# taz.de -- Blick in verschlossene NSU-Akten: Polizei ignorierte Hinweise auf rechtsextreme Motive
> Der Generalbundesanwalt hält die Akten zum Hamburger NSU-Mord unter
> Verschluss. Die taz konnte nun Teile davon einsehen.
IMG Bild: Tatort: In diesem Laden wurde Süleyman Tasköprü vom NSU ermordet
Die Aufarbeitung des Hamburger NSU-Mordes ist bis dato daran gescheitert,
dass die Bundesanwaltschaft die dafür nötigen Akten unter Verschluss hält.
Die taz konnte jetzt einen Teil dieser Unterlagen einsehen. Sie
dokumentieren eine strukturelle Ignoranz gegenüber migrantischen Zeugen und
Hinweisen auf ein rechtsextremes Tatmotiv.
Statt einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) einzurichten,
hatte die Hamburgische Bürgerschaft mit rot-grüner Mehrheit beschlossen,
die Ermordung Süleyman Taşköprüs durch den Nationalsozialistischen
Untergrund (NSU) wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen.
Noch im Februar vergangenen Jahres versicherte Bürgerschaftspräsidentin
Carola Veit (SPD): „Die Forschenden erhalten vollumfängliche Akteneinsicht
– ganz wie ein Untersuchungsausschuss.“ Ein Versprechen, das sie eigentlich
nicht geben konnte. Denn einige Akten darf nur der Generalbundesanwalt
(GBA) freigeben. Und der entschied, die Akten unter Verschluss zu halten.
Die Dokumente umfassen 141 Handakten des Hamburger Landeskriminalamts (LKA)
und der Staatsanwaltschaft, außerdem Unterlagen der bundesweiten
Ermittlergruppen im NSU-Komplex. Es sind Tausende Seiten Ermittlungsakten
über den kompletten Zeitraum von der Ermordung Süleyman Taşköprüs bis zur
Selbstenttarnung des NSU.
## Polizei ignoriert mögliche Täterbeschreibung
Felix Krebs vom Hamburger Bündnis gegen rechts hat Scans von großen Teilen
der Originaldokumente zugespielt bekommen und sich damit an die taz
gewandt. Die Datierungen, Namen, Zuständigkeiten, Ordnerdeckel und
Aktenzeichen sind konsistent und, soweit durch öffentliche Informationen
nachprüfbar, korrekt.
Die Ausblendungen begannen schon wenige Stunden nach der Ermordung von
Süleyman Taşköprü. Sein Vater fand ihn unmittelbar nach der Tat erschossen
in seinem Laden. Noch am selben Tag sagte er dem LKA, dass er zwei junge
Männer gesehen habe: groß, schlank, 25 bis 30 Jahre alt.
Auf Nachfrage antwortete er, dass es „Deutsche“ waren. Die Ermittler gingen
kaum darauf ein und ließen keine Phantombilder anfertigen. Das geschah auch
zwei Tage später nicht, als der Vater in einer Vernehmung erneut auf die
beiden Männer hinwies.
Die Akten belegen, dass das LKA den Hinweis auf die beiden Männer in
wichtige Berichte nicht aufnahm. Er taucht nicht in der ersten
Zusammenfassung des Falls an die Staatsanwaltschaft auf. Und auch als die
Ermittlungen bundesweit zusammengetragen wurden, wurden die Männer in
Berichten an die gemeinsame Einheit nicht erwähnt.
Ganz anders ging das LKA mit der Aussage einer deutschen Zeugin um, die
sich initiativ bei der Polizei gemeldet hatte. Sie gab an, zwei Tage vor
der Tat drei Türken im Laden von Süleyman Taşköprü gesehen zu haben. Die
Männer hätten auf sie aggressiv gewirkt.
Diese Aussage wurde in alle wichtigen Berichte aufgenommen. Die Ermittler
ließen außerdem ein Phantombild von einem der Männer anfertigen, das später
für die bundesweite Fahndung eingesetzt und an die Presse weitergegeben
wurde.
Die einzige NSU-Aufarbeitung, die es in Hamburg bisher gegeben hat, ist ein
Bericht des Senats aus dem Jahr 2014, in dem betont wird, dass die
Ermittlungen ergebnisoffen gewesen seien und auch ein rechtsextremes
Tatmotiv in Erwägung gezogen wurde.
Die Akten, die der taz vorliegen, widerlegen dieses Fazit. 2006 hatte der
NSU bundesweit bereits neun Menschen ermordet. Das Hamburger LKA hatte
immer noch keine validen Erkenntnisse und befragte vor allem das Umfeld von
Süleyman Taşköprü. Ein Zeuge meinte, dass es sich nicht um Morde aus
Ehrverletzung handeln könne, er glaube auch nicht an einen Auftragskiller.
„Vielleicht ist es ein Rassist. Ein Nazi, der Türken und Ausländer hasst“,
schloss er.
Die Ermittler fragten aber nur nach anderen möglichen Tätergruppen wie
Drogenhändlern oder den türkisch-nationalistischen Grauen Wölfen. Alle
Möglichkeiten lehnte der Zeuge ab. In ihrer Zusammenfassung schrieben die
Beamten: „keine Aussage von Substanz zum Motiv“. Das Stichwort
Rechtsextremismus wurde nicht aufgegriffen.
Ein anderer Zeuge überlegte, ebenfalls 2006, neben anderem, dass die Morde
mit Ausländerhass zu tun haben könnten. „Vielleicht steht eine NPD-nahe
Organisation oder etwas Ähnliches dahinter“, gab er zu Protokoll. Die
Ermittler taten den Hinweis in ihrer Zusammenfassung mit dem Satz ab: „Der
Zeuge nennt drei nackte Theorien ohne konkreten Hintergrund.“
Um mehr Hinweise zu erhalten, plante die bundesweite Ermittlergruppe BAO
Bosporus 2006 einen TV-Spot für das türkische Fernsehen. Die Hamburger
Ermittler verfassten eine sechsseitige Einschätzung dazu, wie dieser Spot
ausgestaltet werden sollte.
## Ermittlungen eingestellt, Familie nicht informiert
Sie merkten an, dass ein Interviewgeber der Polizei darauf vorbereitet
werden müsse, dass das türkische Fernsehen sich auf einen
ausländerfeindlichen Hintergrund der Taten festlegen würde. Im Kontext des
Papiers scheint es so, als ob der Interviewgeber diese Möglichkeit
kleinreden oder davon ablenken sollte.
Die Akten erzählen auch, wie die Ermittelnden mit der Familie des
Ermordeten umgingen. Nach mehreren Anfragen erhielt der Anwalt der Eltern
von Süleyman Taşköprü 2003 Einsicht in die Akten – und erfuhr erst daraus,
dass schon seit Monaten nicht mehr ermittelt wurde. „Ich finde es
unverständlich, dass die Ermittlungen eingestellt und die Akten weggelegt
wurden, ohne die von mir vertretenen Eltern des Tatopfers zu informieren“,
schrieb er daraufhin in einem Brief an die Staatsanwaltschaft.
2005 wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen, weil weitere Morde mit
derselben Waffe begangen worden waren. Das LKA vernahm die Familie erneut.
Ein Polizeibeamter vermerkte, dass er vorab ein langes Gespräch mit dem
Vater geführt habe, um „ethnische Barrikaden (Vorurteile gegenüber der
Polizei) zu minimieren“.
Die Akten geben keine Hinweise auf „ethnische Barrikaden“. Die Familie von
Süleyman Taşköprü hatte sich immer kooperativ verhalten. Über die Jahre
hinweg befragte das LKA die Angehörigen immer wieder zu denselben Themen,
überprüfte die Geschäftsunterlagen des Gemüseladens intensiv, bemühte sich
jedoch nicht darum, die Familie über den Stand der Ermittlungen
aufzuklären. In den Protokollen lässt sich nachverfolgen, wie das Vorgehen
die Familie zunehmend belastete.
## Naive Erwartungen der Bürgerschaft
Die aktuelle Blockade der wissenschaftlichen Aufarbeitung wäre laut Felix
Krebs vom Hamburger Bündnis gegen rechts vermeidbar gewesen. „Dass [1][der
Generalbundesanwalt die Hand auf den Hamburger Ermittlungsakten hat], ist
seit gut zehn Jahren bekannt“, sagt er. „Es war naiv von der Bürgerschaft,
darauf zu vertrauen, dass die Forschenden schon irgendwie die Akten
bekommen würden.“
Aus diesem Grund [2][hatten das Hamburger Bündnis gegen rechts und die
Hamburger Linkspartei einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA)
gefordert], der mehr Befugnisse hätte. „Ein PUA ist auch weiterhin der
Wunsch der Familie Taşköprü“, sagt Krebs.
Die Bürgerschaftskanzlei weist den Vorwurf zurück, dass ein PUA leichteren
Zugang zu den Akten gehabt hätte, räumt aber ein: „Dass eine entsprechende
Freigabe nicht erfolgen würde, war zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar.“
Gegen die Entscheidung des Generalbundesanwalts hat die Forschungsgruppe
Widerspruch eingelegt. Es ist unklar, wann darüber entschieden wird. Am 30.
Juni will das Bündnis gegen rechts seine Scans der Bürgerschaft übergeben,
womit sie dann den Forscher:innen zur Verfügung stünden.
[3][Am 27. Juni gedenkt die Familie ohne die Stadt Hamburg] ihres
ermordeten Angehörigen. Die Familie fühlt sich übergangen, weil die
[4][Stadt eine Gedenkveranstaltung geplant hatte], ohne sie einzubeziehen.
Sie will lieber ohne politische Vertreter trauern. Stattdessen wird Okan
Taşköprü, der Neffe des Ermordeten, Essen an obdachlose Menschen ausgeben.
18 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Hamburger-NSU-Forschungsgruppe/!6171730
DIR [2] /Aufarbeitung-der-Mordserie/!6057541
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DIR [4] https://www.spd-fraktion-hamburg.de/buergerschaft/antraege/detail/gedenkveranstaltung-anlaesslich-des-25-jahrestages-des-mordes-an-sueleyman-taskoeprue-durch-den-nsu-im-jahr-2026-ermoeglichen
## AUTOREN
DIR Andreas Speit
DIR Marta Ahmedov
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