einmal über die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte.
       
       10 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Kooperation-mit-Konzenentrationslagern/!6110196
   DIR [2] https://zeitgeschichte-digital.de/doks/frontdoor/deliver/index/docId/2354/file/bruenger_geschichte_und_gewinn_2017_de.pdf
   DIR [3] /Daimler-Der-gute-Stern-der-Nazis/!1867576/
   DIR [4] https://www.weleda.de/weleda/ueber-uns/weleda-zwischen-1933-und-1945?srsltid=AfmBOopwPLnPWescljYUuTSx_AI9gQ-jmzq46RzlRnbxc_P_uzSu9MnK
   DIR [5] https://www.spiegel.de/geschichte/ns-vergangenheit-von-heckler-und-koch-historiker-sieht-gruender-nicht-entlastet-a-5b9e2f98-2fc9-4734-b357-75874b7e9ee9
   DIR [6] https://www.spiegel.de/geschichte/ns-vergangenheit-von-heckler-und-koch-historiker-sieht-gruender-nicht-entlastet-a-5b9e2f98-2fc9-4734-b357-75874b7e9ee9
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Stefan Hunglinger
       
       ## TAGS
       
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