# taz.de -- Gewalt gegen Proteste: Demonstrant für Frauenrechte in Afghanistan erschossen
> In Afghanistan sind die Taliban gewaltsam gegen eine Demonstration für
> festgenommene Frauen vorgegangen. Diese sollen gegen die Kleiderordnung
> verstoßen haben.
IMG Bild: Bei Protesten gegen die Kleiderordnung wurde in Herat mindestens eine Person erschossen
Laut der UNO haben Polizeikräfte der Taliban im westafghanischen Herat am
Dienstag auf überwiegend männliche Demonstranten geschossen, die für
Frauenrechte auf die Straße gegangen waren. Dabei sei „mindestens ein
Mensch, ein Junge, durch Schüsse getötet worden“, [1][berichtete die
UN-Mission in Afghanistan (Unama) am Dienstag]. Es gebe Berichte über einen
zweiten Toten und mehrere Verletzte „durch Schläge mit Stöcken“.
Zwei Zeugen berichteten der Nachrichtenagentur AFP, sie hätten den
Schusswaffeneinsatz bei der Demonstration gesehen. Einer von ihnen
bestätigte, dass die Polizei auch Stöcke und Peitschen verwendet hätte. Der
TV-Sender [2][CNN zeigte Aufnahmen aus Herat], auf denen Schüsse zu hören
und weglaufende Männer zu sehen sind. Doch bleibt unklar, wer geschossen
hat.
Anonyme Augenzeugen berichteten der Agentur AP, zuerst sei in die Luft
geschossen worden, später seien Menschen getroffen worden. Auf der Straße
sei Blut zu sehen gewesen. Berichten zufolge sollen bei dem Protest auch
Rufe nach „Bildung, Arbeit und Freiheit“ zu hören gewesen sein.
Die Polizei bestritt jeglichen Einsatz von Waffen und warf ihrerseits den
Demonstranten vor, „die öffentliche Ordnung zu stören“. Sie hätten
„Spannungen geschürt unter dem Vorwand, gegen Regelungen zur Einhaltung der
Kleiderordnung auf die Straße zu gehen“, sagte Polizeisprecher Saed Masud
zu AFP. Die Lage konnte aber „vollständig unter Kontrolle gebracht werden“.
## Solidaritätsdemonstration für festgenommene Frauen
Der auf bis zu 150 Personen geschätzte Protest im Viertel Jibrail war eine
Solidaritätsdemonstration für mehrere Frauen, die in den Vortagen von der
Sittenpolizei wegen angeblichen Verstoßes gegen die Kleiderordnung
festgenommen worden waren. Proteste sind unter den Taliban in Afghanistan
de facto verboten und sehr selten.
Laut Unama sind mindestens 30 Frauen und Mädchen am 6. und 7. Juni wegen
angeblich unangemessener Kleidung festgenommen und bis zum 8. Juni
festgehalten worden. Festnahmen durch die Sittenpolizei würden Frauen
„enorm stigmatisieren“ und gefährden, kritisierte die amtierende
Unama-Leiterin Georgette Gagnon.
Das Ministerium für die Förderung der Tugend und die Verhinderung des
Lasters wies Berichte über die Festnahme von Frauen als Gerüchte zurück.
Zugleich erklärte es, das Tragen des Hidschabs sei „ein göttliches Gebot,
ein Gesetz, das wir umzusetzen verpflichtet sind“.
Der [3][UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in Afghanistan,
Richard Bennett], erklärte auf X, er sei alarmiert vom exzessiven
Gewalteinsatz in Herat gegen allem Anschein nach friedliche Demonstranten.
Er forderte die Behörden auf, die für die Gewalt Verantwortlichen zur
Rechenschaft zu ziehen. Es sei an der Zeit, Spannungen abzubauen und das
Recht der Bürger auf Redefreiheit zu respektieren, insbesondere mit Blick
auf Frauen und Mädchen.
## Sittenpolizei hat neue Vorschriften für Frauen verkündet
Am Freitag sollen Imame Herats in Moscheen im Namen des Tugendministeriums
verkündet haben, dass Frauen ihre Häuser nicht ohne Kopftuch verlassen
dürften. Am Samstag dann sollen die Festnahmen begonnen haben. Am Mittwoch
kündigte die Sittenpolizei neue Vorschriften für Frauen an. Demnach dürfen
diese künftig keine nackten Füße mehr zeigen oder Make-up tragen.
Das Ministerium für die Förderung der Tugend und die Verhinderung des
Lasters in Kabul wollte sich auf AFP-Anfrage nicht zu den Geschehnissen
äußern. Die regionale Niederlassung des Ministeriums erklärte jedoch,
Verstöße gegen die Kleiderregeln könnten zu „Festnahme und Inhaftierung“
könnten. „Wenn auch nur ein Teil der Haare an der Stirn, an den Seiten oder
am Hinterkopf sichtbar ist, gilt dies als Verstoß gegen die islamischen
Kleidungsvorschriften.“
Nach der erneuten Machtübernahme der radikalislamistischen Taliban im
August 201 wurden Frauen in Afghanistan weitgehend von formaler Bildung und
Arbeit außerhalb des Hauses ausgeschlossen. Sie dürfen sich nur verhüllt in
Begleitung eines männlichen Verwandten in der Öffentlichkeit bewegen.
Zuletzt wurde ihnen auch das [4][Scheidungsrecht] genommen. (mit afp/ap)
11 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://unama.unmissions.org/en/press-releases/unama-alarmed-by-arrests-of-women-in-herat-afghanistan-and-excessive-use-of
DIR [2] https://edition.cnn.com/2026/06/10/world/video/gunshots-heard-during-rare-hijab-protest-in-afghanistan-digvid-vrtc
DIR [3] https://www.khaama.com/richard-bennett-calls-for-accountability-after-protest-crackdown-in-herat/
DIR [4] /Neues-Scheidungsrecht-in-Afghanistan-Scheidung-wird-fuer-Frauen-fast-unmoeglich/!6179649
## AUTOREN
DIR Sven Hansen
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