# taz.de -- Tagebuch aus Russland: Wie Afrikaner in das russische Labyrinth des Todes geraten
> Russland holt sich seine Rekruten von überall. Wer sich aus der Armee
> befreien will, hat oft nur eine Chance: Er muss ein anderes Opfer
> benennen.
IMG Bild: Ukrainisches Lager für Kriegsgefangene mit Soldaten der russischen Armee, die aus Nigeria, Ghana oder Nepal stammen, Februar 2026
Ich gebe in die Suchmaschine die Worte „Ausländer in der russischen Armee“
ein. Unter den ersten fünf Treffern erscheint die Website „Sila Rodiny“
(„Die Kraft der Heimat“). Auf diesem Portal zeigen sich glückliche und
bestens ausgerüstete Kasachen, Kirgisen, Belarussen und andere Männer in
russischen Uniformen, wie sie vor Schützengräben und Feldstellungen
posieren.
Die Bilder wirken leicht comicartig. Ihre offensichtliche Gleichförmigkeit
verrät den Einsatz von künstlicher Intelligenz.Daneben finden sich Links,
wie man mit der russischen Armee einen Vertrag abschließen kann.
Versprochen wird Unterstützung in jeder Phase: von der Ankunft in Russland
bis zur Unterbringung. Angeblich können Bewerber sogar wählen, ob sie einen
Einsatz bei rückwärtigen Einheiten oder einen an der Front vorziehen.
Zugleich locken hohe Prämien. Sie sind für die Eroberung eines Panzers oder
für Geländegewinne im Rahmen von Sturmangriffen ausgelobt. Für einen Tag an
der Front werden umgerechnet rund 80 Euro versprochen, für jeden eroberten
Kilometer etwa 500 Euro.
## 15.000 Soldaten alleine aus Nepal
Diese Website ist nur einer von vielen Versuchen, [1][junge Männer zu
rekrutieren]. Bereits 2023 wurden in Nepal 12 Werber für die russische
Armee festgenommen. Nach Schätzung etlicher Medien könnte Russland in dem
Himalaya-Staat in den ersten drei Kriegsjahren bis zu 15.000 Kämpfer für
die Front rekrutiert haben.
Zu den bekannten Herkunftsländern ausländischer Rekruten gehörten schon in
den ersten Jahren der Invasion auch Kuba und Somalia. Gerade in Afrika
wirbt Russland besonders intensiv um neue Soldaten, was in westlichen
Medien nur wenig Aufmerksamkeit erhält.
Bei Recherchen konnten die Namen von Bürgern aus 36 afrikanischen Staaten
dokumentiert werden, die angeworben wurden. Menschenrechtsorganisationen
sehen in diesem Rekrutierungssystem zahlreiche Merkmale des
Menschenhandels.Oft wissen die angeworbenen Afrikaner nicht einmal, wohin
sie reisen oder was sie dort erwartet. Den Betroffenen wird oft eine gute
Ausbildung und ein komfortables Leben in einem fernen nördlichen Land
versprochen. Erst nach ihrer Ankunft erkennen viele, dass sie in die Hände
der Militärbehörden geraten sind.
Ein Detail verdeutlicht das Ausmaß des Systems besonders: Potenziellen
Opfern wird nicht nur der Dienst an der Front angeboten, sondern sie werden
zudem ermutigt, selbst neue Rekruten anzuwerben. Für jeden Abschluss werden
ihnen Prämien von 500 bis 700 US-Dollar versprochen.
## Mythologie und Kriegsrealität
Um es mit einer Metapher zu sagen: Es entsteht eine Art Labyrinth. Im Mai
2026 feierte beim Festival von Cannes der neue Film des russischen
Regisseurs Andrey Zvyagintsev, „[2][Minotaur]“, einen viel beachteten
Erfolg. Darin muss der Protagonist, ein russischer Geschäftsmann, unter
anderem 14 Namen finden. 14 Menschen, die in den Krieg gegen die Ukraine
geschickt werden sollen.
Die Zahl ist kein Zufall. In der griechischen Mythologie mussten die
antiken Stadtstaaten dem Minotaurus, dem Ungeheuer im Labyrinth, jedes Jahr
14 junge Menschen als Opfer überlassen.Auch heute führt ein Labyrinth aus
Versprechen, Täuschungen und finanziellen Anreizen Menschen aus aller Welt
an die Front. Und wie in der antiken Sage finden nicht alle wieder hinaus.
Im 21. Jahrhundert hat [3][Russland] ein bemerkenswertes System geschaffen.
Darin wird jeder potenzielle Rekrut zu einer Ressource, aus der sich Profit
schlagen lässt – vorausgesetzt, man legt alle menschlichen Skrupel ab.
Jeder kann versuchen, selbst der Warteschlange zu entkommen, indem er
andere an seiner Stelle dem Monster zum Fraß vorwirft. Und dafür wird er
sogar bezahlt.
Die Metapher vom Labyrinth reicht noch weiter. Jeder Gefangene dieses
Systems ist zugleich auch ein wenig Minotaurus. Denn die Menschen, die auf
diesem Weg in den Krieg geraten, ziehen nicht nur los, um zu sterben. Sie
ziehen auch los, um zu töten.
[4][Alexey Schischkin] ist Journalist aus St. Petersburg. Seit der
russischen Invasion in die Ukraine lebt und arbeitet er im Exil in Estland.
Er war Teilnehmer eines [5][Osteuropa-Workshops der taz panterstiftung].
Aus dem Russischen von [6][Tigran Petrosyan].
Durch Spenden an die [7][taz panterstiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
27 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Kriegswerbung-in-russischen-Staedten/!5952919
DIR [2] https://www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/minotaur-2026
DIR [3] /Tagebuch-aus-Estland/!6086531
DIR [4] /Alexey-Schischkin/!a123125/
DIR [5] /taz-Panter-Stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
DIR [6] /Tigran-Petrosyan/!a22524/
DIR [7] /Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/
## AUTOREN
DIR Alexey Schischkin
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