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       # taz.de -- Obdachlose Menschen im ÖPNV: S-Bahn soll Verantwortung übernehmen
       
       > Die grüne Bundestagsabgeordnete Sylvia Rietenberg kritisiert in einem
       > Brief an die Berliner S-Bahn deren neue Politik im Umgang mit
       > Wohnungslosen.
       
   IMG Bild: Auch draußen vor der S-Bahn-Tür: Obdachlosigkeit ist in Berlin fast überall präsent
       
       Sauberer und sicherer solle die Berliner S-Bahn werden, hat deren neuer
       Chef [1][Heiko Büttner vor ein paar Wochen versprochen]. Der unlängst aus
       München nach Berlin gewechselte Vorstand kündigte ein „Sofortprogramm“ an,
       bei dem nicht nur mehr gekehrt und gewischt werden soll – auch „Personen,
       die offensichtlich kein Beförderungsbedürfnis haben“, würden nun
       konsequenter des Zuges verwiesen, [2][erläuterte Büttner in einem
       Zeitungsinterview.]
       
       Daran stößt sich die grüne Bundestagsabgeordnete Sylvia Rietenberg. Die
       Berichterstatterin ihrer Fraktion für Wohnungs- und Obdachlosigkeit hat
       Büttner einen offenen Brief geschrieben, in dem sie die von ihm
       „angekündigten Maßnahmen gegenüber Menschen in Not“ kritisiert: Sie würden
       „der sozialen Verantwortung der S-Bahn als staatliches Unternehmen nicht
       gerecht“.
       
       Saubere S-Bahnen seien ein begrüßenswertes Ziel, räumt Rietenberg ein. „Das
       kommt allen Fahrgästen zugute und stärkt den Nahverkehr als wichtige Ader
       des öffentlichen Lebens.“ Aber viele wohnungslose Menschen nutzten die
       S-Bahn nicht nur als Transportmittel zu Notunterkünften oder
       Hilfsangeboten, sondern auch als „einen der letzten Schutzräume vor Kälte
       und Regen“. Das „Spendensammeln“ sei dabei oft ihre einzige Einnahmequelle.
       
       „Eine Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit ihren schwächsten
       Mitgliedern umgeht“, so Rietenberg, „das gilt auch für Ihr Unternehmen“.
       Die S-Bahn Berlin müsse darum jede Verweisung einer Person „mit einer
       konkreten Übergabe an Hilfsangebote und Anlaufstellen“ verbinden. Wer
       jemanden „auf einem einsamen Bahnsteig“ zurücklasse, verschiebe lediglich
       das Problem und setze „die betroffenen Menschen erheblichen Gefahren aus“.
       
       Die Grünen-Abgeordnete verweist auf eine bereits bestehende Kooperation der
       S-Bahn mit der Berliner Stadtmission, die schon seit einiger Zeit zwei
       mobile Einzelfallhelferinnen durch die Züge schickt. Die S-Bahn beteiligt
       sich an deren Finanzierung. Diesen Weg müsse das Unternehmen nun
       weitergehen, fordert Rietenberg.
       
       ## „So willkommen wie alle anderen“
       
       Die S-Bahn teilt auf Anfrage der taz mit, der Brief habe den Vorstand
       erreicht, er werde auch beantwortet. Man wolle aber gleich etwas
       richtigstellen: „Das Sofortprogramm der S-Bahn Berlin richtet sich nicht
       gegen Obdachlose“, so ein Sprecher. Diese seien „genauso willkommen wie
       alle anderen, die sich an die Beförderungsbedingungen halten“.
       
       Wer sich allerdings nicht an die „Regeln des guten Miteinanders“ halte,
       könne aus der Bahn verwiesen werden. „Die Sicherheitskräfte sind dafür
       geschult und agieren mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl.“ Sie wiesen auch
       bei Bedarf auf Hilfsangebote für Menschen ohne Obdach hin. Im Übrigen sei
       das Sofortprogramm „sehr gut angelaufen“: Die Reinigungsteams, die schon
       früh am Morgen eingesetzt werden, erführen viel Zuspruch von den
       Fahrgästen.
       
       Das Copyright auf „mehr Sauberkeit und Sicherheit“ hat sozusagen die BVG.
       Seit zwei Jahren schickt sie nach demselben Prinzip [3][sogenannte
       „Reinigungsstreifen“ durch die U-Bahn]. Auch daran gab und gibt es Kritik,
       insoweit dabei obdachlose Menschen vor die Tür gesetzt werden. Die
       landeseigenen Verkehrsbetriebe konterten dies von vornherein durch eine
       Kooperation mit Sozialträgern wie der Stadtmission und den Johannitern.
       
       In diesem Rahmen nehmen beispielsweise alle Security-Azubis der BVG an
       Schulungen durch die Stadtmission teil. Was laut Stadtmissions-Sprecher
       Heiko Linke noch einen weiteren Vorteil hat: „Wir haben dadurch jetzt
       Kontakt zu deren Vorgesetzten, und wenn sich Gäste von uns über das
       Vorgehen der Sicherheitskräfte beschweren, rufen wir bei deren Leitung an
       und arbeiten das nach.“
       
       ## „Klingt auf dem Papier gut“
       
       Sylvia Rietenberg betrachtet allerdings auch dieses Modell mit Skepsis. Der
       BVG-Sicherheitsdienst sei unter wohnungslosen Personen „berüchtigt“ für
       einen teils gewaltvollen Umgang, teilt sie der taz auf Nachfrage mit. Die
       Kooperation mit der Stadtmission klinge „auf dem Papier gut“, in der Praxis
       hänge aber viel davon ab, welche Person konkret vor Ort agiere. Auch habe
       sich eine abnehmende soziale Verantwortung der BVG durch die Schließung von
       drei früheren Kälteschutzbahnhöfen im Winter gezeigt.
       
       Dass die Verkehrsunternehmen nicht die sozialen Probleme einer Stadt wie
       Berlin lösen könnten, sei ihr übrigens „durchaus bewusst“, schreibt
       Rietenberg in ihrem Brief an den S-Bahn-Chef. Die Hauptverantwortung liege
       beim Berliner Senat und bei der Bundesregierung. Letztere habe sich [4][mit
       dem Nationalen Aktionsplan das Ziel gesetzt], Wohnungslosigkeit bis 2030 zu
       überwinden. „Bis heute fehlen hier leider ein verbindlicher Umsetzungsplan
       und vollständige Daten zu Hilfskapazitäten.“
       
       11 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Mehr-Sauberkeit-im-OePNV/!6180135
   DIR [2] https://www.tagesspiegel.de/berlin/berlins-neuer-s-bahn-chef-uber-seine-plane-ich-bin-da-aus-munchen-was-anderes-gewohnt-15608633.html
   DIR [3] /Pilotprojekt-der-BVG/!6082534
   DIR [4] /Bekaempfung-von-Wohnungslosigkeit/!6123640
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Claudius Prößer
       
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