# taz.de -- Nachruf auf Globalisierungskritiker: Das Weltgewissen aus der Schweiz
> Soziologe, Autor, Feind der Banken: Jean Ziegler ist am Mittwoch mit 92
> Jahren gestorben. Sein Leben widmete er dem Kampf für soziale
> Gerechtigkeit.
IMG Bild: Seine Weitsicht wird fehlen: Jean Ziegler bei einem seiner letzten Interviews in der Schweiz
„Gewissen der Welt“, so nannten ihn manche. Ein Vordenker der
Globalisierungskritik war er zweifellos, [1][Chauffeur von Che Guevara
auch]. Der kubanische Revolutionär habe ihm, so erinnerte sich der
Schweizer Soziologe und linke Universalintellektuelle Jean Ziegler, einst
davon abgeraten, sich den Kämpfen im Globalen Süden anzuschließen.
Stattdessen möge er in der Schweiz bleiben. „Hier bist du geboren, hier
befindet sich das Gehirn des Monsters.“
Ziegler tat wie ihm geheißen und wandte sich in den folgenden Jahrzehnten
aus dem reichsten Land der Welt heraus gegen die „Tyrannei des
globalisierten Finanzkapitals“. Er sah sich dabei in erster Linie als
Profiteur zufälliger Privilegien, als Bürger eines Landes wie der Schweiz.
Dies sei eine Verpflichtung gegenüber der Milliarde Menschen, die [2][in
der „kannibalischen Weltordnung“] die untersten Plätze einnehmen, die in
ihr als überflüssig gelten und deshalb keine Chance auf ein
menschenwürdiges Leben bekommen.
Hilfreich für die enorme öffentliche Wirkung, die Ziegler entfaltete,
dürfte die Kombination aus Sendungsbewusstsein und Produktivität gewesen
sein.
## Ein Besuch in Moria
2019 begleitete ich ihn, als er als Berater des UN-Menschenrechtsrats das
vollkommen [3][überfüllte Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel
Lesbos] besuchte. Ziegler verbrachte nur einen einzigen Tag an diesem Ort,
den die EU zur Abschreckung weiterer Flüchtlinge voller Absicht im Elend
versinken ließ. Schon bald darauf erschien ein neues Buch: „Die Schande
Europas“. Was darin steht, hatten zuvor auch schon andere gesagt. Aber
Zieglers Prominenz und seine unvergleichliche Fähigkeit, Unrecht als
solches zu benennen, gaben den Zuständen in Moria die Aufmerksamkeit, die
sie brauchten.
Denn Ziegler brachte Menschen dazu, sich nicht mit den Dingen abzufinden,
mit denen man sich nicht abfinden darf. Das war seine wichtigste Fähigkeit
und seine größte Leistung. So belebte er auch das Amt des
UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung, das er im Jahr 2000
übernahm. Aus dieser Zeit stammt Zieglers wohl berühmtester Satz: „Ein
Kind, das heute am Hunger stirbt, wird ermordet.“
Auch das hatten zuvor schon andere gesagt, doch Ziegler hämmerte diesen
Umstand ins öffentliche Bewusstsein. Nie wurde er müde zu wiederholen, dass
an jedem Tag 47.000 Menschen an ohne Weiteres vermeidbarem Hunger oder
dessen unmittelbaren Folgen sterben. Der [4][Kampf gegen Hunger
beschäftigte ihn zeitlebens].
## Milder Blick auf Potentaten
Das Erstaunlichste daran ist, dass außer ihm kaum jemand diese Tatsache so
kontinuierlich öffentlich ansprach. Bis heute steht die Menschheit diesem
unfassbaren Missstand so abgestumpft gegenüber, dass es gleichsam eine
Leistung Zieglers war, das Selbstverständliche zu benennen: Das ist nicht
normal. Es darf nicht sein.
So hart Ziegler auf die Ungerechtigkeit in der Welt sah, so sonnig blickte
er bisweilen auf jene, die vorgaben, für etwas Besseres einzutreten.
Diktatoren wie Muammar al-Gaddafi in Libyen und Robert Mugabe in Simbabwe
stand er lange auf befremdliche Weise nahe, stalinistische Zirkel
schreckten ihn nicht.
Berichte über die Herrschaft des kambodschanischen Massenmörders Pol Pot
tat er lange als westliche Propaganda ab. Auch damit stand er nicht allein.
Den Irrtum räumte er später selbst ein: Von einem „Befreiungsschlag, auf
den furchtbare Katastrophen folgen“, schrieb er in seiner Autobiografie,
von Pol Pot und dessen „Wahnsinn“.
## Kein Putin-Versteher
Andere Irrtümer der Linken beging Ziegler nicht. Sosehr er den Westen
kritisierte – über Waldimir Putins Russland machte er sich keine
Illusionen. Nach dem Angriff auf die Ukraine sagte er, die Welt sei
„zurückgefallen in eine Situation, in der nur noch Gewalt gilt“, und nannte
Putin einen „pathologisch bestimmten Missetäter, einem Massenmörder“.
Schon Jahre bevor eine [5][Allianz aus Ultralibertären, Rechtsextremen und
Superreichen] die globale Macht an sich zog, schrieb Ziegler diesen Satz:
„Die neue Barbarei hat Einzug gehalten mit ihrer grenzenlosen Vergötzung
des individuellen Erfolgs und eines brutalen Konkurrenzdenkens, das die
Vernichtung des Schwachen durch den Starken, die Absage an jede Form von
Solidarität als einen geistigen Sieg feiert.“
Besser lässt sich kaum beschreiben, wie der reichste Mensch der Geschichte,
Elon Musk, im Mai 2025 voller Stolz verkündete, [6][als Sonderberater des
US-Präsidenten Donald Trump] mit seinem „Department of Government
Efficiency“ (Doge) die US-Mittel für humanitäre Hilfe „geschreddert“ zu
haben. Einer Studie im Fachmagazin The Lancet zufolge könnte dies bis zum
Jahr 2030 zu mehr als 14 Millionen zusätzlichen Todesfällen führen. 4,5
Millionen davon könnten Kinder unter fünf Jahren sein.
## Seine Weitsicht wird fehlen
Das ist nun ein Jahr her, und nur noch wenige sprechen davon. Jean Ziegler
hätte weiter gut zu tun in dieser Zeit.
Am Mittwoch starb er im Alter von 92 Jahren in Genf.
11 Jun 2026
## LINKS
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DIR [6] /US-Regierung/!6080273
## AUTOREN
DIR Christian Jakob
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