URI: 
       # taz.de -- Vor Beginn der Fußball-WM: Turnier der Schikanen
       
       > Das US-Grenzregime verzerrt den Wettbewerb. Irans Team darf nur an
       > Spieltagen zu Stippvisiten ins Land, andere dürfen erst mit Verspätung
       > einreisen.
       
   IMG Bild: Aymen Hussein schoss Irak gegen Bolivien zur WM und durfte erst nach sieben Stunden Verhör in die USA einreisen
       
       Wie oft schon ist die Macht dieses Spiels beschworen worden. Und manche
       sind dieser Tage schon aus Routinegründen versucht, es wieder zu tun. Wenn
       am Donnerstag in Mexiko-Stadt im Aztekenstadion das WM-Eröffnungsspiel
       zwischen Mexiko und Südafrika um 13 Uhr angepfiffen wird, so lautet die
       wohlbekannte Prognose, setzt wie immer die kollektive Amnesie ein.
       
       Kaum bewegt sich der Ball auf dieser großen Bühne, treten all die Probleme,
       die vorher alle im Kontext der WM bewegt haben, in den Hintergrund. Trump,
       Rassismus, [1][Menschenrechte,] Einwanderungspolitik, Irankrieg,
       [2][Klimakrise], Unkosten, Ticketpreise …
       
       Doch diese Gewissheit trägt nicht mehr. In den vergangenen Tagen und Wochen
       beginnt sich nämlich Grundlegendes zu verändern. An der Integrität des
       Spiels selbst wird gekratzt. Allzu sehr hat sich die Fifa zum willfährigen
       Diener seines Hauptgastgebers USA gemacht. Die leichten, feinen Risse sind
       eigentlich kaum zu übersehen, auch wenn viele genau dies mit aller Kraft
       versuchen.
       
       Die Schweiz fliegt kurzfristig ohne Breel Embolo ab, hieß es vor gut acht
       Tagen. Kurzfristig sei dessen elektronische Einreiseerlaubnis (Esta) für
       ungültig erklärt worden. Grund dafür war offenbar ein kürzlich
       abgeschlossener Rechtsstreit, dessen Ursprung über sieben Jahre
       zurückliegt.
       
       Ein Problem war das letztlich dann doch nicht. Embolo durfte ein paar Tage
       später nachkommen. Doch in der entscheidenden Vorbereitungsphase mussten
       die Schweizer aufgrund der restriktiven Kontrollen ohne ihren Stammstürmer
       trainieren, ohne ihn ihr letztes Testspiel bestreiten.
       
       Man stelle sich nur die Aufregung vor, die DFB-Elf hätte die vergangenen
       Tage wegen der US-Behörden auf Kai Havertz verzichten müssen. Vermutlich
       wäre die Größe des Wettbewerbsnachteils rauf- und runterdiskutiert worden.
       Die Schweizer Funktionäre blieben handzahm. Protestbekundungen wurden weder
       bei der in der Schweiz beheimateten Fifa noch bei den US-Behörden
       hinterlegt.
       
       ## Schikanen auch im Turnier
       
       Um wie viel strapaziöser diese WM [3][für die iranische Nationalmannschaft]
       im Vergleich zu ihren Konkurrenten ausfallen wird, darüber wird ebenfalls
       erstaunlich wenig gesprochen. Das WM-Quartier musste das Team kurzerhand
       nach Mexiko verlegen, weil sie bei ihrem Kriegsgegner und WM-Gastgeber USA
       nicht erwünscht waren.
       
       Allein das ist ein einmaliger Vorgang. Zwei geplante Testspiele mussten
       wegen dieses Umzugs bereits abgesagt werden. Doch die Schikanen, die
       unmittelbaren Einfluss auf den Wettbewerb haben, ragen auch ins Turnier
       hinein. Zu ihren zwei WM-Spielen im zumindest grenznahen Los Angeles müssen
       die Iraner nun eine etwas längere Anfahrt hinnehmen.
       
       Kompliziert wird insbesondere das dritte Gruppenspiel in Seattle, im Norden
       der USA, weil nach den Regeln des Gastgebers dem iranischen Team nach
       Abpfiff nur zwei Stunden Zeit bleiben, das Land zu verlassen. All diese
       schwierigen Rahmenbedingungen haben im Hochleistungssport unbestreitbaren
       Einfluss auf die Ergebnisse. US-Präsident Trump hat ohnehin vor einigen
       Wochen den iranischen Spielern geraten, aus Sicherheitsgründen besser erst
       gar nicht anzutreten.
       
       ## Fehlende Unterstützung
       
       Etwas schwieriger zu bemessen ist der sportliche Nachteil, den Länder wie
       Iran, Haiti, Senegal oder die Elfenbeinküste haben, weil ihre heimischen
       Fans nicht in die USA einreisen dürfen und sie die einzigen WM-Teilnehmer
       sind, denen es an solcher Unterstützung von den Rängen fehlt.
       
       Schulterzuckend hat die Fifa Anfang dieser Woche hingenommen, dass [4][der
       Somalier Omar Artan,] Afrikas Schiedsrichter des Jahres 2025, von den
       US-Behörden nach elf Stunden Verhör wieder heimgeschickt wurde. Mit ihrer
       Allmacht hat die Fifa bei vergangenen Turnieren spielend leicht die
       Steuergesetze eines jeden WM-Gastgebers außer Kraft gesetzt, um die eigene
       Wirtschaftskraft zu stärken. Rekordgewinne visiert der Weltverband auch bei
       diesem Turnier an, er macht jetzt nur noch seine Spielwiese für autoritäre
       Staaten attraktiver. Wenn die Trump-Regierung nun mal keine Somalier mag,
       verzichtet man eben auf Qualität und Diversität im Schiedsrichteraufgebot.
       
       Der irakische Nationalspieler Aymen Hussein, der sein Team im
       entscheidenden Playoff-Spiel gegen Bolivien zur WM schoss, wurde nach
       sieben Stunden Verhör immerhin doch ins Land gelassen. Ob sich die Fifa im
       Zweifelsfall für den 30-jährigen Stürmer eingesetzt hätte, dessen kann sich
       keiner mehr sicher sein. Noch nie hat die politische Lage so unmittelbaren
       Einfluss auf das Spiel selbst genommen. Dazu wird laut geschwiegen.
       
       All das ist möglich, weil es um Irak, Iran, Somalia und die Schweiz geht.
       Auf den Tippzetteln, wer denn am 19. Juli Weltmeister wird, spielen diese
       Teams keine Rolle. Aber dieser mantrahaft beschworene Satz stimmt nicht
       mehr. Die Verwerfungen vor einem Turnier verschwinden nicht mehr mit dem
       Anpfiff. Sie werden dieses Mal auf dem Rasen zu sehen sein.
       
       11 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Vor-der-Fussball-WM-in-den-USA/!6174618
   DIR [2] /Das-taz-Klima-Update/!6182868
   DIR [3] /Iran-und-die-Fussball-WM/!6164474
   DIR [4] /WM-Verbot-fuer-somalischen-Schiri/!6185854
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Johannes Kopp
       
       ## TAGS
       
   DIR Fußball-WM
   DIR Schwerpunkt Iran-Krieg
   DIR Einreise
   DIR GNS
   DIR Fußball-WM
   DIR Fußball-WM
   DIR Fußball-WM
   DIR Fußball-WM
   DIR Fußball-WM
   DIR American Pie
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Nach dem WM-Aus Irans: Verzerrter Wettbewerb
       
       Noch nie hat ein WM-Gastgeber so schamlos in das sportliche Geschehen
       eingegriffen wie die USA. In Irans Team beklagt man fehlende Fairness.
       
   DIR Aymen Hussein: Eine besondere Geschichte
       
       Iraks Stürmer Aymen Hussein blickt mit seinen 30 Jahren auf einen
       unglaublichen WM-Start zurück. Sein Leben erscheint wie ein tragisches
       Märchen.
       
   DIR Haitis Nationalmannschaft bei der WM: All-Star-Team in der Diaspora
       
       Zum ersten Mal seit 1974 ist Haiti bei einer WM dabei. Nur einer der
       Spieler lebt tatsächlich dort. Die WM ändert das Bild der Haitianer in den
       USA.
       
   DIR WM-Verbot für somalischen Schiri: Die Oberschiedsrichter
       
       Die US-Behörden verweigern dem somalischen WM-Schiedsrichter Omar Artan die
       Einreise. Die Fifa schwärmt weiter vom inklusivsten Turnier aller Zeiten.
       
   DIR Vor Fußball-WM in den USA: „Wir erleben einen Menschenrechtsnotstand“
       
       Human Rights Watch und Amnesty International fordern: Die Fifa muss sich
       für eine „ICE-Waffenruhe“ während der WM einsetzen.
       
   DIR Vor der Fußball-WM 2026: Bedingt willkommen
       
       Die Präsidenten der USA und der Fifa präsentieren die Einreisebestimmungen
       für Fans zum Turnier. Das Ticket berechtigt nicht automatisch zur Einreise.