# taz.de -- EU-Asylsystem Geas tritt in Kraft: Start mit Hindernissen
> Zwei Jahre nach der Einigung beginnt die Umsetzung des europäischen
> Asylsystems Geas. Doch nicht alle Mitgliedstaaten sind dafür vollständig
> gerüstet.
IMG Bild: Migranten sitzen in einem Holzboot im Mittelmeer
Nach mehr als zehn Jahren Streit und zwei Jahren Vorbereitung tritt am
Freitag die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (Geas) in
Kraft. Während Kirchen, Menschenrechtsorganisationen und Flüchtlingshelfer
vor den Folgen warnen, begrüßt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die
Reform. In einer Regierungserklärung am Donnerstag sprach er von einer
eingeleiteten „Migrationswende“ und dem „bedeutendsten Schritt hin zur
Lösung des Problems“.
Zufriedenheit herrscht auch in Brüssel. „Migration ist eine europäische
Herausforderung, für die es eine europäische Lösung braucht“, erklärte
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Es gehe um „effiziente,
faire und entschiedene“ Maßnahmen. Genau dies werde Geas liefern – mit
sicheren Außengrenzen und Solidarität nach innen.
Selbst im Europaparlament, in dem noch kurz vor der Europawahl 2024 hart um
die Details gerungen wurde, überwiegen die optimistischen Töne. Von einer
„historischen“ Reform spricht Tomas Tobé, der als Chefunterhändler des
Parlaments eine Schlüsselrolle spielte. „Wir gewinnen die Kontrolle
zurück“, erklärte der konservative Politiker aus Schweden. Jetzt gehe es um
die richtige Umsetzung.
## Problematische Grenzverfahren
Weniger begeistert zeigte sich die SPD-Abgeordnete Birgit Sippel. Zwar sei
die Einigung auf gemeinsame Regeln ein „großer Erfolg“. Enttäuschend sei
jedoch, dass die EU-Staaten nach zweijähriger Vorbereitung noch immer nicht
vollständig startklar seien. Zudem werfe die Reform Fragen zu den
Grundrechten von Geflüchteten auf, die weiter beobachtet werden müssten.
Besonders umstritten sind die sogenannten Grenzverfahren, bei denen
Asylanträge an den Außengrenzen binnen zwölf Wochen geprüft werden sollen.
Im Fall einer Ablehnung schließt sich direkt ein Rückführungsverfahren an.
Die Betroffenen, auch Familien mit Kindern, müssen währenddessen in
speziellen Einrichtungen bleiben.
Kritiker warnen vor haftähnlichen Bedingungen und Problemen beim Zugang zu
Rechtsberatung. Allerdings werden nicht alle Asylverfahren an die
Außengrenzen verlagert. Im ersten Jahr sind 60.000 Grenzverfahren
vorgesehen, ab Juni 2028 höchstens 120.000 pro Jahr. Die Mehrzahl der
Anträge wird weiter im Zielland bearbeitet. Hier sind allerdings mehr
beschleunigte Verfahren vorgesehen.
Sie betreffen insbesondere Menschen, die aus sogenannten sicheren
Herkunftsstaaten kommen – oder aus Ländern mit einer EU-weiten Schutzquote
von unter 20 Prozent. [1][Auch hier gibt es Zweifel] am womöglich
eingeschränkten Rechtsschutz. Wird ein Antrag im beschleunigten Verfahren
abgelehnt, hat eine Klage zum Beispiel häufig keine aufschiebende Wirkung,
die Ausweisung droht.
Ein weiteres zentrales Element der Reform ist das sogenannte Screening.
Dabei geht es um umfangreiche Datenerfassung an den EU-Außengrenzen sowie
an Flug- und Seehäfen. Bei Migranten ohne gültige Einreisepapiere werden
künftig biometrischen Daten abgenommen, die dann zwecks besser
Rückverfolgung in der Eurodac-Datenbank gespeichert werden. Das Ziel ist
umfassende Kontrolle.
Im Vergleich zu diesen verschärften Sicherheitsmaßnahmen, die auch der
Abschreckung und Abschiebung dienen, fallen die Fortschritte bescheiden
aus. Über einen neuen Solidaritäts-Mechanismus will die EU jährlich
mindestens 30.000 Migranten aus Italien oder Griechenland auf andere Länder
umverteilen. Wer keine Menschen aufnehmen will, kann sich mit einer Zahlung
von 20.000 Euro pro Person freikaufen.
Bisher ist allerdings unklar, [2][wie das in der Praxis funktionieren
soll.] Polen will nicht mitmachen, die neue Regierung in Ungarn denkt noch
über die Umsetzung nach. Unklar ist auch, ob mit der Geas-Reform die
umstrittenen Kontrollen an den Binnengrenzen wegfallen. Dies hat Brüssel
gefordert und auf den besseren Schutz an den Außengrenzen sowie den
Rückgang der Asylanträge verwiesen.
Doch ausgerechnet das größte EU-Land, Deutschland, zieht nicht mit.
[3][Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärte, die
Grenzkontrollen] seien das „sichtbare Zeichen der Veränderung der
Migrationspolitik in Deutschland“. Deshalb wolle er daran festhalten. Wenn
es dabei bleibt, hätte die Reform gleich am Anfang eines ihrer wichtigsten
Ziele verfehlt – Ordnung zu schaffen.
11 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Eric Bonse
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