# taz.de -- Migrations-Referendum in der Schweiz: Auch Deutsche unerwünscht
> Am Sonntag stimmen die Schweizer ab, ob ihr Land seine Bevölkerungszahl
> begrenzen soll. Die rechte Initiative führt dafür auch ökologische
> Argumente an.
IMG Bild: Volksabstimmung in der Schweiz: die Rechte „SVP“ will die Zuwanderung deckeln
dpa/taz | Die Themen Asyl und Migration werden in der Schweiz wie in vielen
Ländern heftig diskutiert. Angeheizt wird die Debatte wie überall von
rechten Populisten, die Ausländer für alle möglichen Probleme
verantwortlich machen: für zu hohe Mieten, zu volle Züge, zu lange Staus,
zu viel Kriminalität. In der Schweiz hat die rechtspopulistische Schweizer
Volkspartei (SVP) zum wiederholten Mal [1][eine landesweite Volksabstimmung
durchgesetzt]: Am Sonntag entscheiden die Schweizer, ob die Einwohnerzahl
des Landes via Verfassung begrenzt werden soll. Das könnte auch
Auswirkungen auf Deutsche haben.
Die SVP ist zwar die wählerstärkste Partei, kann ihre Politik aber nicht
vollständig umsetzen, weil in der siebenköpfigen Regierung traditionsgemäß
[2][die vier größten Parteien vertreten sind, die stets Kompromisse
aushandeln]. Darum treibt sie die anderen Parteien gerne mit landesweiten
Volksabstimmungen vor sich her, die in der Schweizer Verfassung verankert
sind und [3][in der Politik des Landes traditionell eine wichtige Rolle
spielen]. Das Ergebnis der Abstimmung könnte einmal mehr knapp werden.
## Worum geht es genau?
„Die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz darf zehn Millionen bis 2050
keinesfalls überschreiten“, heißt es auf der Webseite der Initiatoren.
„Ansonsten muss der Bundesrat die bevölkerungstreibenden internationalen
Verträge kündigen.“ Heute hat die Schweiz etwa 9,1 Millionen Einwohner.
Die SVP kämpft seit Jahrzehnten [4][gegen Einwanderer, die Aufnahme von
Flüchtlingen und eine enge Anbindung an die EU]. Sollte die Initiative
durchkommen, müssten abgelehnte Asylbewerber das Land schneller verlassen.
Es würden weniger Menschen Asyl bekommen und weniger Familienmitglieder in
die Schweiz kommen dürfen. Wenn das nicht reicht, müsste auch die mit der
EU vereinbarte Personenfreizügigkeit gekündigt werden.
„Uns geht es primär um Zuwanderer, die nicht arbeiten“, sagt SVP-Präsident
Marcel Dettling dem Tages-Anzeiger. Offiziell heißt der Vorstoß
„Nachhaltigkeitsinitiative“, das klingt freundlicher und [5][ökologisch
angehaucht]. Das Argument lautet, mit weniger Einwohnern müsse weniger
gebaut werden, und Ressourcen würden geschont. Die SVP wirbt dazu mit
Bildern von unverstelltem Alpenpanorama, Kühen und satten grünen Wiesen.
## Betrifft das auch Deutsche?
Ja. Heute kann jeder Deutsche in der Schweiz wie in anderen EU-Ländern
leben und arbeiten. Die 340.000 Deutschen sind die zweitgrößte
Ausländergruppe nach den Italienern. Sie machen rund 14 Prozent der 2,4
Millionen Ausländer aus.
Dazu kommen gut 67.000 Grenzgänger aus Deutschland, die zum Arbeiten in die
Schweiz fahren. Ohne das Freizügigkeitsabkommen mit der EU würde es für sie
viel komplizierter, eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen. „Die Initiative
stößt unsere Nachbarn vor den Kopf“, warnt der Schweizer Justizminister
Beat Jans. Er ist Sozialdemokrat.
## Zieldatum ist 2050. Würde sich bis dahin nichts ändern?
Doch, denn die Behörden müssen schon jetzt umgehend die Weichen dafür
stellen, dass die Einwohnerzahl nicht wie bisher steigt. Konkrete Maßnahmen
wären bei 9,5 Millionen vorgeschrieben. Die Schwelle dürfte in den 2030ern
erreicht sein.
Diese Begrenzung beträfe nicht nur Asylbewerber, sondern auch andere
Einwanderer – und sogar Deutsche. Von 2011 bis 2024 kamen nach einer
Analyse der Neuen Zürcher Zeitung nur 14 Prozent der Einwanderer über Asyl-
und Schutzgesuche in die Schweiz. Der überwiegende Rest waren
EU-Bürgerinnen und -Bürger, die zum Arbeiten kamen, sowie deren Familien.
Es reiche also nicht, „die Grenze für Geflüchtete und ihre Familien
dichtzumachen“, warnt der Sozialdemokrat Jans. Schnell müsse deshalb auch
die Einwanderung aus der EU begrenzt werden, wenn das Referendum eine
Mehrheit bekäme.
## Was sagt die EU dazu?
Sie hält sich bislang zurück. Die Schweizer Boulevardzeitung Blick zitiert
aber aus einem EU-Entwurf für den Fall, dass die Initiative angenommen
würde. Darin heiße es, die Freizügigkeit sei ein „Eckpfeiler der
bilateralen Beziehungen“ und müsse bewahrt bleiben. Mit der Kündigung der
Freizügigkeit würden auch alle anderen bilateralen Abkommen hinfällig, weil
es eine „Guillotine-Klausel“ gibt: fällt eins, fallen alle.
Das dürfte auch die Gültigkeit der EU-Schengen- und Dublin-Abkommen
betreffen, denen die Schweiz sich angeschlossen hat. Sie bestimmen, dass
jeder Asylsuchende im ganzen Raum nur ein Asylgesuch stellen kann. Wenn die
Schweiz nicht mehr dazugehört, könnten Menschen, die in der EU abgelehnt
wurden, in der Schweiz einen neuen Antrag stellen – das wäre das Gegenteil
von dem, was die SVP will.
## Warum ist die Regierung gegen die Initiative?
Sie führt vor allem den Fachkräftemangel an: Ohne Arbeitskräfte aus dem
Ausland gehe es nicht. Außerdem steige ohne weitere erwerbstätige
Zuwanderer das Durchschnittsalter der Bevölkerung weiter an. Denn die
Geburtenrate in der Schweiz ist niedrig, rechnerisch liegt sie bei 1,29
Kinder pro Frau. Weniger Erwerbstätige hieße auch: weniger Steuern und
weniger Einzahlungen in die Rentenkasse. Der Gesundheits- und Pflegebereich
kommt schon jetzt ohne Kräfte aus dem Ausland nicht zurecht. „Diese
Initiative kann Ihre Gesundheit gefährden“, warnt Beat Jans oft.
Das Schweizer Bundesamt für Migration hat eine Studie über die Folgen einer
Annahme der Initiative erstellen lassen. Das Fazit: „Die Studie zeigt, dass
eine Begrenzung der Bevölkerung auf zehn Millionen in der Gesamtbilanz mit
erheblichen volkswirtschaftlichen und sozialpolitischen Kosten verbunden
wäre.“
## Was sagen die Umfragen?
Erst war eine Mehrheit in Umfragen für eine Begrenzung der Einwanderung.
Zuletzt zeichnete sich aber eine Trendwende ab. Allerdings sieht es nach
wie vor knapp aus, und [6][zuletzt wichen Ergebnisse oft deutlich von
Umfragen ab].
14 Jun 2026
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