# taz.de -- Lyrik von Ulf Stolterfoht: Kleine klapperdürre Krallenfüße
> Schwer zu greifendes Federvieh: Ulf Stolterfohts anarchisch-ästhetischer
> Großzyklus „rückkehr von krähe“.
IMG Bild: Bei Ulf Stolterfoht wird die „krähe“-Figur in unterschiedlichsten Variationen durchgespielt
Als Ulf Stolterfoht 1998 seinen ersten „Fachsprachen“-Band vorlegte, gab es
in der deutschen Lyrik einen Break. Und einen unvorhergesehenen
Rhythmuswechsel. Der Lyriker schien ein DJ zu sein, der mit verschiedenen
Diskursen gleichzeitig spielt und sie durcheinanderwirbelt. Die Wortfelder
von Botanik, Theologie oder historischer wie auch gegenwärtiger Popmusik
erzeugten irrwitzige neue Räume.
In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Stolterfoht ist den
„Fachsprachen“ zwar treu geblieben, hat aber auch anderes dazugemischt,
mitunter sogar eigene biografische Fragmente. „rückkehr von krähe“ ist
jetzt ein vorläufiger Höhepunkt. Das Buch spielt offensiv mit höchst
irrationalen Vorlieben und der in Fachkreisen eher verpönten Subjektivität,
und es entwirft damit einhergehende Poetereien vom Barock über Dada bis zu
den schillernden Zwischenzonen von P-Funk und G-Funk. Wenn man es so will,
ist es gelehrt, anspielungsreich und zitiert entlegenste Quellen aus Pop-
und Hochkultur, aber man kann es genauso auch für wahnsinnig komisch
halten.
„Krähe“ ist eine schwer zu fassende Trickster-Figur, die zwischen den
Welten wechselt und im Untergrund wie im Himmel zu Hause ist. Der
Tagesablauf einer Krähe, mit Beobachtungen von Kleingetier und
Gebüschformationen, geht nahtlos über in denjenigen eines Dichters, der
bevorzugt in Kneipen anzutreffen ist (das „Lehen“ im Stuttgarter
Bohnenviertel! Das verstorbene „Narkosestübchen“ in der Nähe des Rathauses
Berlin-Schöneberg!). Dabei wird exzessiv gekrächzt, gekleckert und
geschrieben, und der letzte Schrei ist immer die Literatur.
Stolterfoht huldigt zwar dem Gedichtband „Krähe“ („Crow“) des englischen
Dichters Ted Hughes aus dem Jahr 1970, der für eine überraschende
Rückeroberung der Moderne stand, mit Naturmagie und Gegenmythen zu Gott –
er selbst dagegen dichtet eher post-post und überführt Hughes Krähen-Modell
in eine nach allen Seiten hin offene popkulturelle Zeitgenossenschaft: „wem
gehören diese kleinen, klapperdürren krallenfüße? dem ted.“
## Krähe seine Werke
Stolterfohts Krähenzyklus ist wie Ted Hughes' berühmte Sammlung ein
Großgedicht. Es besteht aus zwölf, oder wenn man die abschließende
poetologisch-nihilistische Wissenschaftsparodie „meta-krähe“ dazuzählt,
dreizehn Teilen, denen dann noch ein erfindungsreiches Register namens
„krähe seine werke“ hinzugefügt ist. Die einzelnen Gedichte sind äußerlich
sehr streng gefügt: Sie bestehen alle aus fünf Strophen mit je fünf
Langversen, die aber auf unvorhersehbare Weise vibrieren und sich mit
rhythmischen Kaskaden und Binnenreimen („wo die fetten schmetten
schrecken“) vorantreiben.
In den einzelnen Kapiteln wird die „krähe“-Figur in unterschiedlichsten
Variationen durchgespielt. Sie ist mal im Filmgeschäft unterwegs („und doch
sind seine tage bei der ufa gezählt, ‚frauen, die man ungern grüßt‘ darf
schon nur noch in lichtenberg gezeigt werden“), ein andermal wird ihr Leben
im Stil des Lukasevangeliums erzählt („im soundsovielten jahr der regierung
des eisenhauers, als der ältere wainwright statthalter von hoboken war“),
und es fällt eine Vorliebe für Listen aus Fußballerischem auf – die zwölf
Gründungsmitglieder der englischen Liga werden genauso ins Versmaß gebracht
wie die Aufstellung des SV Meppen vom 7. Oktober 1989.
Letzteres hat ziemlich sicher etwas mit einem Auswärtssieg der Stuttgarter
Kickers zu tun und wohl mit etwas besonders Erinnerungsträchtigem, das der
Dichter mit diesem Tag verbindet. Stuttgart und Stolterfoht, das
alliteriert, und wie so vieles nach Lektüre dieses Lyrikbandes wird man das
nicht für einen bloßen Zufall halten – oder aber doch der Frage nachgehen,
die im Kapitel „krähe-theorie“ gestellt wird: „wie müssen zeichen
beschaffen sein, die sich auf nichts beziehen?“
Ulf Stolterfohts „rückkehr von krähe“ ist eine großangelegte Feier der
Sprache. Und hinterrücks nähert sie sich auch wieder der Semantik an, dem
Spiel mit Bedeutung. Das wird allerdings jedes Mal hochartistisch in der
Schwebe gehalten. Ein euphorisches, mit immer demselben Sprachgitarrenriff
am Beginn der Strophen prunkendes Gedicht konstatiert völlig zu Recht: „es
wird immer lebendiger, sobald sie experimentelle Verse hören, geraten sie
völlig außer sich.“
25 Jun 2026
## AUTOREN
DIR Helmut Böttiger
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