# taz.de -- Vorwürfe der sexualisierten Gewalt: Internationaler Gerichtshof suspendiert Chefankläger
> Karim Khan soll einer Mitarbeiterin sexualisierte Gewalt angetan haben
> und muss sein Amt vorerst ruhen lassen. Er selbst spricht von einer
> Kampagne.
IMG Bild: Karim Khan, Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC), am 16. Januar 2025 in Den Haag, Niederlande
Karim Khan sollte die Verbrecher der Welt vor Gericht bringen. Nun sieht er
sich selbst mit Vorwürfen konfrontiert und wurde vom Dienst suspendiert. Es
geht um mutmaßliche sexualisierte Gewalt. Und eine Frage schwebt über
allem: Ist er Opfer einer Kampagne, Täter – oder beides?
Als er 2021 sein Amt als Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshof
(IStGH) antrat, wollte Karim Khan dem Gerichtshof zu neuem Schwung
verhelfen. Er hatte zuvor ein Team geleitet, das Verstöße des Islamischen
Staats untersuchte, war Ankläger bei den UN-Tribunalen, die sich mit den
Kriegsverbrechen in Ruanda und Ex-Jugoslawien beschäftigten.
Der britische Jurist mit pakistanischen Wurzeln galt als rhetorisch
brillant, als scharfer Denker. Vor allem aber als mutig. Der Aufgaben, für
die es Mut brauchte, gab es einige. Zum Beispiel stellte sich die Frage,
wie sich der Strafgerichtshof in Bezug auf Israel/Palästina verhalten
sollte. 2021 hatte die Vorverfahrenskammer des IStGH entschieden, dass sich
dessen Gerichtsbarkeit auch auf die seit 1967 von Israel besetzten Gebiete
– das Westjordanland, Ostjerusalem und den Gazastreifen – erstreckt. Und so
stellt Khan nicht nur 2023 einen Haftbefehl gegen Wladimir Putin aus,
sondern beantragt ein Jahr später, im Mai 2024, ebenfalls Haftbefehl gegen
die Hamas-Anführer Jahia Sinwar, Mohammed Deif und Ismail Hanijeh. Was mehr
Wirbel verursacht: Er beantragt auch Haftbefehl gegen den damaligen
israelischen Verteidigungsminister Joaw Galant – und Regierungschef
Benjamin Netanjahu.
Spätestens an dieser Stelle wird die Geschichte unübersichtlich. Denn im
Oktober 2024 – einen Monat, bevor der Haftbefehl gegen Netanjahu dann
tatsächlich erlassen wird – werden Vorwürfe gegen Khan öffentlich. Er soll
eine enge Mitarbeiterin mehrfach und über einen längeren Zeitraum hinweg
bedrängt und zu sexuellen Handlungen gezwungen haben.
Wenig überraschend sind die Reaktionen von Khan und Netanjahu. Khan weist
die Anschuldigungen von sich, aber [1][pausiert freiwillig vom Amt].
Netanjahu seinerseits bezeichnet Khan als „größten Antisemiten der
Moderne“. So weit, so klar. Doch einige vermuten eine konzertierte Aktion
hinter den Vorwürfen gegen Khan. Sie verweisen auf den zeitlichen
Zusammenhang zwischen dem Haftbefehl und den Anschuldigungen. [2][Bereits
Jahre zuvor sollen israelische Geheimdienste laut Recherchen der
israelischen Magazine +972, local call und dem britischen Guardian ] mit
einer Überwachungskampagne begonnen haben. Sie richtete sich gegen Khan und
dessen Vorgängerin Fatou Bensouda – inklusive Drohungen, dass die
Chefankläger ihre Ermittlungen nicht weiterverfolgen. Khan berichtete
außerdem von Drohungen gegen seine Familie, die USA verhängten Sanktionen
gegen den Juristen.
Im November 2025 erschien im [3][Guardian ein Text], in dem es heißt, zwei
private Sicherheitsdienste mit Sitz in London von Katar seien beauftragt
worden, Informationen über die Frau zu sammeln, die die Vorwürfe
vorgebracht hat, in dem Versuch, ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern und
damit Khan zu entlasten. Dabei soll es auch darum gegangen sein,
Verbindungen zwischen der Frau und Israel zu finden – laut Guardian wohl
vergeblich.
Eine interne, bisher nicht veröffentlichte Untersuchung einer
Aufsichtsstelle der UN kam laut Guardian zu dem Ergebnis, dass Khan kein
Fehlverhalten vorzuwerfen sei. Die endgültige Entscheidung steht allerdings
noch aus, bis dahin ist Khan vom Dienst suspendiert.
9 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Internationaler-Strafgerichtshof-/!6088839
DIR [2] /Berichte-ueber-jahrelange-Ueberwachung/!6010426
DIR [3] https://www.theguardian.com/law/2025/nov/06/qatar-linked-intelligence-operation-targeted-icc-prosecutor-karim-khan-alleged-victim
## AUTOREN
DIR Judith Poppe
## TAGS
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DIR Schwerpunkt Nahost-Konflikt
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DIR Israel
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