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       # taz.de -- Gefahr von Onlineplattformen: Mehr Grenzen für Social-Media-Konzerne
       
       > Soll es ein gesetzliches Mindestalter für die Nutzung von
       > Social-Media-Diensten geben? Der Ethikrat hat nun ein überraschend klares
       > Votum gegeben.
       
   IMG Bild: Alt genug für Tiktok und Co? In Australien, wo diese drei Kinder leben, gilt: bitte draußenbleiben
       
       Nein, die Politik sollte kein Mindestalter für die Nutzung von
       Social-Media-Diensten festlegen. Diese Position vertritt der Deutsche
       Ethikrat in einer [1][Stellungnahme], die das Expert:innengremium für
       Bundesregierung und Bundestag am Donnerstag vorgestellt hat.
       
       „Kinder und Jugendliche wachsen heute mit vielen digitalen Angeboten auf,
       die eine wichtige Rolle bei der Erfüllung ihrer Kommunikations- und
       Informationsbedürfnisse spielen“, erklärte Helmut Frister,
       Rechtswissenschaftler und Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Ziel müsse
       es sein, den nötigen Schutz in Einklang zu bringen mit den Interessen von
       jungen Menschen an digitaler Teilhabe und Befähigung. „Die Einführung eines
       gesetzlichen Mindestalters für soziale Medien ist dafür aus Sicht des
       Deutschen Ethikrates nicht geeignet.“
       
       Die Debatte um Für und Wider einer Altersgrenze wird in Deutschland seit
       Ende vergangenen Jahres vehement geführt. Zu dem Zeitpunkt trat in
       [2][Australien] ein Verbot in Kraft, dass unter 16-jährigen die Nutzung
       einer Reihe von Plattformen wie Instagram, Tiktok und Snapchat verbietet
       und den Anbietern entsprechende Alterskontrollen vorschreibt.
       
       Befürworter:innen eines Mindestalters argumentieren mit der
       psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, die unter der Nutzung
       von Social-Media-Diensten leiden könne. Tatsächlich sehen Studien
       Zusammenhänge zwischen einer übermäßigen Nutzung der Plattformen und
       psychischen Problemen. Doch ob die Social-Media-Nutzung auch die Ursache
       ist und Verbote einen breiten positiven Effekt hätten, ist [3][in der
       Wissenschaft umstritten].
       
       ## Die Tricks der Plattformen
       
       Weniger umstritten ist dagegen die These, dass Social-Media-Dienste
       vielfältige Tricks nutzen, um Nutzer:innen möglichst lange auf der
       jeweiligen Plattform zu halten. Dazu zählen etwa Autoplay, also dass nach
       dem Ende eines Videos direkt das nächste startet, endloses Scrollen und
       Push-Nachrichten, die ständig vermitteln, etwas zu verpassen.
       
       Der Ethikrat hält in seiner Stellungnahme nun fest: „Insbesondere pauschale
       Nutzungsverbote für bestimmte Dienste, die über bereits etablierte
       Mindestaltersgrenzen hinausgehen, würden Einschränkungen der
       Teilhabemöglichkeiten vieler junger Menschen im digitalen Raum bedeuten.“
       Bislang setzen sich Plattformen selbst ein Mindestalter, häufig 13 Jahre,
       machen aber falsche Altersangaben leicht möglich.
       
       Voraussetzung für ein Mindestalter wäre also eine Altersverifikation. Die
       müsste nicht nur verlässlich sein, sondern auch privatsphärefreundlich und
       niedrigschwellig nutzbar. Denn faktisch würde ein Mindestalter eine
       Ausweispflicht für alle Menschen auf Social-Media-Plattformen bedeuten. Die
       EU-Kommission hat bereits eine entsprechende Basis-App entwickelt.
       Sicherheitsforscher:innen [4][bezweifeln jedoch], dass sich sichere
       Verifikation und gleichzeitig Anonymität der Nutzenden gegenüber den
       Plattformen vereinbaren lassen.
       
       Der Ethikrat hält ein Mindestalter mit Nachweispflicht nur für spezifische
       Plattformen, etwa mit pornografischen Inhalten, für sinnvoll. „Der Einsatz
       solcher Technologien hat jedoch für alle Nutzerinnen und Nutzer
       Nebenwirkungen, deren Ausmaß stark davon abhängt, welche Technologie
       verwendet wird“, so Judith Simon, Philosophin im Ethikrat.
       
       ## Noch weniger Kontrolle bei KI-Chatbots
       
       Simon nennt eine weitere Gefahr: „Suchtfördernde Algorithmen, Manipulation,
       Gewalt, Cybermobbing, Pornografie, Extremismus: Digitale Risiken sind
       allgegenwärtig; aber sie gehen von Inhalten und Funktionen aus, die es
       nicht nur in den sozialen Medien gibt.“ Mit einem Verbot für Kinder und
       Jugendliche bestehe die Gefahr, dass diese auf Dienste ausweichen, bei
       denen es noch weniger Kontrolle gibt – etwa KI-Chatbots.
       
       Der Ethikrat spricht sich statt eines Mindestalters dafür aus, bestehende
       Gesetze, die unter anderem Minderjährige auf Plattformen schützen sollen,
       konsequenter umzusetzen. Dabei nennt er den Digital Services Act (DSA) der
       EU. „Die Vorgaben, um Gefahren für Kinder und Jugendliche im Netz zu
       reduzieren, müssen noch wesentlich effektiver umgesetzt und Anbieter
       stärker in die Pflicht genommen werden“, sagt Frister.
       
       So fordert das Gremium unter anderem, auf Basis des DSA den Plattformen
       Funktionen, „die zu exzessiver Nutzung anreizen“, generell zu verbieten.
       Darunter dürften mindestens Autoplay und endloses Scrollen fallen. Darüber
       hinaus müssten die Plattformen Inhalte, die für Kinder und Jugendliche
       schädlich sind, besser identifizieren. Junge Menschen sollten bei der
       Entwicklung von Schutzkonzepten beteiligt und Eltern besser dabei
       unterstützt werden, Regeln für die Nutzung von digitalen Geräten
       durchzusetzen.
       
       ## Was die Politik plant
       
       Die Bundesregierung will sich in den kommenden Monaten auf eine Position
       zur Altersgrenze einigen. Die CDU spricht sich für ein Mindestalter von 14
       Jahren aus. [5][Die SPD will] ebenfalls 14 und für 14- bis 16-Jährige eine
       Jugendversion der jeweiligen Plattform. Skepsis kommt dagegen aus der CSU.
       Vor einer endgültigen Positionierung will Bundesfamilienministerin Karin
       Prien (CDU) die Ergebnisse einer von ihrem Haus eingesetzten
       Expert:innenkommission abwarten. Diese werden für Ende des Monats
       erwartet.
       
       Parallel arbeitet auch die EU-Kommission an dem Thema. Sie könnte eine
       einheitliche Regelung für alle Mitgliedsstaaten zum Beispiel im Rahmen des
       DSA schaffen.
       
       11 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] http://www.ethikrat.org/publikationen/stellungnahmen/kinder-und-jugendliche-in-der-digitalen-welt
   DIR [2] /Social-Media-in-Australien/!6153679
   DIR [3] /Nutzung-von-Onlineplattformen/!6093105
   DIR [4] https://www.heise.de/news/EU-App-zur-Altersverifikation-Sorglos-Paket-mit-Sicherheitsluecken-11262838.html
   DIR [5] /Altersbegrenzung-auf-Social-Media-Bei-Forscherinnen-umstritten/!6155008
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Svenja Bergt
       
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