# taz.de -- Nordirland: Rassistische Krawalle nach Messerangriff in Belfast
> Am Dienstag ging ein Video von einem brutalen Messerangriff eines
> Asylbewerbers viral. Nun setzten Rechtsextreme Autos und Gebäude in
> Brand.
IMG Bild: In der Lendrick-Street in Belfast brennen in Brand gesetzte Autos und Häuser
Es war ein frommer Wunsch: Die nordirische Polizei sowie Politiker in
Belfast und London hatten dazu aufgerufen, Ruhe zu bewahren, nachdem ein
30-jähriger Sudaner am Dienstag kurz vor Mitternacht einen Schotten in den
Vierzigern mit Hörproblemen in Nordbelfast mit einem Messer
lebensgefährlich verletzt hat. Der Täter wurde von Passanten überwältigt
und festgehalten, bis die Polizei eintraf. Das Opfer verlor bei dem Angriff
sein rechtes Auge.
[1][Rechte Organisationen und ausländerfeindliche Gruppen ließen sich die
Gelegenheit nicht entgehen], gegen die Immigrationspolitik der Regierung zu
demonstrieren. Und dabei blieb es nicht. Es kam in den
protestantisch-unionistischen Vierteln Belfasts zu schweren Krawallen.
Viele Straßen wurden von Gruppen maskierter Demonstranten blockiert, Busse,
Autos und sogar Gebäude gingen in Belfast und anderen nordirischen Städten
in Flammen auf. Der gesamte Verkehr von und nach Belfast wurde eingestellt.
Bewohner mussten von der Feuerwehr aus brennenden Häusern geholt werden.
[2][Nordirlands] Ministerpräsidentin Michelle O’Neill von Sinn Féin
bezeichnete die Gewaltszenen in Nordirland als „reines Rowdytum“. Sie
sagte: „Der Anschlag war abscheulich und verwerflich. Es gibt jedoch
gefährliche Versuche, dies auszunutzen, um unschuldige Menschen ins Visier
zu nehmen und anzugreifen, die hier lediglich versuchen, zu leben, zu
arbeiten und ihre Familien großzuziehen.“
Das Video, das Augenzeugen von der äußerst brutalen Attacke gemacht hatten,
wurde von dem britischen Rechtsextremen Tommy Robinson auf Elon Musks
Plattform X geteilt und hatte in Windeseile mehr als 50.000 Aufrufe.
Robinson war gerade von einem Treffen mit Musks Vater in einem Moskauer
Luxus-Hotel zurückgekehrt. X versah das Video schließlich mit
Altersbeschränkungen und einer Warnung, doch unzensierte Versionen sind auf
der Plattform nach wie vor leicht zu finden.
## Rechtsextreme: Weiße Männer müssen „kampfbereit“ sein
Robinsons Kumpan, der rechte polnische Europaabgeordnete Dominik
Tarczyński, forderte auf X: „Massenabschiebungen JETZT!“ Sogenannte Active
Clubs – rechtsextreme Gruppierungen, die sich als Sportvereine tarnen –
haben die Attacke genutzt, um ihre Botschaft zu verbreiten, dass junge
weiße Männer „kampfbereit“ sein müssen.
Ihre Gesinnungsbrüder aus der Republik Irland haben in den sozialen Medien
die Nachricht verbreitet, dass der tatverdächtige Sudaner aus Frankreich
nach Dublin und im Februar 2023 weiter nach Belfast gereist sei, wo er
internationalen Schutz beantragt habe. Der Asylantrag sei genehmigt worden,
er habe eine Aufenthaltsgenehmigung bis 2028. Nun wird er länger bleiben
müssen: Am Mittwochmorgen ist Anklage gegen ihn wegen Mordversuchs erhoben
worden.
Nordirische unionistische Politiker, einige Tories und natürlich Nigel
Farages rechtsextreme Partei Reform UK stellten wegen der Einreise des
Tatverdächtigen aus Dublin wieder mal die offene Grenze zwischen beiden
Teilen Irlands infrage. Farage wurde von Rupert Lowe, seinem Rivalen auf
der rechten Seite, noch übertrumpft. „Politiker von Reform haben dieses
Monster in unser Land gelassen“, twitterte der Vorsitzende von Restore
Britain in einer Anspielung auf zwei von Farages Neuzugängen, die
ehemaligen Tory-Minister*innen Suella Braverman und Robert Jenrick.
## Polizei fürchtet Ausbreitung der Unruhen
Die Polizei fürchtet, dass sich die Unruhen wie vor zwei Jahren weiter
ausbreiten könnten. Im August 2024 war es zu tagelangen Gewaltorgien
gekommen, ausgelöst von einem Amoklauf im nordwestenglischen Southport, bei
dem drei Mädchen von einem Jugendlichen mit Migrationshintergrund erstochen
und weitere Kinder teils schwer verletzt wurden. Die Randale der Rechten
richtete sich in Belfast vor allem gegen muslimische Geschäfte. Dabei haben
gerade mal 3,4 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, nur
0,25 Prozent sind Asylbewerber.
Fast die Hälfte der damals festgenommenen Randalierer, die angeblich
einheimische Frauen und Mädchen schützen wollten, war aufgrund von Anzeigen
wegen häuslicher Gewalt aktenkundig.
Für die nächsten Tage ist in der gesamten Krisenprovinz eine verstärkte
Polizeipräsenz geplant, die nordirische Polizei hat Hilfsangebote von
anderen Polizeibehörden im Vereinigten Königreich erhalten. Die Polizei der
Republik Irland arbeitet mit den nordirischen Kollegen zusammen, um
rechtsextreme Agitatoren zu identifizieren, die aus der Republik in den
Norden reisen.
10 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Ralf Sotscheck
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