# taz.de -- Hamburger Petition für Ethikunterricht: Gretchenfrage ab der 1. Klasse
> Die GEW fordert, dass Hamburger Schüler:innen schon ab Klasse 1
> zwischen Religion und Ethik wählen dürfen. Die Schulbehörde stellt sich
> quer.
IMG Bild: Bald ganz ohne verpflichtenden Religionsunterricht? Hamburger katholische Schule, hier mit segnendem Erzbischof
Wie sie es mit der Religion halten, können Schüler:innen in Hamburg erst
ab der siebten Klasse entscheiden. Dann können sie [1][zwischen Religions-
und Ethikunterricht wählen]. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
(GEW) will das ändern: Sie fordert, dass künftig schon
Erstklässler:innen die Wahl haben. Dafür hat sie am Montag eine
Petition im Rathaus eingereicht.
Das Interesse war aber überschaubar: Nur fünftausend Unterschriften hatte
die Petition mit dem Titel „Ethik als Alternative zum Religionsunterricht
bereits ab Klasse eins“. In Hamburg sind im Religionsunterricht, der hier
Religionsunterricht für alle (RUfa) heißt, alle Konfessionen vereint.
Fredrik Dehnerdt, Pressesprecher der GEW, hat mehrere Kritikpunkte am
Hamburger Status quo. Dadurch, dass es Ethikunterricht erst ab Klasse 7
gibt, würden die fünf im Staatsvertrag verankerten Religionen stark
bevorteilt. Und: „Konfessionslose fallen einfach durchs Raster.“
Es gibt zwar für Eltern die Möglichkeit, ihre [2][Kinder vom
Religionsunterricht abzumelden]. Die sei aber kaum bekannt und eigentlich
auch keine echte Option: „Abgemeldete Schüler:Innen werden häufig
einfach in der Parallelklasse oder in der Pausenhalle geparkt – einen
alternativen Unterricht gibt es nicht.“
## Negative Religionsfreiheit steht im Grundgesetz
Für Dehnerdt ist die Möglichkeit, zwischen Religion und Ethik zu wählen,
auch eine juristische Frage. So ist in Deutschland die negative
Religionsfreiheit, also das Recht darauf, keine Religion auszuleben, in der
Verfassung verankert. „Nur um die Umsetzung dieses Gesetzes wird sich in
Hamburg nicht gekümmert.“ Für Dehnerdt gehört zu einer modernen Schule
„wertefreier Unterricht ohne religiöses Beiwerk“.
Eine andere Regel zum Religionsunterricht nimmt Hamburg dagegen ziemlich
ernst. So regelt die sogenannte Vocatio im Grundgesetz, dass
Religionslehrer:innen Mitglied einer Glaubensgemeinschaft sein und
durch sie berufen werden müssen. In den vergangenen Jahrzehnten galt zwar
ein sehr entspannter Umgang mit der Regel und auch konfessionslose Menschen
konnten Religion unterrichten. Das hat sich 2023 aber geändert und die
Bestätigung der Glaubensgemeinschaft ist wieder Bedingung zum Unterrichten.
Dabei gehört die Mehrheit der Hamburger:innen gar keiner Religion an:
Hamburg ist die Stadt mit der größten Glaubensvielfalt und [3][71,7 Prozent
der Einwohner:innen waren im Jahr 2023 konfessionslos], Tendenz
steigend, sagt die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland.
Es sind allerdings nicht alle in der GEW vom Vorschlag begeistert. Benjamin
Krohn von der Vereinigung der Hamburger Religionslehrerinnen und
Religionslehrer zeigt sich im Gespräch mit der taz entsetzt: „Die Klassen
noch früher zu trennen, wäre gerade heute genau das Falsche.“
## Behörde will am Hamburger Modell festhalten
Für ihn ist der Religionsunterricht kein Ort religiöser Indoktrinierung,
sondern ein wichtiger Begegnungsort, der den Dialog zwischen Religionen und
Weltanschauungen fördere. Dadurch würden Vorurteile abgebaut.
Dass Kinder ab der 7. Klasse die Wahl zwischen Religions- und
Ethikunterricht haben, findet Krohn aber toll: „Jedes Kind sollte einmal
philosophiert haben. Das ist eine ganz wichtige Perspektive, auch im
Religionsunterricht.“ Das Alter sei aber wichtig, um die Wahl treffen zu
können, weil Kinder mit 14 Jahren religionsmündig würden.
An der Vocatio-Regel möchte er festhalten: „Wir hörten in unserem Verband
früher häufiger, dass bei fachfremden – oft auch atheistisch orientierten –
Religionslehrkräften Schüler und Schülerinnen immer wieder Unverständnis
oder auch deutliche Abwertung ihrer Religiosität erlebten.“ Da brauche es
mehr Fachlichkeit.
Die Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung steht zum Hamburger
Modell des Religionsunterrichts für alle (RUfa): „Der RUfa ist ein
bundesweit beachtetes Erfolgsmodell, in dem Schülerinnen und Schüler
unterschiedlicher religiöser, weltanschaulicher und kultureller Prägungen
gemeinsam lernen und miteinander ins Gespräch kommen.“
Derzeit plant die Behörde nicht, das bestehende Konzept des
Religionsunterrichts für alle grundlegend zu verändern.
11 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Nele Rebentisch
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