# taz.de -- Allianz im Norden Europas: Selenskyj zu Besuch bei Freunden im Krieg
> Die Ukraine ist längst kein Bittsteller mehr in Europa. Für die
> baltischen und nordischen Staaten ist klar: Kyjiw muss Teil der EU und
> der Nato werden.
IMG Bild: Treffen der Ministerpräsident:innen der nordisch-baltischen Zusammenarbeit (NB8) in Tallinn, am 9. 6. 2026
Dieses Treffen ist so etwas wie ein Heimspiel für Wolodymyr Selenskyj. Der
ukrainische Präsident ist am Dienstag nach Tallinn zum Treffen der
Regierungschefs der baltischen und nordischen Staaten gereist. Es gibt
etliche Umarmungen, überall freundliche Gesichter, Zeichen der Freundschaft
im Krieg. Die Menschen auf Tallinns Straßen winken dem ukrainischen Konvoi
zu, als Selenskyj zur Pressekonferenz am Hafen chauffiert wird, es wird
gefilmt und fotografiert. Solidarität mit der Ukraine ist hier keine hohle
Phrase.
Estland hat in diesem Jahr den Vorsitz des sogenannten NB8-Formates inne.
Zu dieser Gruppe zählen die drei baltischen Länder sowie Finnland,
Norwegen, Dänemark, Schweden und Island.
Kristen Michal, estnischer Premierminister, lässt keinen Zweifel an der
„engen Freundschaft“ des Gremiums mit der Ukraine. „Russland wird diesen
Krieg nicht gewinnen. Die russischen Attacken sind grausam und nicht
akzeptabel“, sagte Michal. Und auch das macht er unmissverständlich klar:
Die Ukraine gehöre zur EU und zur Nato. Die Ukraine mache Europa sicherer.
Selenskyj setzt auf mehr Luftverteidigung und darauf, dass bald das nächste
Kapitel für einen EU-Beitritt eröffnet wird. Glaubt man dem estnischen
Außenminister Margus Tsahkna, dann soll dies bereits in diesem Monat
passieren.
## Sicherheitsexpert:innen sprechen von einer neuen Phase des
Kriegsgeschehens
Es ist eine besondere Allianz, die das Gremium mit der Ukraine vereint –
spätestens seit Beginn der [1][russischen Vollinvasion in der Ukraine im
Februar 2022]: die Nähe zu Russland und Belarus und die damit verbundene
Bedrohungslage für die Region. Laut Michal haben allein die nordischen und
baltischen Staaten die Ukraine seit Kriegsbeginn mit rund 42 Milliarden
Euro unterstützt. Selenskyj muss in Tallinn nicht um Aufmerksamkeit für den
Ernst der Lage betteln. Mit Finnland vereinbart er einen Drohnendeal. Bei
den Schweden geht es um Kampfjets, bei allen Verbündeten um Sicherheit.
[2][Mehr als vier Jahre dauert der Krieg nun an],
Sicherheitsexpert:innen sprechen von einer neuen Phase des
Kriegsgeschehens, das von elektronischer Kriegsführung dominiert wird. Zur
akuten Bedrohung sind in den vergangenen Wochen etliche Drohnensichtungen
in den Staaten der Allianz geworden. Erst am Montag musste ein solches
ausländisches Flugobjekt von französischen Nato-Kampfjets über Lettland
abgeschossen werden, am 19. Mai gab es den ersten Abschuss im estnischen
Luftraum. In der litauischen Hauptstadt Vilnius wurde im Mai Luftalarm
ausgelöst, da eine Gefahr durch Drohnen erkannt worden war. Noch laufen
Untersuchungen in allen genannten Fällen, aber sowohl Militärs als auch
Sicherheitsexpert:innen sind sich sicher, dass die russischen
Streitkräfte die Flugbahn ukrainischer Drohnen stören, die Ziele in
Russland ansteuern. Das Ziel: Sie sollen vom Weg abkommen und auf
Nato-Territorium landen.
Und das Streuen falscher Narrative. So mussten die Staatschefs der drei
baltischen Staaten in den vergangenen Wochen scharf zurückweisen, dass die
Ukraine ihren Luftraum für den Überflug von Drohnen Richtung Russland
nutzt. Selenskyj bot in Tallinn erneut allen Verbündeten an, ukrainische
Drohnenexperten in die betroffenen Länder zu schicken. Der neue lettische
Staatschef Andris Kulbergs lobte ein „historisches“ Abkommen mit der
Ukraine zu Antidrohnensystemen.
Entscheidend ist derzeit auch, ob es eine Chance für Verhandlungen über
einen Waffenstillstand mit Russland gibt. Die Ukraine hat in den
vergangenen Wochen erfolgreich russische Industrieanlagen getroffen.
Militärisch und auch wirtschaftlich setzen die ukrainischen Streitkräfte
damit den Kreml enorm unter Druck. Doch reicht das für ernste Verhandlungen
auf Augenhöhe? Zugleich intensiviert Russland Angriffe auf die Bevölkerung
und zivile Ziele. Am Sonntag traf sich Selenskyj mit dem britischen Premier
Keir Starmer, mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem
deutschen Kanzler Friedrich Merz zum sogenannten E3-Format in London. Zum
Abschluss des Treffens wurde ein Fahrplan für einen möglichen
Waffenstillstand oder Frieden veröffentlicht, den der Kreml aber ablehnt.
Kritik an dem Treffen und dem Alleingang Großbritanniens, Frankreichs und
Deutschlands kam aus Polen. „Wir sind kein Vermittler zwischen der Ukraine
und Russland und sollten auch nicht versuchen, dies zu sein“, sagte der
polnische Außenminister Radosław Sikorski der taz in Warschau. „Wir sind
nicht neutral, wenn Russland uns weiterhin bedroht.“ Wenn der russische
Präsident Putin verhandeln wolle, solle er direkt mit der Ukraine
verhandeln. So geschehe es auch bereits beim Austausch von
Kriegsgefangenen. „Er erkennt damit die Ukraine als legitimen Staat an. Er
hat die Nummer von Präsident Selenskyj und sollte ihn direkt anrufen“,
sagte Sikorski.
Estlands Premier Michal betonte in Tallinn: „Dinge, die die Ukraine
betreffen, sollte die Ukraine entscheiden.“ Der ukrainische Präsident
Selenskyj sieht nicht, dass die EU vermitteln kann. „Wir akzeptieren keine
Verhandlungen ohne uns.“ Die NB8 wissen, wie die Sicherheitslage in ihren
Ländern ist – und setzen auf militärische Zusammenarbeit mit der Ukraine
und auf Diplomatie. Beim EU-Beitritt soll es vorangehen. Außerdem wird das
nächste Sanktionspaket gegen Russland kommen. Mehr Druck gegen die
russischen Schattenflotten, keine Schlupflöcher für den Warenexport.
Verhandlungen mit dem russischen Aggressor stehen nicht an erster Stelle
der politischen Agenda. Zumindest nicht in dieser Phase des Krieges.
9 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Tanja Tricarico
DIR Anna Lehmann
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