# taz.de -- Künstliche Intelligenz: Kaufen, scannen, füttern
> Eine Online-Plattform bestellt seit einiger Zeit größere Mengen alter
> Bücher. Händler:innen spekulieren über Betrug, doch vieles spricht für
> KI-Training.
IMG Bild: Lesestoff für Maschinen: Zwischen Antiquariat und Algorithmus entsteht ein neuer Markt
Der Spuk begann in der Nacht. Um 2.53 Uhr am 30. April ging die erste
Bestellung ein bei dem Buchverkäufer Michael Ströter. Dann die nächste,
dann die nächste. Wer da orderte, war kein:e Privatkäufer:in, sondern
immer dasselbe Unternehmen: Zoom Books, eine kanadische Plattform, die sich
als „Nordamerikas führende Firma für Buchrecycling“ bezeichnet. Nach
eigenen Angaben kauft das Unternehmen Bücher an, nimmt Bücherspenden
entgegen, verkauft Bücher – und recycelt, was unverkäuflich ist. Ihr Markt
sind die USA und Kanada. Was will Zoom Books mit gebrauchten, eher
nischigen deutschsprachigen Büchern?
Ströter verkauft antiquarische Bücher. Früher hatte er mal einen Laden in
Bielefeld, mittlerweile ist er in Rente und verkauft hobbymäßig weiter.
Maximal drei Bücher an einem Tag sind es normalerweise, erzählt er am
Telefon. Bis die merkwürdigen Bestellungen eingingen. Eine, zwei, drei,
immer mehr, immer nach demselben Muster: nachts, geordert von Zoom Books,
zu senden zunächst an ein Lager in den USA. Wie sollte er die Lieferungen
angesichts von Zoll, Porto und Formalitäten überhaupt abwickeln? Ströter
stornierte die Bestellungen.
Der Bielefelder ist nicht der einzige Händler, der das Phänomen beobachtet.
[1][In Branchenforen und auf Reddit sind die merkwürdigen Bestellungen
Thema] – und Gegenstand von Spekulationen über die Ursachen. Manche
vermuten, Zoom Books wolle sich als Anlaufstelle für vergriffene und schwer
erhältliche Bücher etablieren. Andere halten die Bestellungen für einen
Kreditkartenbetrug oder eine andere Betrugsmasche.
Die Bestellungen scheinen sich nicht auf eine Weltregion zu beschränken.
Berichte darüber gibt es aus Bulgarien, Großbritannien, Deutschland und
Neuseeland. Häufig geht es um zweistellige Stückzahlen günstiger Bücher,
deren Versandkosten den Warenwert mitunter übersteigen. Viele Händler
berichten zudem, dass die Bestellungen zwar im Namen von Zoom Books
erfolgen, die Bücher aber an Adressen in den USA geliefert werden sollen –
mutmaßlich an Logistikzentren von Amazon.
## Steckt KI dahinter?
Bei all den Spekulationen sticht eine Theorie heraus – weil sie den ganzen
Vorgang sowohl plausibel erklären könnte als auch in die Zeit passt: Es
könnte um [2][Künstliche Intelligenz] (KI) gehen. Denn die Modelle, die
KI-Chatbots wie ChatGPT, Gemini, Mistral oder Perplexity zu Grunde liegen,
müssen mit großen Datenmengen trainiert werden. Große Datenmengen gibt es
zwar im Internet. Aber hier sind sie unsortiert und häufig von
durchwachsener Qualität.
Die Unternehmen hinter diesen Modellen haben Bücher daher früh als
Trainingsmaterial entdeckt. Große Mengen aktueller Titel legal zu erwerben
– ob gedruckt oder digital – wäre allerdings teuer. Einige griffen deshalb
auf sogenannte Schattenbibliotheken zurück: illegale Büchersammlungen auf
Servern, aus denen Nutzer Werke herunterladen und zugleich wieder
bereitstellen können. Das Prinzip ist ähnlich wie das von illegalen
Musiktauschbörsen.
Gegen diese unhonorierte Ausbeutung ihrer Werke gehen wiederum die
Autor:innen auf die Barrikaden. Im vergangenen Jahr haben sie einen
größeren Erfolg erzielt: Das KI-Unternehmen Anthropic einigte sich mit
US-Autor:innen auf einen Vergleich. Damit ist eine Sammelklage beendet, die
Anthropic eine unrechtmäßige Nutzung von Büchern für das KI-Training
vorwarf. Das Unternehmen verpflichtete sich, mindestens 1,5 Milliarden
US-Dollar an Autor:innen zu zahlen. Pro Buch sollen das Medienberichten
zufolge rund 3.000 US-Dollar sein.
Legal wäre nach US-Recht allerdings das Training von KI-Modellen mit
rechtmäßig erworbenen Büchern. Und hier kommen die Bestellungen bei Händler
Ströter und anderen Antiquaren wieder ins Spiel. Kauft ein Unternehmen
große Mengen günstiger Gebrauchtbücher, zerlegt sie und scannt sie ein,
könnten die Texte anschließend zum Training von KI-Modellen genutzt werden.
Dass dies keine abwegige Theorie ist, zeigt ein Gerichtsdokument aus dem
Verfahren gegen Anthropic. Darin heißt es, das Unternehmen habe nicht nur
Millionen Bücher aus dem Internet heruntergeladen, sondern auch gedruckte
Werke gekauft, die Bindungen entfernt, die Seiten zugeschnitten,
eingescannt und als durchsuchbare PDF-Dateien gespeichert.
## Was sagt der Käufer?
Zoom Books erklärt auf Anfrage, nichts über die Abnehmer der von ihnen
gekauften Bücher sagen zu können. „Aber wir wollen klarstellen, dass Zoom
Books, im Gegensatz zu jüngsten Spekulationen, keine Bücher digitalisiert
und zerstört“, erklärt Reed Pannell, bei Zoom Books für Wachstum
zuständiger Manager. Und wäre es denn möglich, dass Zoom Books das zwar
nicht selbst macht, aber die Bücher weiterverkauft an ein Unternehmen, das
selbiges tut? Hier erwidert Reed nur erneut, dass man keine Auskünfte über
die Abnehmer geben könne.
Mittlerweile dürften jedenfalls auch die ersten Bücher eingegangen sein,
die zuvor noch bei Ströter lagerten. Denn offenbar hat sich das Unternehmen
den Bedingungen der europäischen Händler:innen angepasst. Lieferadresse
ist nun ein Lager im sächsischen Kodersdorf.
Ströter sieht das Ganze mit gemischten Gefühlen. „Das Gute ist, dass ich
meine Ladenhüter loswerde“, sagt er. Zuletzt etwa ein Buch aus den 70er
Jahren, das die Fernseherziehung in Jugend- und Kinderheimen untersuchte.
„Aber diese Sachen sind nicht mehr aktuell und entsprechen auch nicht dem
Stand der Wissenschaft.“ Er wünsche sich eine Debatte darüber, mit was für
Material KI-Modelle eigentlich trainiert werden.
Tatsächlich halten die Konzerne das geheim. Die Ausnahme bilden
Open-Source-Modelle wie das Schweizer Apertus. Hier haben die
Entwickler:innen unter anderem die Trainingsdaten offengelegt. Die
EU-Regeln für KI, der AI Act, schreiben zwar auch ein gewisses Maß an
Transparenz bei den Trainingsdaten vor. Das bleibt jedoch eher
oberflächlich. Denn eins zu eins offenlegen müssen die Anbieter ihre
Trainingsdaten nicht – eine „hinreichend detaillierte“ Zusammenfassung
reicht aus. Was das heißt, werden am Ende wohl Gerichte entscheiden müssen.
15 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.reddit.com/r/books/comments/1tot1de/zoom_books_buys_and_destroys_thousands_of_old/?tl=de
DIR [2] /Schwerpunkt-Kuenstliche-Intelligenz/!t5924174
## AUTOREN
DIR Svenja Bergt
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