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       # taz.de -- Ultraorthodoxe in Israel: Mit Gottes Hilfe gegen die Wehrpflicht
       
       > Strenggläubige Juden blockieren am Donnerstag Autobahnen in Israel. Es
       > geht um ihre Wehrpflicht – dabei hätten sie eigentlich Grund zum Feiern.
       
   IMG Bild: Das Auftreten einiger Ultraorthodoxer wird immer provokanter: Hier am Donnerstag nahe Tel Aviv mit „Judenstern“ am Revers
       
       Etwa zwei Stunden lang haben am Donnerstagnachmittag ultraorthodoxe
       Protestierende mehrere Autobahnen in Zentralisrael blockiert. Bilder zeigen
       Männer in für die sogenannten Gottesfürchtigen typischem Outfit – Anzüge
       und weiße Hemden, Schläfenlocken, aus dem Bund hängende Schaufäden, dunkle
       Hüte. Sie bildeten Menschenketten quer über die Straße.
       
       Der Anlass der Proteste: Derzeit sitzen 19 junge ultraorthodoxe Männer in
       israelischen Gefängnissen, weil sie sich dem Wehrdienst entzogen haben.
       Dieser ist in Israel eigentlich für junge Jüdinnen und Juden, männliche
       Drusen und Zirkassen verpflichtend. Doch jahrzehntelang galt der Konsens:
       Ultraorthodoxe junge Männer, die ganztägig in einer religiösen Schule die
       Thora und weitere jüdische Texte studieren, müssen den Wehrdienst nicht
       absolvieren. Sie bekommen jährlich eine Ausnahmegenehmigung ausgehändigt,
       bis sie irgendwann über die Altersgrenze für den Wehrdienst hinausaltern.
       
       Dem Wehrdienst verweigern sie sich eigener Aussage zufolge, weil das
       Militär ihrer strengen Interpretation des jüdischen Glaubens nicht gerecht
       werden kann. So dienen im Militär etwa auch junge Frauen – für
       Ultraorthodoxe ist ein engerer Umgang mit dem anderen Geschlecht außerhalb
       der eigenen Familie aber ein Tabu. Auch die strenge Einhaltung des
       Schabbat, des Ruhetags am Samstag, kann im normalen Armeedienst nicht
       gewährleistet werden. Zwar gibt es für Ultraorthodoxe eine eigene Einheit,
       die sich um die Einhaltung dieser Gebote bemüht, doch auch das reicht
       vielen nicht.
       
       [1][Im Jahr 2024 hatte der Oberste Gerichtshof in Israel] dem
       standardisierten Erlassen des Wehrdienstes für junge Ultraorthodoxe einen
       Riegel vorgeschoben: Die israelische Regierung sollte eine Einigung finden;
       eine Anweisung zur Einberufung der jungen Wehrpflichtigen folgte. Im
       November 2025 wurde die Regierung dann angewiesen, Maßnahmen gegen die
       Verweigerer zu ergreifen. Im April wies der Oberste Gerichtshof die
       Regierung an, ökonomische Sanktionen gegen die Verweigerer auszusprechen
       und strafrechtliche Verfahren einzuleiten.
       
       ## Studium der Thora als „grundlegender Wert des Staates Israel“
       
       [2][Wie ernst es ihnen ist], zeigten einige Ultraorthodoxe bereits am
       vergangenen Wochenende. [3][Da zogen Dutzende zum Haus von Noam Solberg,
       Richter am Obersten Gerichtshof, in einer Siedlung im Westjordanland und]
       protestierten dort gegen den geforderten Wehrdienst und die Festnahme ihrer
       Glaubensbrüder. Dabei schlugen sie Scheiben ein, demolierten ein Auto,
       hinterließen eine israelische Fahne, bei der der Davidstern durch ein
       Hakenkreuz ersetzt wurde.
       
       Der Angriff erfolgte nur wenige Tage nach einem ähnlichen Überfall auf eine
       Polizeistation in der orthodox geprägten Stadt Beit Schemesch. Dieser fand
       am Freitagabend statt – während der Ruhetag Schabbat bereits begonnen
       hatte.
       
       Dabei hätten die Haredim, wie sie im Hebräischen genannt werden, gerade
       eigentlich Grund zum Feiern. Am Mittwoch war in der Knesset in einer ersten
       Lesung ein kontroverses Gesetz angenommen worden. Es definiert das Studium
       der Thora als „grundlegenden Wert des Staates Israel“ – und setzt es damit
       wohl dem Wehrdienst gleich. Mit 56 Ja-Stimmen gegen 43 Ablehnungen kam es
       durch – obwohl einige Regierungsmitglieder mit der Opposition gegen das
       Gesetz stimmten.
       
       Die Abstimmung ist wohl Teil einer Reihe von Hau-Ruck-Maßnahmen, die die
       amtierende Regierung von Premier Benjamin Netanjahu vor den bald
       anstehenden Wahlen noch anschiebt oder durchsetzt. In dieser Koalition
       sitzen neben Netanjahus Likud-Partei auch Rechtsextreme sowie zwei Parteien
       der Haredim.
       
       In diese Kategorie der noch schnell durchzubringenden Gesetze gehört wohl
       auch, [4][dass Netanjahu seinen Anwalt Michael Rabello in die Position des
       Obersten staatlichen Finanzkontrolleurs hievte.] Die Times of Israel
       schrieb im Zuge dessen von „Patrimonialismus“ – also einem System, das über
       Loyalitäten und Vetternwirtschaft statt Bürokratie und Gesetzestreue
       funktioniert. Und dass Netanjahu so zeige, „dass er persönliche Loyalität
       über grundlegende demokratische Normen stellt“.
       
       Das Gesetz zur de-facto-Gleichstellung von Thora-Studium und Wehrdienst
       muss nun noch weitere Komitees in der Knesset passieren. Die Regierung
       versucht aber, das Gesetz noch in ihrer Amtszeit durchzubringen.
       
       Die Ausnahme vom Wehrdienst für Ultraorthodoxe ist auch deshalb gerade
       derzeit so kontrovers, weil Israel an mehreren Fronten Krieg führt:
       Libanon, Gaza, Syrien, Iran. Hinzu kommt die Besatzung des Westjordanlands.
       Etwa 12.000 junge Rekruten fehlten dem Militär, erklärte Militärchef Eyal
       Zamir und warnte jüngst vor einem „Kollaps der Streitkräfte“. Etwa 80.000
       junge Haredim müssten derzeit eigentlich eingezogen werden, [5][berichtet
       die Times of Israel]. Sie machten über 80 Prozent aller Verweigerer aus.
       
       12 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Vom-Thora-Studium-auf-die-Strasse/!6017862/
   DIR [2] /Massenproteste-in-Israel/!6125821
   DIR [3] https://www.timesofisrael.com/haredi-rioters-sought-to-physically-harm-deputy-supreme-court-chief-police-said-to-find/
   DIR [4] https://www.haaretz.com/israel-news/israel-politics/2026-06-03/ty-article/.premium/chaos-in-knesset-as-likud-orders-mks-to-document-secret-ballots-in-watchdog-vote/0000019e-8d74-d0a9-a7df-bdfe40de0000
   DIR [5] https://www.timesofisrael.com/up-to-80-of-all-draft-evaders-are-ultra-orthodox-idf-general-tells-knesset/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Lisa Schneider
       
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