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       # taz.de -- Kosmetik als Schönheitsideal: Für wen schminkt man sich?
       
       > Zu Teenagerzeiten konnte unsere Autorin nicht viel mit Schminken
       > anfangen, nun entscheidet sich immer öfter dafür. Was das mit ihr macht –
       > und mit den anderen.
       
   IMG Bild: Plötzlich landete die Wimpernzange doch im Einkaufskorb
       
       Alles begann mit einem etwa zweieinhalb Zentimeter langen Haar unter meiner
       linken Augenbraue. Ich entdeckte es abends beim Zähneputzen und verringerte
       sofort den Abstand zum Badspiegel. Ich kniff meine Augen zusammen, wischte
       einige Male mit meinem Finger über den Eindringling, der um einiges dicker
       und dunkler war als meine restlichen Haare, und verlor dabei vor lauter
       Aufregung die Hälfte meiner Zahnpastaspucke. Das Haar gehörte zweifellos zu
       mir.
       
       Mit einer ruckartigen Bewegung riss ich es wenig später samt Wurzel aus
       meiner Haut. Anschließend studierte ich die Poren auf meiner Nase, meine
       blassen Wangen und Augenringe. Das letzte Mal, dass ich so nah und so lange
       vor dem Spiegel stand, musste ewig her gewesen sein.
       
       Und was soll ich sagen: Zufrieden war ich nicht. Es fehlte an vielem,
       Farbe, Ausdruck, Verrücktheit! Ich musste was unternehmen, entschied ich an
       diesem Abend. Am nächsten Morgen stand ich vor dem Beautyregal der Drogerie
       bei mir um die Ecke.
       
       Die erste Mission: ein paar Einstiegsprodukte kaufen. Die zweite Mission:
       nur nicht verunsichern lassen. Weder von der absurden Auswahl an Produkten
       noch von den top gestylten Menschen, die entschieden ins Regal greifen und
       offenbar genau wissen, was sie hier tun.
       
       Ich erinnere mich an Momente, in denen meine beste Freundin mich in unserer
       Jugend für Geburtstage oder Dates schminkte. Sie hatte schon immer Spaß
       daran, ich dagegen war viel zu faul und ungeduldig. Vielleicht „kümmerte“
       ich mich auch nie sonderlich um mein Aussehen, weil Jungs für mich lange
       nur Freunde oder Teampartner waren und ich keinerlei Interesse daran hatte,
       sie optisch zu beeindrucken.
       
       ## Möglichst dezent schminken
       
       Mein weibliches Kindheitsidol hieß Vanessa, spielte Fußball und war ein
       Wilder Kerl. Obwohl auch Vanessa im zweiten Teil des Films anfing, sich für
       Gonzo Gonzales und die Skatergang zu schminken – was ich aus mehreren
       Gründen problematisch fand. Anyway.
       
       „Wimpernzangen machen wirklich einen Unterschied!“, sagte meine Freundin
       damals jedenfalls. I couldn’t care less, dachte ich. Knapp zehn Jahre
       später packe ich sie zusammen mit einer getönten Tagescreme, Mascara, Rouge
       und einem orangen Lippenstift in meinen Einkaufskorb.
       
       Eine intensive Internetrecherche gibt mir das Gefühl, genau zum richtigen
       Zeitpunkt mit dem Schminken zu beginnen. Als ich Jugendliche war, wollten
       alle in meiner Umgebung möglichst dezent aussehen. Konturen wurden perfekt
       nachgezeichnet, Rouge nur ganz leicht auf die Wangenknochen aufgetragen.
       Wer beim Schminken Fehltritte beging, fiel sofort auf – vielleicht ließ ich
       es deshalb lieber gleich bleiben.
       
       Heute wollen alle so aussehen, [1][als kämen sie vom Spaßhaben]. Menschen
       malen sich falsche Sommersprossen mit Hennafarbe ins Gesicht und kleben
       sich schwarze Sterne auf ihre Pickel. [2][Gesichter glänzen, strahlen und
       leuchten]. Forschende vermuten hinter dem Trend eine feministische
       Errungenschaft: Schminkende, also häufig Frauen, [3][wollen sich nicht mehr
       an Schönheitsnormen anpassen, sondern sich kreativ ausleben und auffallen].
       
       Dass ich mich immer öfter fürs Schminken entscheide, liegt nicht daran,
       dass ich mich ungeschminkt nicht mehr vor den Spiegel trauen würde. An
       manchen Tagen bin ich so ausgeschlafen, dass unter meinen Augen keine
       einzige Falte zu erkennen ist. An anderen ist mir total egal, wie ich
       aussehe. Aber schön finde ich so ein bisschen Farbe im Gesicht schon.
       
       Und, was noch viel wichtiger ist: Ich habe das Gefühl, deutlich mehr Zeit
       mit mir selbst und meinem Spiegelbild zu verbringen. Dafür nehme ich sogar
       in Kauf, morgens früher aufzustehen, und das heißt wirklich viel. Ich höre
       dann Musik oder Nachrichten oder telefoniere mit Freund*innen. „Wie läuft
       es mit der Wimpernzange?“, fragte mich meine Freundin letztens über
       FaceTime und ich zeigte es ihr stolz.
       
       Doch dass es weiterhin ein Problem ist, als Frau in der Öffentlichkeit
       „auffällig“ zu sein, lerne ich schnell. Mit geglätteten Haaren, getuschten
       Wimpern und farbigen Lippen werde ich in öffentlichen Verkehrsmitteln
       deutlich häufiger und unangenehmer von Männern angeglotzt als ohnehin
       schon. Verlasse ich meine Wohnung, fühle ich mich meistens wohl in meiner
       Haut. Komme ich abends wieder nach Hause, bin ich oft verstört.
       
       Wenn ich mich dann aber zum Zähne putzen vor den Spiegel stelle, sehe ich
       kein bisschen Angst. Ich sehe meine Augen, die zwischen den schwarz
       getuschten Wimpern viel mehr glänzen als sonst. Ich sehe mein Dekolleté,
       das glitzert, und meine hängenden Ohrringe, die ich zu meinem Oberteil
       abgestimmt habe. Demnächst will ich mit meiner Mitbewohnerin zur Maniküre
       gehen, ich glaube, es werden spitze rote Nägel mit Glitzersteinen darauf.
       Wenn ich in der U-Bahn das nächste Mal penetrante Blicke spüre, fahre ich
       sie einfach aus.
       
       14 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.sueddeutsche.de/magazin/getraenkemarkt/getraenkekolumne-rotbaeckchensaft-rouge-blush-trend-szm.95841
   DIR [2] https://www.elle.de/beauty-make-up-trends-fruehling-2026
   DIR [3] https://www.nature.com/articles/s41599-025-06410-6
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Katharina Federl
       
       ## TAGS
       
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