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       # taz.de -- Serie „Proud“ aus Polen: Vom Clubkid zum Ersatzpapa
       
       > „Proud“ ist die erste polnische Serie mit schwulem Protagonisten. Seine
       > Geschichte wird mit beeindruckender Menschlichkeit und visueller Kraft
       > erzählt.
       
   IMG Bild: Filip übernimmt völlig unvorbereitet die Verantwortung für seine kleine Nichte
       
       In den vergangenen Jahren schienen schwule Serien vor allem dann große
       Aufmerksamkeit zu bekommen, wenn ihre Geschichten größer waren als das
       Leben selbst. Allen voran Ryan Murphy, einer der einflussreichsten
       Serienschöpfer der Gegenwart, kultivierte diesen Ansatz zu einer eigenen
       Kunstform: In „Hollywood“, „Halston“ oder „The Politician“ bewegen sich
       schwule Figuren durch Welten voller Glamour und in grellen Farben
       inszenierter Melodramatik. Doch auch das kürzlich so überaus erfolgreiche
       [1][„Heated Rivalry“] bedient letztlich eine überlebensgroße romantische
       Fantasie.
       
       Anders ausgedrückt: Zumindest im Streaming-Bereich wurden queere
       Geschichten zuletzt häufig als Wunschbilder erzählt, handelten von
       außergewöhnlichen Menschen oder den wirklich ganz großen Gefühlen.
       
       Allein schon vor diesem Hintergrund wirkt „Proud“ wie ein überaus
       wohltuender Gegenentwurf, wie ein Ausbruch aus aktuellen queeren
       Erzähltrends. Denn Karol Klementewicz, der die Serie inszenierte und
       gemeinsam mit Monika Pęcikiewicz das Drehbuch verfasste, wagt sich
       tatsächlich an die Widrigkeiten des wahren Lebens, seine schmerzhaften
       Fragen, und findet ausgerechnet dort umso schönere Antworten.
       
       ## Das Leben als Fiebertraum
       
       Dabei scheint der Protagonist Filip (Ignacy Liss) anfangs selbst so, als
       hätte er sich in einem schwulen Fiebertraum eingerichtet. Er ist jung,
       attraktiv, arbeitet als Model und bewegt sich durch eine Welt aus
       exzessiven Partys und unverbindlichem Sex. In einer der ersten Szenen
       erscheint er in roter Lederjacke zu einem Casting, streicht sich kurz zuvor
       noch Kokain über das Zahnfleisch und verschwindet wenig später wieder im
       pulsierenden Nachtleben.
       
       Karol Klementewicz inszeniert Filips Bewegungen mit bemerkenswerter
       Sinnlichkeit und visueller Präzision, verweigert sich etwa jedem
       verschämten Wegblenden. Zu einer verlangsamten Coverversion von Britney
       Spears’ „Toxic“ gleitet die virtuose Kamera von Weronika Bilska durch rot
       ausgeleuchtete Clubräume, verliert sich in Blicken, Berührungen und
       flüchtigen Begegnungen. Musik und Bildgestaltung greifen dabei so kunstvoll
       ineinander, dass die ersten Minuten wie ein hypnotisches Musikvideo wirken.
       
       Es ist eine Welt aus Verführung und Selbstvergessenheit, die Filip mit
       sichtbarer Lust auskostet – und ihr Reiz überträgt sich ganz unmittelbar.
       Gemütlich macht es sich die Serie in dieser berauschenden Ästhetik
       allerdings nicht, denn hinter der oberflächlichen Freiheit verbirgt sich
       von Beginn an auch eine Geschichte über Verantwortung und persönliche
       Veränderung.
       
       ## Kein moralisches Läuterungsdrama
       
       Mit einem schnellen Schnitt holt die Serie ihren Protagonisten prompt
       zurück in den Alltag: Als Filip nach einer durchfeierten Nacht mit mehreren
       Männern im Bett liegt, reißt seine Schwester Anna (Sylwia Boroń)
       unversehens den Vorhang auf. Über den Besuch ist sie nicht empört – über
       den Müll, die herumliegende Wäsche und den Zigarettengeruch in der Wohnung,
       in der auch ihre kleine Tochter Tasia lebt, allerdings schon.
       
       Was hier noch wie ein beiläufiger Konflikt des geschwisterlichen
       Zusammenlebens erscheint, erweist sich schließlich als Vorbote einer
       existenziellen Erschütterung: Anna stirbt wenig später, und da Tasias
       leiblicher Vater kein Interesse an seiner Tochter zeigt, nimmt sich Filip
       selbst seiner Nichte an, um sie vor der Unterbringung in einem Heim zu
       bewahren.
       
       „Proud“ verwandelt sich damit aber keineswegs in ein moralisches
       Läuterungsdrama. Karol Klementewicz interessiert sich nicht für die
       Aburteilung eines hedonistischen Lebensstils, sondern für die Möglichkeit,
       über sich selbst hinauszuwachsen, wenn es sein muss – und erzählt dies
       nicht etwa als schnöde Optimierungsgeschichte, sondern als mühsamen und
       mitunter widersprüchlichen Prozess.
       
       Die klugen menschlichen Beobachtungen der Serie finden sich dabei auch in
       der Zeichnung jener Wahlfamilie, die Filip im Laufe der Handlung zur Seite
       steht. In Kiki (Maria Sobocińska) etwa, die ihre Tochter als Teenager
       allein großziehen musste und deren Warmherzigkeit stets von einer gesunden
       „No Bullshit“-Haltung begleitet wird – oder Olek (Kamil Studnicki), der
       sich in Filip verliebt hat, ihn immer wieder unterstützt und zugleich
       lernen muss, sich von dessen Strahlkraft zu emanzipieren.
       
       ## Politikum wider Willen
       
       Die Geborgenheit, die Filip in dieser Wahlfamilie findet, schützt ihn
       allerdings nicht vor den Realitäten des Landes, in dem er lebt. Als er
       versucht, dauerhaft Verantwortung für Tasia zu übernehmen, stößt er an
       institutionelle Grenzen, die seine Sexualität eben doch [2][zu einem
       politischen Thema machen]. Damit wird auch „Proud“ unweigerlich zu einer
       Geschichte mit gesellschaftlicher Relevanz – umso mehr, als es sich um die
       erste große polnische Serie mit einem schwulen Protagonisten handelt.
       
       Im Gespräch mit der taz erklärt Karol Klementewicz, die Serie sei auch aus
       „Wut über die Situation queerer Menschen“ entstanden – und über die
       Heuchelei einer Welt, die sich gern als tolerant und inklusiv begreift,
       jedoch noch immer ausgrenzt, urteilt und Chancen ungleich verteilt. Auch
       Produzent Bogumił Lipski betont, queere Menschen würden in Polen – das noch
       vor wenigen Jahren mit sogenannten [3][„LGBT-freien Zonen“] für Aufsehen
       sorgte – weiterhin zu Feindbildern stilisiert, um Wählergruppen zu
       mobilisieren.
       
       Dabei verstehen beide „Proud“ ausdrücklich nicht als Provokation. Dass die
       Serie dennoch Debatten auslösen dürfte, daran hat Lipski, der „Proud“
       zunächst als unabhängiger Produzent entwickelte und mittlerweile die
       polnischen Originalproduktionen von HBO Max verantwortet, keine Zweifel. Er
       verweist auf den aufgeheizten gesellschaftlichen Kontext, in dem die Serie
       erscheint.
       
       Als Beispiel nennt Lipski ein erst Ende Mai vom Parlament verabschiedetes
       Gesetz, das auch gleichgeschlechtlichen Paaren bestimmte Rechte einräumen
       würde. [4][Präsident Karol Nawrocki] kündigte jedoch umgehend an, die
       Regelung nicht unterzeichnen zu wollen.
       
       ## Keine Empowerment-Plattitüden
       
       Umso mehr hofft Lipski, dass die Diskussionen, die „Proud“ womöglich
       auslöst, respektvoll und vernünftig geführt werden. Ähnlich sieht es auch
       Klementewicz: „Ich erzähle nur eine Geschichte. Wenn die Serie eine Debatte
       anstößt, umso besser. Miteinander zu sprechen ist wichtig, miteinander zu
       sprechen lohnt sich.“
       
       Nicht zuletzt das macht „Proud“ so außergewöhnlich: Obwohl die Serie in
       einem hochpolitisierten Umfeld erscheint, verweigert sie sich konsequent
       abgedroschenen Empowerment-Plattitüden, gutgemeinten Botschaften und
       platten Symbolfiguren, sucht eben nicht den schnellen Beifall für die
       richtige Haltung, sondern lässt menschliche Widersprüche zu und schafft
       dadurch eine umso kraftvollere Erzählung.
       
       Beim wichtigsten Serienfestival Europas, der „Series Mania“ in Frankreich,
       wurde „Proud“ bereits mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Verdient wäre es
       allemal, wenn dieser Erfolg weit über Lille hinausreicht. Denn neben vielem
       anderen beweist „Proud“, dass man queere Geschichten nicht überhöhen muss,
       um ihnen Größe zu verleihen.
       
       10 Jun 2026
       
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