# taz.de -- Rechte Anschlagsserie in Berlin-Neukölln: Ein Bericht und viele offene Fragen
> Der Untersuchungsausschuss zur rechten Anschlagsserie in Neukölln hat
> seinen Abschlussbericht vorgestellt. Betroffene kritisieren fehlenden
> Blick für Rassismus.
IMG Bild: Seit Jahren treiben die Betroffenen die Aufklärung voran: Demo in Neukölln im August 2020
Ein über Jahrzehnte aktives rechtes Netzwerk verübt mehr als 70 Straftaten
in Neukölln: Einschüchterungen, Schmierereien, Brandstiftungen, womöglich
sogar zwei Morde. Die Polizei aber will zunächst keinen Zusammenhang
zwischen den Vorfällen sehen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt zögerlich
und lange ohne Erfolg. Und der Verfassungsschutz liefert widersprüchliche
Erkenntnisse.
Die Bilanz des [1][Neukölln-Komplexes] ist verheerend, vor allem für
Berlins Sicherheitsbehörden. Aber wie dieses Scheitern gedeutet wird und
welche Lehren daraus gezogen werden müssen – das bleibt hart umkämpft. Wie
weit die Positionen zum Teil auseinanderliegen, zeigt [2][der
Abschlussbericht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses] zu der
Anschlagsserie, der am Mittwoch vorgestellt wurde.
Rund 1.000 Seiten umfasst das Dokument – ein eindrucksvoller Papierstapel,
der sich auf dem Pult des Ausschussvorsitzenden Vasili Franco (Grüne) im
Abgeordnetenhaus auftürmt. In vier Jahren hat das Gremium 60 Mal getagt,
100 Zeug*innen befragt und mehr als 500.000 Seiten Akten
zusammengetragen. Einig wurden sich die Abgeordneten dabei nicht – in zwei
Sondervoten im hinteren Teil des Berichts schildern Linke und Grüne sowie
die AfD ihre Sicht der Dinge.
Franco konzentriert sich am Mittwoch aber zunächst einmal auf den
gemeinsamen Nenner: „Es ist unstrittig, dass es sich um eine rechtsextreme
Straftatenserie handelt“, betont der Abgeordnete. Und die Taten hätten
Spuren hinterlassen: „Die vermeintlichen Bagatelldelikte waren für die
Betroffenen rechter Terror“, sagt Franco.
## Sicherheitsbehörden im Fokus
Gleichwohl habe es bei der Beweisaufnahme im Ausschuss „Licht und Schatten“
gegeben, berichtet Franco. Während einige Behörden durchaus kooperiert
hätten, habe man beim Verfassungsschutz den Eindruck bekommen „gegen eine
Wand zu reden“.
Für die Sicherheitsbehörden stand auch einiges auf dem Spiel. Die
Ermittlungen zu den Taten in Neukölln sind durchzogen von Ungereimtheiten
und Pannen. Etwa wurde ein Staatsanwalt [3][wegen mutmaßlicher AfD-Nähe]
versetzt, Polizisten waren in AfD-Chatgruppen, ein Beamter aus der
Neuköllner Ermittlungsgruppe [4][verprügelte einen afghanischen
Geflüchteten]. Immer wieder wurde – von Ermittlern selbst – [5][der
Verdacht geäußert, es gebe einen polizeiinternen „Maulwurf“], der Infos an
die Verdächtigen durchsteckt.
Erst als die Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen 2021 an sich zog,
kam es zum Gerichtsprozess. Zwei Neuköllner Neonazis wurden
[6][mittlerweile rechtskräftig] für die Brandanschläge auf den heutigen
Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak und auf den Buchhändler Heinz Ostermann
sowie weitere Delikte verurteilt.
Der nun vorgestellte Hauptbericht, der mit der Koalitionsmehrheit von CDU
und SPD beschlossen wurde, geht mit den Sicherheitsbehörden dennoch milde
ins Gericht. Zur Polizei heißt es etwa, es sei angesichts ausbleibender
Ermittlungserfolge „nachvollziehbar“, dass Kritik geäußert werde. Man habe
„strukturelle Schwächen“ im Umgang mit Betroffenen festgestellt.
Schließlich wird auf den Personalmangel und angeblich nicht ausreichende
technische Mittel und Befugnisse der Behörde verwiesen.
Ähnlich klingt es bei Staatsanwaltschaft und beim Verfassungsschutz. Der
Geheimdienst habe seine gesetzlichen Aufgaben erfüllt, so der Bericht.
## CDU fordert mehr Befugnisse für Polizei
Das Fazit fällt entsprechend zahm aus. Die Ausschussmehrheit fordert einen
„strukturierten Wissenstransfer und eine stärkere Einbindung der
Opferperspektive“, um bei komplexen politisch motivierten Straftaten
rechtssicher und transparent ermitteln zu können.
Stephan Standfuß, der für die CDU im Ausschuss saß, sieht sich vor diesem
Hintergrund in seiner Sichtweise bestätigt. „Die Polizei Berlin
funktioniert, man kann ihr vertrauen“, sagt er am Mittwoch. Laut ihm müssen
Polizei und Verfassungsschutz gestärkt werden, zudem forderte er den
Einsatz von künstlicher Intelligenz bei Ermittlungen.
Bei Grünen und Linken klingt das ganz anders: „Der Berliner
Verfassungsschutz hat schlicht versagt“, kritisiert etwa der
Grünen-Abgeordnete André Schulze. „Uneinsichtigkeit, mangelnde Fehlerkultur
und fehlende Konsequenz bei den Behörden“ erschwerten bis heute die
Aufarbeitung. Auch deshalb sei der Abschlussbericht kein Schlussstrich, so
Schulze.
In ihrem Sondervotum gehen Grüne und Linke mit den Behörden härter ins
Gericht. Sie betonen etwa, dass der lebensgefährliche Brandanschlag auf
Ferat Koçak hätte verhindert werden können. „Es war eine falsche und
folgenschwere Entscheidung der Polizei, dass nach der Identifikation von
Ferat Koçak nicht direkt gefahrenabwehrende Maßnahmen eingeleitet wurden.“
Auch andere Ungereimtheiten blieben bestehen: Etwa warum die beiden Täter
[7][immer ausgerechnet dann die Füße stillhielten, wenn sie observiert
wurden]. „Der Verdacht, dass Polizei-Infos an die rechte Szene abgeflossen
sind, besteht weiterhin“, betont Linken-Innenpolitiker Niklas Schrader.
Dennoch sei ihm eines wichtig, sagt Schrader auch in Richtung der
Betroffenen und ihrer Unterstützer*innen, die am Mittwoch ebenfalls im Saal
sitzen: „Der Ausschuss war nicht umsonst – er war ein Gewinn.“
## Scharfe Kritik der Betroffenen
Bereits vor einigen Wochen hatten mehrere Initiativen in einer Broschüre
scharfe Kritik an den Sicherheitsbehörden, aber auch an der
parlamentarischen Aufarbeitung geäußert: Der Ausschuss habe „seinen
demokratischen Aufklärungsauftrag unzureichend erfüllt“, heißt es in dem
Heft. „Die Behauptung, dass die rechte Anschlagsserie in Neukölln gestoppt
sei, wurde nicht infrage gestellt.“
Auch Ferat Koçak zieht am Mittwoch ein durchwachsenes Fazit: Ausschuss und
Gerichtsurteil seien „nicht das Ergebnis funktionierender Behörden. Sie
sind das [8][Ergebnis des jahrelangen Drucks von Betroffenen.]“ Das größte
Hindernis bei der Aufklärung rechter Gewalt seien nicht fehlende Hinweise,
sondern die fehlende Bereitschaft staatlicher Stellen, ihnen nachzugehen,
so der Bundestagsabgeordnete.
Auch die [9][Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş] zeigt
sich am Mittwoch enttäuscht: „Das Thema Rassismus wurde komplett
ausgespart“, sagt eine Aktivistin zur taz. Auf der Pressekonferenz sei der
Begriff Rassismus kein einziges Mal genannt worden. „Dabei ist
struktureller Rassismus eine zentrale Erklärung dafür, dass es dieses
Wegschauen gegeben hat.“
Auch für sie bleiben viele offene Fragen – vor allem nach den Verbindungen
zwischen Behörden und der rechten Szene. Dabei habe sie eigentlich nur
einen Wunsch: „Wir wollen einfach nur geschützt werden.“
10 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Rechter-Terror-in-Berlin-Neukoelln/!t5612550
DIR [2] https://www.parlament-berlin.de/ados/19/IIIPlen/vorgang/d19-3310.pdf
DIR [3] /Rechte-Anschlagsserie-in-Neukoelln/!5705701
DIR [4] /Rassistische-Gewalt-gegen-Gefluechteten/!5853152
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DIR [6] /Revision-zu-rechtsextremer-Anschlagserie/!6105405
DIR [7] /Rechte-Anschlagsserie-in-Berlin-Neukoelln/!6148617
DIR [8] /Rechter-Terror-in-Berlin-Neukoelln/!6154799
DIR [9] /Mord-an-Burak-Bekta/!6069241
## AUTOREN
DIR Hanno Fleckenstein
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